EURO 2024: Ist die Türkei der bessere Gastgeber? | Sport | DW | 26.09.2018
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EURO 2024

EURO 2024: Ist die Türkei der bessere Gastgeber?

Die Türkei geht als Außenseiter ins Rennen um die Fußball-Europameisterschaft 2024, denn bei Wirtschaft, Stadien und Menschenrechten ist Deutschland besser aufgestellt. Aber die Türkei punktet auf anderen Feldern.

Türkei Fußballfans Fahnen (picture-alliance/AA/S. Zeki Fazlioglu)

Leidenschaftliche Fans hat die Türkei - aber derzeit auch einige Probleme im heimischen Fußball

Am Donnerstag ist es so weit: In Nyon wird darüber abgestimmt, welches Land Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft 2024 sein wird - Deutschland oder die Türkei? Folgt man den Wettanbietern, ist das Rennen schon gelaufen. Deutschland liegt bei den Buchmachern klar vorne. Bei "Bet90" bekommt man für einen gesetzten Euro auf einen EM-Gastgeber Deutschland im Erfolgsfall nur 1,20 Euro zurück, für einen Euro auf die Türkei sind es schon vier Euro. Bei "bwin" bringt ein deutscher Favoritensieg gerade mal 1,05 Euro bei einem Euro Einsatz, geht die EM an die Türkei, erhält der Kunde bei gleichem Einsatz dagegen acht Euro. Also alles schon entschieden?

UEFA-Bericht in der Türkei zensiert

Es scheint so. Die Europäische Fußball-Union UEFA stellte in ihrem Evaluationsbericht zur Bewerbung um die Europameisterschaft 2024 der deutschen Kandidatur in mehreren Kategorien ein besseres Zeugnis aus als der Konkurrenz aus der Türkei. Deutschlands "inspirierende, kreative und sehr professionelle Vision" wird gelobt, während auf türkischer Seite das Fehlen eines Aktionsplans Menschenrechte kritisiert wird. Der Bericht ist ein klarer Fingerzeig und soll dem UEFA-Exekutivkomitee Informationen über die Bewerber geben - eine Grundlage für die Wahl am Donnerstag in Nyon. In der Türkei wurde dieser Bericht weitgehend zensiert, der Öffentlichkeit waren ausschließlich die Deutschland-kritischen Passagen zugänglich.

Für die Türkei steht viel auf dem Spiel: Im spannungsgeladenen Verhältnis zu Deutschland wäre ein Wahlsieg in diesem auch politisch brisanten Duell ein großer Achtungserfolg und ein mächtiges Signal nach innen. Die Wirtschaft ist angeschlagen, die türkische Lira hat dramatisch an Wert verloren. Eine EM im eigenen Land könnte die Türkei auf vielen Feldern beflügeln. Auch deshalb gibt man sich dort kämpferisch.

Özil-Affäre und WM 2006 als Hypothek für Deutschland?

Keser ist der Meinung dass die Türkei auch strukturell vorbereitet sei

Ex-BVB-Profi Erdal Keser: "Die Türkei ist bereit für das Turnier"

Erdal Keser jedenfalls glaubt an die Chancen der Türkei. Geboren in der Türkei, kam er als Zehnjähriger nach Deutschland, wurde in den 1980er Jahren bei Borussia Dortmund Profi, wechselte später zwischen Galatasaray Istanbul und Dortmund hin und her und entschied sich für die türkische Nationalmannschaft. "Auch wenn dieser Bericht nicht bindend ist, war es für die Türkei bislang schwer, diese Organisation zu überzeugen", erklärt er im Gespräch mit der DW, meint aber, dass die Türkei dafür auf anderen Feldern punkte. "Die Türkei ist bereit für das Turnier, die Infrastruktur ist da." Keser, der auch eine Zeit lang beim türkischen Fußball-Verband TFF tätig war, ist überzeugt davon, dass die Türkei die Wahl als Außenseiter gewinnen kann und nennt zwei weitere Gründe: Die durch die Affäre um Mesut Özil entfachte Rassismus-Debatte in Deutschland und die noch immer nicht abgeschlossenen Untersuchungen der Schmiergeldvorwürfe gegen Deutschland im Rahmen der WM 2006 könnten die Position der Türkei stärken, meint Keser: "Deutschland schämt sich im Grunde dafür, Geld bezahlt zu haben, um einen Wettbewerb austragen zu dürfen." Auch die Fan-Proteste in Deutschland gegen die Kommerzialisierung des Fußballs sowie gegen DFB-Präsident Reinhard Grindel habe man in der Türkei durchaus wahrgenommen.

Und nicht zuletzt hoffen viele in der Türkei, jetzt einfach an der Reihe zu sein. Denn die Türkei bewirbt sich bereits zum fünften Mal in Folge. Für die EM 2008 scheiterte eine gemeinsame Bewerbung mit Griechenland, für die Euro 2012 flog man ebenfalls aus dem Rennen und 2016 war es schließlich unerwartet knapp: Im zweiten Wahlgang unterlag die Türkei Frankreich mit 6:7 Stimmen. Die EM 2020 sollte dann an die Türkei gehen, versprach der damalige UEFA-Präsident Michel Platini, doch die Türkei wollte nicht nur die Finalspiele der paneuropäischen EM austragen und zog seine Bewerbung zugunsten einer erneuten Bewerbung für 2024 zurück. "Wir möchten als das Land, das europaweit die meisten Besucher empfängt und des Weiteren das geografische Zentrum der Welt ist, die UEFA EURO 2024 mit einer breiteren Bevölkerungsschicht zusammenbringen", heißt es selbstbewusst auf der Webseite der türkischen EM-Bewerbung.

Türkei Bewerbung für die Fußball EM 2024 (Imago/ZumaPress)

Die fünfte EM-Bewerbung in Folge - geht die Türkei wieder leer aus?

"Der türkische Fußball erlebt derzeit alles andere als eine Blütezeit"

Etwas anderes findet man dort allerdings nicht: die Ergebnisse einer Umfrage zur Unterstützung der türkischen Bewerbung. Die Nutzer können zwar mit "Ja" oder "Nein" abstimmen, erfahren aber keine Ergebnisse der Online-Umfrage. Auch auf Nachfrage der DW lieferte der türkische Verband keine Antwort. Bagis Erten hat dafür eine. Er ist Chefredakteur von "Eurosport" in der Türkei. Auch wenn man in der Türkei öffentlich kaum negative Meinungen zur EM-Bewerbung höre, halte sich die Begeisterung in Grenzen. "In der Türkei ist man derzeit dem Fußball gegenüber generell lustlos", sagt Erten. "Die Nationalmannschaft erzielt sehr schlechte Ergebnisse, und aufgrund des Financial Fair Play erleben auch einige Vereine gerade eine schwere Zeit. Infolge der Einführung eines neuen Kartenverkauf-Systems sind zudem die Zuschauerzahlen zurückgegangen.Der türkische Fußball erlebt derzeit alles andere als eine Blütezeit."

Erten: UEFA oder FIFA sind die letzten Orte an denen Menschenrechte gehütet werden

Journalist Bagis Erten: "Sportverbände ziehen autoritäre Regime als Ausrichter vor"

Von den großen Träumen, zu den europäischen Topligen aufzuschließen, ist wenig übrig geblieben. Längst haben die türkischen Vereine den Anschluss an Europas Spitze verloren. So schied Besiktas Istanbul in der vergangenen Saison im Achtelfinale der Champions League gegen den deutschen Rekordmesiter Bayern München nach Niederlagen mit 0:5 und 1:3 aus - und das, obwohl der FCB Stammspieler schonte. Der Knackpunkt: das Geld. "Alle türkischen Clubs sind bankrott", sagt Emir Güney, Direktor des Zentrums für Sportstudien der Kadir-Has-Universität in Istanbul.

Ein anderes Argument spreche im Rennen um die EM aber für die Türkei, glaubt Sportjournalist Erten. Sollte die Türkei gewählt werden, würde man "die Tradition von Russland und Katar weiter fortsetzen", glaubt Erten. "Sportverbände bewegen sich in letzter Zeit immer mehr auf wirtschaftlich neoliberale, politisch aber sehr konservative und autoritäre Regime zu. Denn Entscheidungen werden dort leichter getroffen. Sie sind bessere Gastgeber aus Sicht der Verbände", sagt Erlen. "Denn dort gibt es keine aktive Zivilgesellschaft. Daher ziehen die Organisatoren diese Orte vor." Eine unter Kritikern der Sportverbände durchaus verbreitete These, aber hilft sie der Türkei?

"Berichte gewinnen keine Kandidatur"

Der populäre Sportreporter Uğur Karakullukcu macht den Türken Mut. "Berichte gewinnen keine Kandidatur", sagt er mit Blick auf den Evaluationsbericht der UEFA und erinnert im Gespräch mit der DW daran, dass Tokio die Olympischen Sommerspiele 2020 erhielt, trotz schlechterer Ergebnisse bei der technischen Prüfung des IOC. Unterlegener Gegenspieler war damals - Istanbul. Dieses Mal soll es endlich klappen für die Türkei.

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