Europäische Waffen überschwemmen den US-Markt | Welt | DW | 28.03.2018
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Schattenseite des US-Waffenwahns

Europäische Waffen überschwemmen den US-Markt

Europäer prangern gerne den Waffenkult der US-Amerikaner an. Was kaum diskutiert wird: Einige Hersteller haben keine Bedenken, ihre Waffen dorthin zu verkaufen. Dabei wurden bei Massakern häufig EU-Fabrikate benutzt.

USA Waffenladen in Florida (picture-alliance/AP Photo/L. Sladky)

Waffenladen in Florida: Eine Kundin lässt sich eine Österreichische Glock 42 zeigen

Was haben einige der schlimmsten Massaker in der jüngeren US-Geschichte gemeinsam? Es wurden Schusswaffen benutzt, die entweder in Europa hergestellt oder in den USA von europäischen Unternehmen produziert wurden.

Der Schütze, der im Juni 2016 in Orlando 49 Menschen in einem Schwulen-Nachtclub tötete, benutzte dabei eine Pistole des österreichischen Herstellers Glock sowie ein halbautomatisches Gewehr von SIG Sauer. Diese Art von Waffen ist in Deutschland entweder komplett verboten oder nur unter scharfen Auflagen erhältlich. Der Hersteller SIG Sauer mit Sitz in Schleswig-Holstein gehört der deutschen Lüke und Ortmeier Holding. 

Waffen von SIG Sauer und Glock wurden auch beim Massaker mit 28 Toten an einer Grundschule in Newton, Connecticut, im Dezember 2012 verwendet - und auch in Parkland beim tödlichsten Highschool-Massaker der US-Geschichte mit 17 Toten.

In dem Kino in Aurora, Colorado, bei dem im Juli 2012 elf Besucher starben, benutzte der Täter ebenfalls eine Waffe von Glock. Glock hatte auch das halbautomatische Gewehr hergestellt, mit dem im Januar 2011 in Tuscon, Arizona, ein 22-Jähriger sechs Menschen tötete und die Kongress-Abgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzte.

Als in Binghamton vierzehn Menschen in einem Einwandererzentrum getötet wurden, schoss der Täter mit einer italienischen Beretta. Und bei dem Amoklauf an der Virginia Tech University mit 33 Toten im Juni 2007 wurden eine deutsche Walther und eine österreichische Glock benutzt.

Wachstumsmarkt USA

Diese Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig, sondern nennt nur Beispiele. Alle diese Waffen wurden in den USA legal erworben.

Zwischen 2010 und 2016 verdoppelten die europäischen Hersteller ihre Exporte für den zivilen US-Waffenmarkt. Das fand der Waffenhandels-Experte Nicholas Marsh vom Peace Research Institute Oslo mit Hilfe von Daten der US-Regierung für die Deutsche Welle heraus.

Deutschland March For Our Lives in Berlin (Getty Images/A. Berry)

Anti-Waffen-Demo vor der US-Botschaft in Berlin: Viele Europäer wissen nicht um die Rolle der hiesigen Waffenhersteller

2010 machte der europäische Anteil an diesen Waffen zwei der geschätzten acht Millionen Exemplare auf dem zivilen Markt aus. 2016 waren es vier von geschätzten 16 Millionen. Die Zahlen zeigen, dass die europäischen Waffenkonzerne auf dem US-Markt mithalten und ihre Verkaufszahlen der Nachfrage entsprechend erhöhen konnten. "Es gibt keine wirkliche Debatte darüber in Europa", sagt Marsh. Und auch in den USA werde kaum über die Rolle europäischer Waffen bei solchen Ereignissen debattiert.

Das machte es für die europäischen Waffenhersteller leicht, ihren Anteil am US-Waffenmarkt zwischen 2010 und 2016 zu halten, so Marshs Analyse der Daten der US-Bundesbehörde Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms. Nach wie vor komme eine von vier Waffen in den USA aus Europa: "Der entscheidende Unterschied ist aber, dass die reine Zahl europäischer Waffen sich in der Periode von zwei auf vier Millionen verdoppelt hat."

Deutschland an dritter Stelle

Die größte Rolle spielt in dem Zusammenhang Österreich, das 2016 über 1,3 Millionen Waffen exportierte - (zum Vergleich: im Jahr 2010 waren es nur rund 434.000). Das verdankt Österreich maßgeblich der Glock 19, einer der am häufigsten verkauften Handfeuerwaffen in den USA.

Dahinter liegt Kroatien: Im Jahr 2016 wurden etwa 574.000 Pistolen der Marke HS in die USA exportiert, 2010 waren es noch 239.000. Die Geschäftsstrategie von HS sei einzig und allein auf den US-amerikanischen Markt ausgerichtet, sagt Marsh.

An dritter Stelle der Exporteure steht Deutschland: Im Jahr 2016 wurden rund 473.000 Waffen in die USA ausgeführt, gegenüber 267.000 im Jahr 2010. Auf den weiteren Plätzen folgen Italien und die Tschechische Republik - ebenfalls mit einem Stückabsatz in sechsstelliger Höhe.

Verkaufen und spenden

Die europäischen Waffenhersteller überschwemmen nicht nur den US-Markt mit Waffen. Sie sind auch wichtige Spender der National Rifle Association (NRA), der mächtigen amerikanischen Waffenlobby.

Eine Studie des Violence Policy Center (VPC), einer in Washington ansässigen Waffenkontrollgruppe, ergab, dass europäische Waffenhersteller der NRA im Jahr 2012 mindestens 2,175 Millionen Dollar (etwa 1,764 Millionen Euro) spendeten. Aktuellere Daten über Spenden von Waffenfirmen lägen nicht vor, da sich die NRA weigere, Unternehmensspenden öffentlich zu machen, sagt Josh Sugarmann. Der VPC-Direktor sieht darin ein Anzeichen dafür, dass sich die NRA von einer Lobbygruppe der Waffenbesitzer zu einer der Waffenindustrie entwickelt habe.

Es sei kein Wunder, dass sich die europäischen Büchsenmacher auf den US-Markt stürzen, befindet Sugarmann. "Für die Welt sind wir der letzte große legale Waffenmarkt. Deshalb können die Firmen ihre Waffen gut bei uns absetzen."

"Europäische Heuchelei"

Was Sugarmann wirklich kritisiert, ist die Haltung der europäischen Regierungen. "Regierungen, die restriktive Waffengesetze zum Schutz ihrer Bürger erlassen haben und gleichzeitig den Export dieser Waffen in die USA erlauben, handeln heuchlerisch." Er glaubt, dass die Europäer mehr Druck auf ihre Regierungen und die europäischen Waffenhersteller ausüben würden, wenn die Rolle Europas in dieser Frage bekannter würde.

"Wenn man die Rolle dieser Unternehmen mehr in den Blick nehmen würde und die Tatsache, dass ihre Waffen bei Massakern eingesetzt werden, dann würden sich mehr Menschen empören", sagte er. "Und, um ehrlich zu sein, hätten sie dann auch ein gewisses Gefühl moralischer Verantwortung."

Die Waffenunternehmen Glock, SIG Sauer und Beretta reagierten nicht auf Anfragen der DW.