Essay: Mit dem Virus in der Ego-Falle | Kommentare | DW | 21.03.2020
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COVID-19

Essay: Mit dem Virus in der Ego-Falle

Die Alleingänge der Nationalstaaten im Kampf gegen die Pandemie sind völlig kontraproduktiv, wie sich immer stärker zeigt. Der Weg aus der Coronakrise führt in die andere Richtung, meint Frank Hofmann.

Arroganz und Egoismus werden die Historiker sehr wahrscheinlich einmal als Grundübel des Beginns dieser Krise in der westlichen Welt identifizieren. Das betrifft jeden einzelnen Menschen, der sich jetzt nicht isoliert und gleichzeitig jenen gegenüber solidarisch ist, die Hilfe brauchen - und es gilt für die internationale Politik. In den USA, besonders aber in Europa, das jetzt das Epizentrum der Viruskrise ist. Hier haben noch vor wenigen Tagen Politiker mit Kopfschütteln auf US-Präsident Donald Trump und seinen brasilianischen Kollegen Jair Bolsonaro reagiert, von denen die Corona-Epidemie erst abgetan und dann mit Abschottung ohne Absprache beantwortet wurde.

Kurz darauf tappten die Politiker Europas in die gleiche nationalistische Falle:

Sie schlossen Binnengrenzen der Europäischen Union und verschlimmern damit die Situation: Zunächst mit Trauben von Menschen, die vor Beginn der Kontrollen noch schnell auf die jeweils vermeintlich andere Seite wollten und damit dem Virus viele Übertragungsmöglichkeiten boten. Seither führt die Abschottung dazu, dass über diese Kontrollpunkte in den Grenzregionen Pfleger, Ärzte und anderes systemrelevantes Personal nicht rechtzeitig oder gar nicht zur Arbeit kommen können, schließlich bilden sich vor diesen Posten Kilometer lange Schlangen von Lastwagen. Das stärkste Herz Europas, sein Binnenmarkt, hat Rhythmusstörungen - gerade jetzt, wo es darum geht, das Virus bekämpfen. Dass die Lieferketten vom einen zum anderen EU-Land reibungslos funktionieren, ist nicht nur die Voraussetzung für die Versorgung mit Lebensmitteln, sondern auch dafür, dass schnell die Produktion von medizinischem Gerät, von Schutzausrüstung für Krankenhäuser hochgefahren werden kann.

Frank Hofmann DW Korrespondent und Büroleiter in Kiew Ukraine Osteuropa (DW)

DW-Korrespondent Frank Hofmann

Nur nationale Lösungswege in ganz Europa

Man kann es kaum glauben: Der wirtschaftlich stärkste Markt der Welt schafft es derzeit nicht, Ärzte und Kliniken mit den Waren zu versorgen, die sie jetzt am nötigsten brauchen. Warschau, Berlin, Wien oder Paris - überall halten nationale Politiker an einer Fiktion fest: dass sich das Coronavirus an der Grenze ihres nationalen Machtbereiches orientieren könnte. Das tut es nicht. Wie arrogant kann man sein, das zu glauben? Das Virus sucht seinen Weg von Mensch zu Mensch - diese Kette muss unterbrochen werden, indem Menschen physisch nicht mehr zusammen kommen und sich selbst isolieren. Jetzt. Gleichzeitig müssen sie all ihr Wissen über das Virus vereinen, um es besiegen zu können.

Gerade die Regierungen in Europa hätten es besser wissen müssen. Denn es gehört zu einer der wichtigsten Lehren des für den Kontinent so schmerzhaften 20. Jahrhunderts mit Kriegen und Blockkonfrontation: Multilaterale Krisen sind unilateral nicht zu lösen.

WHO im Zentrum der Krise

Deshalb steht seit Beginn der COVID-19-Epidemie mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Organisation der Vereinten Nationen im Zentrum des Geschehens. Es ist die Politik der Nationalisten und Populisten weltweit, die seit Jahren versuchen, die Arbeit der Vereinten Nationen, vorneweg ihr Flüchtlingshilfswerk, zu diskreditieren. Der amerikanische Präsident Donald Trump gehört dazu und in Europa rechtsextreme Populisten. Jetzt sorgt mit der WHO eine ihrer Organisationen für den Erkenntnis-Strom, ohne den Strategien gegen das Coronavirus nicht gefunden werden können. Endlich, denn zunächst hatte die chinesische Führung wochenlang das Ausmaß der Infektionskrise verschleiert in der irren Annahme, dass sie das Virus unter dem Deckel ihres nationalen Überwachungsstaates halten könnte.

Es waren weltweit vernetzte Epidemiologen, die nach und nach mit ihren Rechenmodellen dieser nationalen Abschottung ein Ende gesetzt und Alarm geschlagen haben. Die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft hat seit Beginn der Epidemie im chinesischen Wuhan die Geschwindigkeit des Informations-Austauschs erhöht. Jetzt ist die medizinische Forschung im gemeinsamen, weltweiten Ausnahmezustand und tauscht Testverfahren, Genomdaten und Fallbeschreibungen aus. Es ist der Gegenentwurf zu nationaler Abschottung, der Politik des Egoismus.

Dabei waren es auch internationale Politiker - das gehört zur Fairness - gemeinsam mit Wissenschaftlern und privaten Geldgebern, die Grundlagen geschaffen haben für den Weg, der morgen aus dieser Krise herausführen kann: Die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Virus.

Internationale Suche nach Impfstoff

Beim Weltwirtschaftsforum 2017 in Davos wurde unter anderem von den Regierungen Norwegens, Indiens sowie der "Bill und Melinda Gates Stiftung" die internationale CEPI-Stiftung gegründet (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations). Mitglieder sind in Deutschland neben dem staatlichen Paul-Ehrlich-Institut auch die private Biotech-Firma Curevac aus der Universitätsstadt Tübingen - jene Firma, die in den vergangenen Tagen weltberühmt wurde durch das Gerücht, US-Präsident Trump wolle die Ergebnisse ihrer Arbeit an einem Impfstoff allein für die USA sichern. Bill Gates warnte 2017 bei der Internationalen Münchner Sicherheitskonferenz vor einer Pandemie: "Sehr wahrscheinlich wird es ein Erreger sein, den wir noch nicht kennen. Am meisten fürchten wir uns vor Grippeviren, die schnell in neue Formen mutieren, sich rasch verbreiten und tödlich sind.”

Gates sagte das vor dem Hintergrund der Ebola-Krise, die zunächst auf dem afrikanischen Kontinent eingedämmt werden konnte. Das internationale Engagement in der Virus-Forschung wurde verstärkt.

Erschreckende Prophezeiung

Bereits 2016 hatte der Vorsitzende der Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, in einem Aufsatz erschreckend präzise die heutige Entwicklung der Corona-Krise vorgezeichnet. "Wenn ein Mensch krank ist, sind alle Menschen bedroht”, schrieb der deutsche Spitzendiplomat in einem Aufsatz. So wie Waffen könnte auch "eine Epidemie Massenvernichtung mit sich bringen - da kann man aber keinem Feind die Schuld zu schieben, sondern nur uns selbst, weil wir uns nicht vorbereitet haben” ("An epidemic could also bring about mass destruction – but there would be no enemy to blame but ourselves for not being prepared.") Und: "Das Gesundheitssystem eines Landes kann große Auswirkungen haben auf die Weltgesundheit genauso wie auf die internationale Sicherheit und Stabilität." ("The Health systems in place in one country can have a great impact on global health as well as on international security and stability.")

Da sind wir jetzt.

Am 6. März hat CEPI ein Programm über zwei Milliarden US-Dollar aufgelegt, um die Forschung an einem Impfstoff zu beschleunigen:

"Es ist klar, dass die Eindämmungsmaßnahmen gegen COVID-19 die Ausbreitung nur verlangsamen können." ("It is increasingly clear that containment measures for COVID-19 can only slow down its spread"), schreibt CEPI-Chef Richard Hatchett auf der Internet-Seite der Stiftung. Die Stiftung habe aus Eigenmitteln 100 Millionen US-Dollar für ihre Mitgliedsfirmen und Institute frei gegeben. Das Geld reiche noch bis Ende März. Auf eine Anfrage in dieser Woche, wie viel weiteres Geld in den vergangen Tagen von Europäern oder Amerikanern dazu gekommen ist, antwortet die Stiftung nicht. Immerhin erklärte die Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernsehansprache diese Woche, es werde mit Hochdruck an einem Impfstoff gearbeitet. Schön wäre, wenn wir mehr erfahren könnten. Von Europa, von gemeinsamer internationaler Politik hat die deutsche Bundeskanzlerin nicht gesprochen.

Politik muss wieder zur Vernunft kommen

Doch die Politik ist nach diesem Rückfall in unilaterale Antworten auf die Corona-Krise, diese "größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" (Merkel) in der Pflicht. Jetzt gilt es, dass die nationalen Politiker zur Vernunft kommen und verstehen, dass aus dieser Krise nur ein gemeinsamer Weg führen kann - angefangen mit den bestehenden Strukturen. In Europa ist das die Europäische Union. Die internationale Wissenschaftsgemeinschaft allein wird es nicht schaffen, sie braucht eine internationale Politik, die diesen Namen auch verdient. Am Ende dieser Krise wird die Welt eine andere sein - im besseren Fall eine mit weniger Arroganz und Egoismus. Doch das ist derzeit nur eine Hoffnung.

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