Ethiopian-Airlines-Flug 302: ″Der Schmerz ist unerträglich″ | Afrika | DW | 09.03.2020
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Boeing 737 MAX

Ethiopian-Airlines-Flug 302: "Der Schmerz ist unerträglich"

Vor einem Jahr stürzte eine 737 MAX der Ethiopian Airlines nach dem Start in Addis Abeba ab. Alle 157 Menschen ab Bord starben. Die Angehörigen fordern, dass Hersteller Boeing endlich Verantwortung übernimmt.

Es war ein schöner Sonntagmorgen, an dem Weltbank-Mitarbeiter Max Thabiso Edkins ins Flugzeug nach Nairobi stieg. Der Sohn einer deutschen Medienberaterin und eines südafrikanischen Filmemachers wollte dort an einer Konferenz des Umweltprogramms der Vereinten Nationen teilnehmen - so wie viele andere an Bord auch. Doch keiner von ihnen kam jemals in Nairobi an.

Die Boeing 737 MAX mit der Kennung ET-AVJ stürzte etwa 62 km südöstlich des Flughafens von Addis Abeba ab. Keiner der 157 Insassen überlebte. "Man kann dieses Gefühl nicht beschreiben, es ist schrecklich, der Schmerz ist unerträglich", sagte Don Edkins, Vater von Max Thabiso Edkins, der DW. "Wir müssen Wege finden, damit zu leben."

Gesänge und Opfergaben

Hunderte Menschen gedachten am Sonntag in Addis Abeba mit Gebeten, Gesängen und Opfergaben der Toten 33 unterschiedlicher Nationalitäten. Eine weitere Trauerfeier soll am Jahrestag des Absturzes am Dienstag an der Unglücksstelle stattfinden. Don Edkins und Marianne Gysae, die Mutter von Max Thabiso Edkins, sind dafür nach Äthiopien gereist.

"Hier sind 400 Menschen, mit denen wir unseren Schmerz teilen können", sagt Don Edkins. Einige Familien seien jedoch nicht gekommen. "Entweder fühlen sie sich nicht in der Lage, teilzunehmen, oder sie wollen nicht fliegen, wollen keine Boeing besteigen." Ethiopian Airlines richtet die Gedenkfeier aus.

Ethiopian Airlines Boeing 737 MAX ET-AVJ (picture-alliance/AP Photo/P. Fiedler)

Ethiopian-Airlines-Unglücksjet ET-AVJ: Sturzflug durch automatisches Anti-Stall-System

Die Bauern, auf deren Feldern das Flugzeug zerschellte, hoffen, dass hier zudem ein Ort des Gedenkens eingerichtet wird. "An diesem Ort wurde das Blut der Menschen vergossen und sie sind hier gestorben. Es ist unvorstellbar, dieses Land zu pflügen", sagte ein Anwohner der DW. "Wir sind immer noch in tiefer Trauer. Deshalb wäre ich froh, wenn dieses Land so geschützt und respektiert bleibt, wie es jetzt ist. So können wir uns an den Vorfall erinnern und unsere Verbundenheit zum Ausdruck bringen."

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Doch ein Jahr nach dem Unfall ist noch immer nicht geregelt, wer die Verantwortung für die Katastrophe übernehmen soll. Marianne Gysae ist davon überzeugt, dass US-Flugzeugbauer Boeing die Hauptschuld trägt: "Boeing wusste genau, dass mit den Maschinen etwas nicht in Ordnung ist. Sie hätten nie fliegen dürfen. Das ist vorsätzlicher Mord oder Totschlag. Sie sind schuldig an dem Tod all unserer Lieben." Sie wirft Boeing vor, nur Profit habe machen zu wollen. "Es ist klar, dass die Piloten nicht ausreichend Training an den neuen Maschinen hatten. Und trotzdem haben sie die Maschine weiterfliegen lassen."

Es war der zweite Absturz einer 737 MAX: Fünf Monate zuvor gab es ein ähnliches Unglück einer Maschine dieses Typs in Indonesien. Fast 100 Klagen waren 2019 im Zuge der beiden Abstürze gegen Boeing erhoben worden. In den Gerichtsverfahren wird Boeing vorgeworfen, ein automatisiertes Flugsteuerungssystem des Modells fehlerhaft konstruiert zu haben.

Marianne Gysae (Privat)

Angehörige Gysae: "Die Maschinen hätten nie fliegen dürfen"

Marianne Gysae fordert Gerechtigkeit: "Sehr viele Opferfamilien haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und vor allem in Amerika sehr viel Lobbyarbeit betrieben. Die Familienangehörigen waren zum Teil auch bei Anhörungen vom US-Senat und von der Flugaufsichtsbehörde dabei."

Boeing zahlt Entschädigung

Sechs Monate nach dem Absturz, im September 2019, kündigte Boeing an, den Familien der Opfer jeweils 144.500 US-Dollar Entschädigung zu zahlen. Doch Marianne Gysae ist der Meinung, Boeing wolle sich damit von der Schuld reinwaschen. "Wir können keine Gelder von den Mördern unserer Kinder akzeptieren", sagte sie im DW-Interview.

Das Ziel bleibe, Boeing nicht nur zivil-, sondern vor allem strafrechtlich zu belangen: "Es geht uns nicht um irgendeine Entschädigung. Der Tod unseres Sohns kann nicht wiedergutgemacht werden. Es geht darum, Boeing strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Die ganze Geschichte darf nicht vergessen werden. Boeing muss Verantwortung übernehmen."

Flüge "dem Untergang geweiht"

Die äthiopische Regierung veröffentlichte an diesem Montag einen Zwischenbericht zum Absturz der Boeing 737 Max 8. Darin heißt es, dass fehlerhafte Sensormessungen und die Aktivierung eines automatischen Anti-Stall-Systems dem Absturz vorhergingen. Das System soll eigentlich verhindern, dass es zu einem gefährlichen Strömungsabriss kommt. Dabei bestand bei diesem Flug die Gefahr gar nicht. Stattdessen steuerte das System die Ethiopian-Airlines-Maschine in einen Sturzflug, den die Piloten nicht mehr abfangen konnten. Ein Abschlussbericht wird im Laufe dieses Jahres erwartet.

Äthiopien Flugzeugabsturz Ethiopian Airlines Flight ET 302 (Reuters/T. Negeri)

Absturzort bei Addis Abeba: Fehlerhafte Sensormessungen

Der Verkehrsausschuss des US-Repräsentantenhauses veröffentlichte vergangenen Freitag vorläufige Untersuchungsergebnisse zu den beiden Abstürzen. Darin werden die Genehmigung des Flugzeugs durch die Federal Aviation Administration kritisiert und Boeing Konstruktionsfehler vorgeworfen. Demnach seien die 737-MAX-Flüge "dem Untergang geweiht" gewesen.

Monica Kelly, Rechtsanwältin von 80 Familien der Opfer, stimmen die Befunde optimistisch. "Der Ausschuss hat in Erfahrung gebracht, dass Boeing aufgrund des Designs des Flugzeugs schuldig ist."

Flugverbot für Boeing 737 Max

Die beiden Abstürze hatten zu einem Flugverbot für alle Boeing-737-Max-Jets geführt. 50 Fluggesellschaften hatten mehr als 380 Flugzeuge bereits in Betrieb. Sie alle dürfen nicht mehr starten. Marianne Gysae, die Mutter von Absturzsopfer Max Thabiso Edkins, hofft, dass die Jets auch in Zukunft am Boden bleiben. " Ich glaube, dass dieser Druck, auch der Medien, mit dazu beiträgt, dass die Boeing-Maschinen nicht einfach auf den Markt zurückgebracht werden."

Boeing zeigt sich hingegen zuversichtlich, dass die Flugzeuge bald wieder in Betrieb genommen werden können. Vater Don Edkins möchte, dass die Menschen vor allem eines verstehen: "Dies ist eine kapitalistische Welt, in der Gier über Sicherheit steht, in der Profit wichtiger ist als Menschenleben. Diese Einstellung muss sich ändern."

Mitarbeit: Solomon Muchie

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