Europa und der Islam - Kann Literatur Freiräume im vorpolitischen Raum schaffen? | Bücher | DW | 21.10.2016
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Europa und der Islam - Kann Literatur Freiräume im vorpolitischen Raum schaffen?

Meinungs- und Pressefreiheit, Menschenrechte, die Position der Frau - Schlagworte einer Debatte, die auch auf der Frankfurter Buchmesse geführt wird. Wie sieht das Verhältnis Europas zu islamisch geprägten Ländern aus?

Frankfurter Buchmesse 2016 Weltempfang Daniel Cohn-Bendit Elif Shafak (Alexander Heimann)

Daniel Cohn-Bendit und die türkische Autorin Elif Shafak beim Forum "Weltempfang"

Es ist ein hochbrisantes Thema: Der Islam wird häufig kriminalisiert, mit Islamismus in Verbindung gebracht und in die Nähe des Terrorismus gerückt. Auf der Frankfurter Buchmesse wird die Beziehung Europas zu islamisch geprägten Ländern vielfach diskutiert. Wie sollte man umgehen mit ultrakonservativ geprägten Staaten wie Saudi-Arabien oder Katar? Welche Rolle spielt die Türkei? Und wie wirken sich innereuropäische Entwicklungen aus, etwa die Abschottung gegen Flüchtlinge, die Fremdenfeindlichkeit oder der nationalistisch gefärbte Populismus?

Jürgen Boos Direktor der Frankfurter Buchmesse ARCHIV 2011 (picture-alliance/dpa)

Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse

Auf der Buchmesse ist der "Weltempfang" traditionell der Ort, an dem Podiumsdiskussionen, Gespräche und Lesungen mit internationalen Autoren, Intellektuellen und Übersetzern stattfinden. In diesem Jahr widmet sich das Forum dem Thema "Europa" - und geht gleich zur Eröffnung großformatig an seinen Gegenstand heran: "Europa und der Islam" - das sei eine der wichtigsten Debatten der Messe, urteilt Messedirektor Jürgen Boos bei seiner Begrüßung. Auf dem Podium: die türkische Star-Autorin Elif Shafak und der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, Friedenspreisträger von 2011. Beide hätten "Jahre ihres Lebens damit verbracht, Phänomene unserer Zeit zu analysieren und bestimmte globale Entwicklungen zu erklären", so Boos. 

Den einen Islam gibt es nicht

Gemeinsam mit Dr. Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt und Moderator Daniel Cohn-Bendit bemühen sich Shafak und Sansal angesichts der Uferlosigkeit der Debatte um konkrete Ansätze. Bei einer Sache sind sich alle von vornherein einig: Es ist unsinnig, von einem homogenen "Islam" auszugehen. "Wir vergessen leicht, dass es so etwas wie einen singulären Islam nicht gibt", erinnert Shafak, und Sansal dankt ihr dafür. Im Laufe der Geschichte habe es eine erstaunliche Breite an Interpretationen des Islam gegeben - auch heutzutage gebe es ganz verschiedene Ausprägungen, je nachdem, mit wem man es zu tun habe und wohin man blicke. Vom Islam ließe sich nur im Plural sprechen.

Türkische Journalisten Protest Gerichtsgebäude Istanbul Can Dundar (picture-alliance/AP Photo/O.Kuscu)

Türkische Journalisten protestieren in Istanbul gegen die Einschränkungen ihrer Arbeit

Undemokratische Tendenzen, Festnahmen, zunehmender religiöser Dogmatismus - wenn sie über ihr Heimatland spricht, wird Elif Shafak sehr nachdenklich. Sie sei äußerst deprimiert, sagt die türkische Bestseller-Autorin, die in London lebt. Populismus und Stammesdenken ("tribalism") als Produkt von Irrationalismus und Kollektivismus breiteten sich jedoch nicht nur in der Türkei aus, sondern in vielen Regionen der Welt. Shafak erinnert sich an eine der massiv plakatierten Parolen der Brexit-Befürworter: "The Turks are Coming", das angebliche Einfallen türkischer Horden, als "fear factor". Sie plädiert dagegen für Diversität. "Ich komme aus einem Land, das sein kosmopolitisches Erbe nie geschätzt hat", kritisiert sie. "Durch den Verlust unserer Vielfalt ist uns eine Menge entgangen."

"Unsere Aufgabe ist es, Widerspruch auszuhalten"

Frankfurter Buchmesse 2016 Weltempfang Boualem Sansal, (Alexander Heimann)

Elif Shafak, Boualem Sansal und Dr. Andreas Görgen

Eine Renationalisierung, wie sie derzeit in vielen Ländern um sich greife, sei im 21. Jahrhundert keine Lösung. Das bestätigt auch Andreas Görgen, der im Auswärtigen Amt die Abteilung für Kultur und Kommunikation leitet. "Unsere Aufgabe ist es, Widerspruch zu organisieren, ihn auszuhalten und uns damit auseinanderzusetzen." Dafür auch im Ausland einzustehen, sei Aufgabe auswärtiger Kulturpolitik. Deswegen sei es so wichtig, mit der Frankfurter Buchmesse, dem Goethe-Institut oder mit Literaturfestivals im Ausland zusammenzuarbeiten. "Es entspricht unserer Gesellschaft, dass die Kunst schrankenlos ist, sie schafft Freiräume im vorpolitischen Raum, in dem sich die Narrative, die Erzählungen der Völker, ihre Vorstellungen und Bilder treffen, sich auseinandersetzen und auch wieder zusammensetzen können."

Künstler und Schriftsteller als Vorboten der Politik? "Es geht uns darum, das Bild der anderen zu erfahren und auch wieder nach Deutschland hineinzutragen, denn nur so wird sich unser Land auch wirklich verändern", erklärt Görgen. Boualem Sansal, der in Algerien gegängelt und von mehreren Gerichtsverfahren bedroht ist, bezweifelt diesen Idealismus - und erhebt den bekannten Vorwurf des Eurozentrismus: Die Europäer wüssten zu wenig über die Länder, mit denen sie im Verhältnis stünden. "Wir in den maghrebinischen Staaten kennen Frankreich oder Deutschland sehr viel besser als die Deutschen beispielsweise die Türkei. Wir kennen die Kultur, wir kennen die Religion. Sie dagegen wissen so gut wie nichts von der Welt, die ihnen gegenübersteht." Das sei eine Lücke, die schnell geschlossen werden müsse. 

Droht das Ende der Welt?

Schon seit vielen Jahren möchte Sansal die Europäer wachrütteln: Er hält den Sieg des Islamismus über den Westen für möglich - keinesfalls nur fiktiv wie in seinem 2015 erschienenen tief pessimistischen Roman "2084 - Das Ende der Welt". Mit dem Terrorismus sei die Angst nach Europa gekommen. Und: Er käme ja nicht mehr allein von außen, sondern inzwischen auch von innen, wenn radikalisierte Franzosen oder möglicherweise auch Deutsche zu Attentätern würden. "Die Islamisierung findet statt. Sie wird von großen Staaten finanziert, und sie wird von sehr intelligenten Leuten getragen. Die europäische, westliche Gesellschaft wird sich wandeln."

Unabhängig davon sieht der preisgekrönte Autor einen Niedergang der westlichen Gesellschaften durch einen Verfall ihrer demokratischen Werte. "Die Geschichte entgleitet den Europäern. Sie geschieht jetzt anderswo, im pazifischen Raum, in Afrika, auch in den orientalischen Staaten." Europäer seien nur noch die Empfänger von Signalen. "Die demokratischen Werte sind müde, vor allem in den Ländern, die die Demokratie erfunden haben." Westliche Regierungen untergraben die eigenen moralischen Werte, sagt Sansal, indem sie sich zweifelhaften Systemen wie Saudi-Arabien oder Katar öffneten - Ländern, die direkt eingriffen, um die Islamisierung voranzutreiben.

Elif Shafak setzt Sansals Pessimismus ihren humanistischen Ansatz entgegen. Doch der Friedenspreisträger beharrt: "Die Bürger im Westen sind verstört". So oder so: Europa kommt um eine Werte-Diskussion nicht herum. Das ist das klar vernehmbare Fazit der Diskussion.

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