ESA-Direktor Wörner: Die Raumfahrt überwindet irdische Probleme | Europa | DW | 25.01.2018
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Zukunft der europäischen Raumfahrt

ESA-Direktor Wörner: Die Raumfahrt überwindet irdische Probleme

Der Weltraum ist für die Europäer ein wichtiger Teil ihrer täglichen Infrastruktur. Die Raumfahrt hat deshalb Zukunft, meint der Direktor der Europäischen Weltraum-Agentur, Johann-Dietrich Wörner, im DW-Interview.

ISS Internationale Raumstation (Nasa/dpa)

Und sie bewegt sich doch: Internationale Kooperation auf der ISS, Europas Modul Columbus unten links.

Deutsche Welle: Auf der europäischen Weltraum-Konferenz in Brüssel war viel davon die Rede, dass die EU die besten Navigationssysteme, die besten Kartierungssysteme und auch die zuverlässigsten Raketen hat. Ist das Wunschdenken oder stimmt das wirklich?

Johann-Dietrich Wörner: Klar ist, dass in bestimmten Bereichen wie Erdbeobachtung oder Navigation Europa eine wirklich außerordentlich positive Rolle einnimmt. Das von der Europäischen Kommission und der ESA gemeinsam finanzierte Programm "Copernicus" ist mittlerweile weltweit zum Standard geworden, was gute Erdbeobachtung anlangt. Es wird für ganz viele Anwendungen genutzt. Bei Hungersnöten zum Beispiel informieren wir, wie man Landwirtschaft günstiger machen kann. Aber auch in Katastrophen-Situationen wie Erdbeben liefern die Erdbeobachtungssatelliten Daten. Und dann kommen natürlich noch Dinge wie der Klimawandel dazu.

Das zweite Programm, das von der EU finanziert, aber von der ESA implementiert wird, besteht aus dem Galileo-Satellitennavigationssystem und EGNOS. Auch wenn Galileo noch nicht im vollen Ausbau ist, ist es von der Genauigkeit her noch besser als (das US-amerikanische) GPS. Und mit EGNOS lässt sich die Genauigkeit und die Zuverlässigkeit (des GPS) erhöhen. Dadurch spielt es für Anwendungen, zum Beispiel im Luftverkehr beim Landen bei schlechten Wetterverhältnissen, eine zentrale Rolle.

Belgien Brüssel - Johann-Dietrich Wörner, Generaldirektor der ESA (DW/I. Sheiko)

ESA-Direktor Wörner bei der europäischen Weltraum-Konferenz in Brüssel

Wie sieht das im Bereich der "Launcher", also der Trägersysteme und Raketen aus?

Da haben wir eine politische, strategische Entscheidung, dass wir einen autonomen Zugang zum All haben wollen, um jederzeit europäische Satelliten starten zu können. Gleichzeitig sehen wir natürlich, dass der Wettbewerb weltweit extrem hart wird. Da sind Player auf dem Parkett, die sehr günstig Raketen bauen und noch günstiger verkaufen, manchmal sogar unter dem Herstellungswert. Deshalb versuchen wir mit den Raketen Ariane 6 und Wega 10 tatsächlich die Kosten gegenüber den derzeitigen europäischen Systemen um den Faktor zwei zu reduzieren. Im Weltmarkt wollen wir über Zuverlässigkeit und Preis weiterhin wettbewerbsfähig sein.

Was fehlt Europa, um in der Raumfahrt wirklich autonom zu sein?

Wir brauchen Autonomie nur in strategisch relevanten Bereichen. In den anderen müssen wir wettbewerbsfähig und kooperationsbereit sein. Man kooperiert nicht mit Schwachen. Deshalb sind wir bei Exploration und Wissenschaft sehr stark. Oder beim Thema Kommunikationssatelliten, die mit neuer Quantentechnologie sichere Übertragung ermöglichen. Das sind Bereiche, in denen wir durch eine hervorragende Technik wettbewerbsfähig werden und uns damit auch für die Kooperation mit anderen Ländern positionieren.

Neben den operativen Systemen wie Galileo und Copernikus setzen Sie auch auf "Exploration", also auf die Erkundung des Weltalls. Was bringt das für uns auf der Erde?

Die Exploration hat immer eine Verbindung zur Erde, neben der Neugier, mal zu gucken was da hinten los ist. Und wenn wir Astronauten ins All schicken, dann tun wir das auch um etwas über die Erde zu lernen. Der Blutdruck von Astronauten in der Schwerelosigkeit, ihr Salzhaushalt, die medizinischen Untersuchungen zu Osteoporose, Alterung oder Immunsystem - da kommt wieder diese Neugier hinzu. Das ist die stärkste Triebfeder der Menschheit.

Die Neugier wird in unserer heutigen Gesellschaft schnell unter dem Begriff "Return of Investment" vermessen. Also lohnt es sich denn überhaupt? Man hat doch genug Probleme auf der Erde! Ich glaube, mit der Raumfahrt können wir diese Probleme auch gut angehen. Wir können Hunger angehen. Wir können Katastrophen angehen. Wir können Konflikte angehen.   

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Weltraumtechnik für die Straße

Bei vielen Missionen arbeiten sie mit der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA zusammen, kooperieren aber auch mit der russischen "Roskosmos". Hat sich durch die schlechten politischen Beziehungen zwischen der EU und Präsident Putin die Zusammenarbeit mit Russland in der Raumfahrt verändert?

Raumfahrt kann politische Konflikte überbrücken. Das ist sehr wichtig. Wir fliegen ja tatsächlich über die Grenzen hinweg. Wir sehen sie gar nicht. Das führt auch dazu, in der Zusammenarbeit weltweit die irdischen Grenzen ein Stück weit vergessen zu können.

Wir fliegen mit Astronauten und Kosmonauten aus Amerika, Japan, Kanada, Europa und Russland in einer Kapsel. Das ist ein schönes Zeichen. Die Mission "ExoMars" wird mit einer russischen Rakete gestartet. Und die Amerikaner sind mit dabei. Das ist, glaube ich, die Schönheit der Raumfahrt, dass sie irdische Probleme fantastisch überbrücken kann.

Sie sind optimistisch, was die Zukunft der europäischen Raumfahrt angeht?

Jeder einzelne Bürger benutzt die Raumfahrt jeden Tag, ob zur Navigation oder zur Telekommunikation. Es gibt viele Anwendungen. Raumfahrt ist mittlerweile Infrastruktur. Sie würden auch nicht fragen: Hat Straßenbau eine Zukunft? Deshalb brauche ich da auch nicht Optimist zu sein.

Die Frage ist, ob es auch in Zukunft gelingt für Dinge wie Exploration und Wissenschaft genügend Geld zu bekommen. Das ist schon schwieriger, aber da bleibe ich Optimist, Denn ich glaube, dass die Neugier als die stärkste Triebfeder des Menschen auch im politischen Bereich inzwischen anerkannt ist.

Der deutsche Ingenieur Prof. Johann-Dietrich Wörner (63) ist Direktor der Europäischen Weltraumagentur (ESA) mit Sitz in Paris. Die ESA ist eine zwischenstaatliche Organisation, die von 23 EU-Mitgliedsstaaten sowie der Schweiz und Norwegen getragen wird.

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