EU will Ambrosia-Invasion stoppen | Wissen & Umwelt | DW | 10.09.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

EU will Ambrosia-Invasion stoppen

Fremde Tier- und Pflanzenarten bedrohen die natürlichen Arten in Europa. Die "Invasoren" können sogar dem Menschen gefährlich werden. Die EU bläst zum grenzüberschreitenden Abwehrkampf.

Gregerly Manyoki reagiert allergisch auf Beifußblättriges Taubenkraut, auch Ambrosia oder Ragweed genannt. "Zu Beginn der Pollensaison fangen mein Rachen, meine Nase und die Augen an zu jucken. In der Hochsaison wird es dann viel schlimmer. Ich huste. Die Augen brennen und mein Gesicht schwillt an."

Etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung in Ungarn zeigen allergische Reaktionen, wenn sie mit den Pollen des Unkrauts in Berührung kommen, schätzen die Gesundheitsbehörden. In den letzten Jahren hat sich Ambrosia in vielen Staaten der EU stark ausgebreitet.

In Ungarn bevölkert es übermäßig Korn- und Sonnenblumenfelder. Tamas Kömives vom ungarischen Pflanzenschutzinstitut schätzt, dass Ambrosia in der Landwirtschaft in Ungarn einen Schaden von jährlich 100 Millionen Euro verursacht. "Wenn man es im Alltag antrifft, ist es das Einfachste, es einfach herauszureißen. Aber wenn es sich um eine größere Fläche handelt, dann verwenden wir ein mobiles Gerät, machen ein Foto und schicken es an die Zentrale, die sich dann darum kümmert", sagt Tamas Kömives.

Die Zentrale der Pflanzenschutzbehörde schickt Hubschrauber, die Herbizide versprühen. Die Bauern werden angehalten, Ambrosia zu mähen, möglichst vor der Blüte. Ambrosia ist eine der am stärksten allergenen, also Abwehrreaktionen auslösenden, Pflanzen der Welt.

12.000 Arten sind fremd in Europa

Janez Potocnik Foto: EPA/JULIEN WARNAND

Unerwünschte Arten aufhalten: Janez Potocnik

Ambrosia, das ursprünglich aus Nordamerika stammt, wurde durch verunreinigte landwirtschaftliche Geräte und Vogelfutter nach Europa eingeschleppt. Es ist nur eine von über 1500 Arten, die in der EU für Schäden sorgen und stärker bekämpft werden sollen.

Der EU-Kommissar für Umweltschutz, Janez Potocnik kündigte in Brüssel an, dass er die 28 Mitgliedsstaaten zu gemeinsamem Handeln verpflichten will. Die Ausbreitung von schädlichen fremden Pflanzen, Pilzen, Bakterien und Tieren mache schließlich nicht an Grenzen halt, so Potocnik. "Wir wollen einwandernde fremde Arten aufhalten, bevor sie die Europäische Union erobern und hier Probleme bereiten. Die Mitgliedsstaaten müssen die Verbreitungs- und Zugangswege identifizieren und Aktionspläne entwickeln, um dies abzustellen."

Das Forschungszentrum der EU-Kommission arbeitet mit einem eigenen Institut in Italien daran, Datensammlungen über die ungefähr 12 000 eingewanderten Arten zusammenzuführen und für alle Behörden in den Mitgliedsstaaten nutzbar zu machen. Etwa 15 Prozent dieser Einwanderer gelten als Schädlinge.

Ausrottung und Bejagung von fremden Arten sollen besser koordiniert werden, kündigte Potocnik an. "Wir müssen die Arten eindämmen, die bereits in der Europäischen Union sind, um noch größere Schäden zu verhindern. Wir müssen die bestehenden Systeme ausbauen. Es gibt auf nationaler und europäischer Ebene schon einige wertvolle Anstrengungen."

Den jährlichen Schaden, der durch die biologische Invasion ausgelöst wird, schätzt die EU-Kommission auf 12 Milliarden Euro. Natürlich könne man nicht alle unerwünschten Tiere und Pflanzen gleichzeitig bekämpfen, schränkt der Umweltkommissar ein. Man wolle sich die schädlichsten 50 Arten zuerst vornehmen. Diese Liste gibt es aber noch nicht.

Muscheln, Krebse, Insekten schaden Einheimischen

Biberratte

Verwildertes Pelztier: Biberratte Nutria

Gute Chancen, auf der Liste der vordringlichsten Ziele zu landen, hat neben dem Ambrosiakraut die Tigermücke, die tödliche Krankheiten auf den Menschen überträgt. Sie breitet sich von Südeuropa her immer weiter nach Norden aus. Zebramuscheln und aggressive Hornissen aus Asien, die Honigbienen töten, schädigen europäische angestammte Arten massiv.

Große Schäden verursacht auch die Biberratte oder Nutria. Diese 65 Zentimeter großen aus Brasilien stammenden Nagetiere wurden in Europa wegen ihres Pelzes angesiedelt. Als die Nachfrage nach diesen Pelzen nachließ, wurden die Tiere aus Farmen einfach in die Wildnis entlassen.

In den letzten Jahrzehnten haben die Biberratten Mittel- und Südeuropa besiedelt. Besonders in Italien sind sie ein Problem, sagt Francesca Marini, Umweltspezialistin der Region Latium. "Nutria verursachen Erosion an den Kanalufern, sie bringen Brücken zum Einsturz. Überschwemmungen sind auch ein Problem."

Italien geht gegen die Pelztiere vor, aber alleine hat das wenig Sinn, wenn die Tiere aus Frankreich oder Österreich wieder einwandern, beklagt Piero Genovesi von der italienischen Umweltbehörde. "In Italien kostet uns die Nutria jährlich vier Millionen Euro, nur für Schäden in der Landwirtschaft und für die Kontrolle der Ausbreitung."

In einigen EU-Ländern werden Nutria nicht bekämpft, weil sie zum Beispiel die ebenfalls eingewanderte Bisamratte in Schach halten, die auch Uferböschungen aufbuddelt und beschädigt. In Großbritannien allerdings ist die Nutria schon in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Schadtier konsequent ausgerottet worden.

EU will handeln

Tigermücke Foto: dpa - Bildfunk

Per Schiff um die halbe Welt: Tigermücke aus Asien

Die EU-Kommission will mit ihrem Gesetzesvorschlag, über den jetzt erst einmal die zuständigen Minister und das Europäische Parlament beraten müssen, einheitliche europäische Strategien zur Bekämpfung der unerwünschten Einwanderung von Tieren und Pflanzen festlegen. Andere Weltregionen wie Australien, die USA und Kanada haben bereits ein gemeinsames Vorgehen gegen die schleichende Invasion beschlossen.

Die Verbreitung fremder Arten ist nach den direkten menschlichen Eingriffen in Ökosysteme der zweitwichtigste Grund für die Abnahme der Artenvielfalt weltweit, so Janez Potocnik, der EU-Umweltkommissar. Das Problem ist keineswegs auf Europa beschränkt. Auch aus Europa wandern fremde Arten in andere Weltregionen und könnten dort zum Problem werden.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema