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Estland: Mit dem Herzen in die NATO

Ute Schaeffer/ (Bericht vom 19.11.2002)

Estland gehört schon lange zu den sicheren NATO-Beitrittskandidaten. Dabei handelt es sich nicht nur um eine kühle strategische Entscheidung, sondern um einen in der Bevölkerung verwurzelten Wunsch.

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Traditioneller Gesangschor in Estlands Hauptstadt TallinnBild: AP

"Mit dem Kopf wollen wir in die EU, mit dem Herzen in die NATO", erklärte ein Sprecher des estnischen Verteidigungsministeriums 2002. Neben dem Beitritt zur Europäischen Union ist die Mitgliedschaft in der NATO bereits seit Jahren ein wichtiges strategisches Ziel der estnischen Außenpolitik.

Die Esten trafen diese Entscheidung bereits 1994, als sie als einer der ersten postsowjetischen Staaten der "Partnerschaft für den Frieden" beitraten. Die Geschichte habe gezeigt, dass kleine Staaten wie Estland auf starke Bündnisse angewiesen sind - dieser Meinung sind nicht nur die Außenpolitiker im Land, sondern auch eine Mehrheit der Bevölkerung.

Zudem seien fast 70 Prozent der Esten davon überzeugt, dass es richtig war, die Ausgaben für Verteidigung im Staatshaushalt auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Im Jahr 2000 betrugen die Militärausgaben nur 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 2001 waren es 1,8 Prozent. "Das ist ein sehr, sehr schnelle Aufstockung gewesen - sehr viel schneller als an anderen Stellen in unserem Staatshaushalts. Dennoch ist der Rückhalt in der Bevölkerung sehr groß und das ist ein sehr gutes Signal."

Angst vor den Großen

Die Entscheidung für die NATO ist für die Esten - wie für die anderen baltischen Staaten Lettland und Litauen auch - eine Entscheidung aufgrund schmerzhafter historischer Erfahrungen: Bis heute erinnern sich die Balten genau, dass sie 1939 und 1940 von den Westmächten ihrem Schicksal überlassen wurden. Außenpolitiker in Tallinn betonen, dass Estland auch deshalb Mitglied der Allianz werden will, um nicht zwischen den Interessen der großen politischen Mächte zerrieben zu werden.

Estland habe immer nach den besten sicherheitspolitischen Vereinbarungen und nach Sicherheitsgarantien für das Land gesucht. Schließlich sei Estland ein wirklich kleines Land, so der Verteidigungsminister Sven Mikser. "Alleine sind wir nicht in der Lage, alle erforderlichen militärischen Kapazitäten auf die Beine zu stellen."

Auch wenn es nicht offen ausgesprochen wird: Die Mitgliedschaft in der NATO gilt auch als Schutzschild gegen die Großmachtambitionen Russlands. Moskau betrachtet die baltischen Staaten immer noch als "Nahes Ausland", in dem der russische Einfluss zu erhalten sei. Lange Zeit hatte sich Moskau deshalb gegen die NATO-Bestrebungen seiner baltischen Nachbarn gewehrt. Inzwischen ist der Ton aus Moskau jedoch milder.

Um den russischen Ängsten zu begegnen, wird die NATO auf die Stationierung taktischer Nuklearwaffen und bedeutsamer Luft- und Bodenstreitkräfte in den neuen Mitgliedstaaten verzichten. Und durch die Einrichtung des NATO-Russland-Rates im Mai 2002 hat sich die Zusammenarbeit zwischen Moskau und der NATO deutlich verbessert.