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"Besser, wenn du gehst"

Ute Schaeffer25. August 2016

Der 16-jährige Mohammed Hussein wurde von seinen Eltern auf die Reise nach Deutschland geschickt. 4000 Euro, viele Kilometer zu Fuß, Angst und Schweiß für ein Leben mit Perspektive.

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Unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in Berlin - Foto: picture-alliance/dpa/W. Steinberg
Bild: picture-alliance/dpa/W. Steinberg

Mohammed Hussein wurde von seinen Eltern auf die Reise geschickt. "Meine Familie war schon länger nicht mehr in Syrien. Sie lebte zum Teil in der Türkei. Und meine Großeltern haben entschieden: 'Du hast hier keine Perspektive. Kannst nicht studieren und Türkisch kannst du auch nicht. Da ist es besser, wenn du gehst.'"

Mohammed ist 16 und eigentlich palästinensischer Herkunft. Vor mehr als 60 Jahren war Mohammeds Familie schon einmal geflohen: vor der Gewalt des ersten arabisch-israelischen Krieges in das damals sichere und friedliche Syrien. Mohammeds Heimatstadt ist Muzayrib, eine Kreisstadt in der Nähe der Stadt Daraa im Süden Syriens. "Meine Familie ist sehr groß. Wir sind zuhause acht Geschwister. Drei Jungs, fünf Mädchen." Das Auskommen der Familie zu sichern, war ein Kraftakt. "Mein Vater arbeitete als Taxifahrer." Trotzdem konnte Mohammed als ältester Sohn immerhin neun Jahre zur Schule gehen. Doch 2012 hatte das Leben der Familie im Süden Syriens ein Ende - wie für viele andere auch.

In der unweit von Mohammeds Wohnort gelegenen 80.000-Einwohner-Stadt Daraa begannen im März 2011 die Proteste gegen das Regime von Bashar Al-Assad. Von hier aus eroberten die Rebellen gegen Assad die Stadt und zahlreiche Gebiete in der Umgebung. Panzer, Raketen, Kampfjets waren und sind die Antwort Assads.

Gewalt gegen Opposition in Syrien 2011 - Foto: Anwar Amro/AFP/Getty Images
Als die Proteste gegen Assad in Daraa begannen, begann Mohammeds zweite FluchtBild: Anwar Amro/AFP/Getty Images

Mohammeds Familie entschied, Syrien zu verlassen. Die Eltern gingen mit den kleineren Geschwistern in den Libanon. Mohammed blieb zunächst bei den Großeltern in Syrien. Später traf sich die gesamte Familie im türkischen Mersin, einer großen Hafenstadt am Mittelmeer. "Wir waren nun zwar in Sicherheit, aber dafür in wirtschaftlichen Schwierigkeiten.“ In der Türkei ist es Flüchtlingen nicht erlaubt zu arbeiten. So bleibt ihnen oft nichts anderes, als illegal zu arbeiten - häufig auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Das war auch in Mohammeds Familie so. Die mangelnde Perspektive ließ die Eltern Mohammed schließlich auf die Reise schicken: "Geh nach Deutschland! Immerhin hast du da Verwandte. Und dann haben sie mir 4000 Euro gegeben in bar.“

Sein Onkel suchte nach einem geeigneten Schleuser. Der sollte die Reise nach Europa organisieren. Schon nach ein paar Tagen hatte er Erfolg. In Izmir bestieg Mohammed gemeinsam mit einer Reihe anderer syrischer Jungs ein Schlauchboot. "Auf unserem Schlauchboot waren nicht nur Syrer, sondern auch Afrikaner. Und wir waren viel zu viele. Eigentlich war das Boot vielleicht für zwei Dutzend Passagiere ausgelegt - aber es wurde mit insgesamt 60 Leuten beladen." Mohammed übersteht die Überfahrt: die Beine angezogen, den Kopf gesenkt, um möglichst wenig Platz in Anspruch zu nehmen. "Keiner durfte sich bewegen. Was mir durch den Kopf ging? 'Inshaallah!' - so Gott will, werde ich gesund in Europa ankommen. Es war sehr eng, aber ich hatte nicht wirklich Angst, dass das Boot kentert. Unser Kapitän war ein Algerier. Er telefonierte während der ganzen Überfahrt mit dem Schleuser auf dem Land, um seine Route zu halten. Nach drei Stunden kamen wir auf der griechischen Insel Kos an.“ Dort brachte sich die Gruppe in einer Kirche in Sicherheit. "Aber irgendjemand hat die Polizei gerufen. Die fragten nach unseren Namen - ich wusste durch meinen Schleuser, dass es besser war, mein Alter mit 18 Jahren anzugeben. Dann könne ich mich weiter frei bewegen, denn Minderjährige werden wohl sofort festgenommen. Ich habe gesagt, dass ich Syrer bin. Ich hatte natürlich keine Papiere mehr, aus denen hervorging, dass ich palästinensischer Herkunft bin."

Von Schlepper zu Schlepper

Mit anderen Jugendlichen aus Syrien checkte Mohammed auf der Fähre nach Athen ein. "Dafür haben wir uns ganz normale Tickets gekauft. Unser Ziel war Athen. Wir wussten, dass dort ein anderer Schleuser auf uns warten würde. Das war bereits zuvor organisiert. Erwartet hat uns dann ein afghanischer Schleuser - der wechselte seinen Namen ungefähr so oft wie andere die Kleidung. Die meiste Zeit hieß er Mansour.“

Gemaltes Bild eines irakischen Flüchtlingskindes: Ein vollbesetztes Flüchtlingsboot vor einem großen Schiff - Foto: picture-alliance/dpa/J. Stratenschulte
Verarbeitung traumatischer Erlebnisse: Ein irakisches Flüchtlingskind erzählt seine Flucht über das Mittelmeer in BildernBild: picture-alliance/dpa/J. Stratenschulte

Ob sich bei ihm Erleichterung eingestellt hat, seitdem er auf europäischem Boden ist? "Nein, denn von Deutschland ist auch Griechenland noch sehr weit weg. Mein Gefühl war eher: Du hast hier die erste Etappe geschafft, das war nur der erste Schritt. Aber es ist immer noch ein langer Weg!“ Es wurde ein sehr langer Weg, 500 Kilometer, meist zu Fuß, vom Norden Griechenlands durch Mazedonien bis zur mazedonisch-serbischen Grenze: "Wir sind Tag und Nacht gelaufen. Es ist nicht leicht, sich genau an die Dauer zu erinnern, aber ich würde sagen, es waren acht Tage und acht Nächte. Den ganzen Tag über wurde gelaufen, natürlich nicht auf der Straße, um nicht aufzufallen. Und nachts so gegen elf Uhr wurden die Schlafsäcke ausgerollt und im Freien geschlafen. Das war sehr anstrengend. An der serbischen Grenze zu Mazedonien ließ der Afghane sie allein. Mit dem Zug ging es weiter nach Belgrad. Von der serbischen Hauptstadt aus waren es 170 Kilometer bis an die Grenze zu Ungarn. "Unser wichtigstes Ziel war, bloß keinen Einreisestempel in Ungarn zu bekommen. Denn das bedeutet, dass dies das erste Land in Europa ist, in das wir eingereist sind - und das bedeutet, dass man dort bleiben muss oder von Deutschland dorthin zurückgeschickt wird.“

Viele verdienen an der Flucht

Fast wäre Mohammeds Vorhaben schief gegangen. "Als sich unsere Gruppe in Richtung ungarische Grenze in Gang setzte, kamen uns zwei Polizisten entgegen. Wir liefen ihnen sozusagen in die Arme. Die waren sehr unfreundlich, wollten von allen die Personalien aufnehmen. Das Verhandeln hat einige Zeit gedauert, doch am Ende war es nicht so schwierig: Jeder von uns gab ihnen 20 Euro, dann sind sie abgezogen." Angesichts der 23 Personen in der Gruppe haben die zwei Polizisten auf Streife so nebenher 460 Euro eingenommen. An den Flüchtenden, die durch Europa ziehen, verdienen viele mit: von korrupten Polizisten und Grenzbeamten bis zu Bus- und Speditionsunternehmen - oder den Taxifahrern an der ungarischen Grenze. Bis heute ist Mohammed erstaunt, welches Geschäft dort gemacht wird: "Flüchtlinge zahlen horrende Preise für kurze Strecken. Für die Fahrt nach Budapest, die etwa zwei Stunden dauert, sollte jeder der Fahrgäste 100 Euro zahlen. Das sind bei einem vollen Taxi 400 Euro!“

Minderjährige Flüchtlinge in der Schule - Foto: picture-alliance/dpa/B. Reichert
Minderjährige Flüchtlinge lernen Deutsch - der erste Schritt zu Schulabschluss und BerufsausbildungBild: picture-alliance/dpa/B. Reichert

Wunschziel Deutschland

Von den 4000 Euro, die seine Familie in seine Flucht gesteckt hatte, blieb Mohammed nicht mehr viel. "Die 700 Euro, die noch übrig waren, musste ich für den Rest der Strecke bis nach Bayern aufwenden. Beim Grenzübertritt nach Deutschland hatte ich gerade noch 100 Euro übrig.“ Mohammed reiste direkt bis Berlin: Hier hat er einen Onkel und andere entfernte Verwandte. Gute Gründe sprachen für Deutschland: "Kein anderes europäisches Land kam für uns in Frage. Und ich bin mir sicher: Hier kann ich Architektur studieren oder Ingenieur werden. Das ist mein Ziel!“

Mohammed ist einer von zwölf jugendlichen Migranten und Migrantinnen, die Ute Schaeffer in ihrem Buch "Einfach nur weg" porträtiert hat.