„Erzählen, was Krieg mit Menschen macht“ | Presse | DW | 22.06.2018
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Presse

„Erzählen, was Krieg mit Menschen macht“

Im August 2014 verübte die Terrormiliz IS einen Genozid an den Jesiden im Nordirak. Wie ist deren Lage heute? DW-Reporterinnen Sandra Petersmann und Birgitta Schülke reisten in die Region. Fragen von Michael Fechner.

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Nach dem Genozid: Jesiden im Nordirak

Die Flucht Zehntausender Jesiden vor den Schergen des IS – das sind Bilder vom Sommer 2014, die viele in Erinnerung haben. Wie ist die Lage der Angehörigen der verfolgten Minderheit vier Jahre später auf dem Berg Sindschar in Nordirak, dem Fluchtort, den viele nie verlassen haben?

Sandra Petersmann: Es ist still geworden um das Schicksal der Jesiden. Heute stehen andere Konflikte im Mittelpunkt. Wir wollten wissen: Was sind die Sorgen und Nöte der Menschen? Sehen sie noch eine Zukunft in Irak, nachdem der IS militärisch als besiegt gilt? Als Fokus-Team der DW wollen wir selbst recherchierte Geschichten anbieten, wir wollen jenseits der aktuellen Nachrichtenlage länger hinschauen und vertiefend berichten.

Was wird das weltweite DW-Publikum durch Ihre Reportage erfahren?

Nordirak: Birgitta Schülke und Sandra Petersmann (DW)

Birgitta Schülke (l.) und Sandra Petersmann auf dem Berg Sindschar

Sandra Petersmann: Wir machen eine so gut wie vergessene Geschichte wieder sichtbar. Die meisten Jesiden leben im Norden Iraks als Vertriebene im eigenen Land. Die Familie, die wir über einen längeren Zeitraum auf dem Berg Sindschar begleitet haben, hat – wie viele andere Jesiden – abgeschlossen mit Irak. Die Frau war mit acht Kindern zwei Jahre lang durch den IS versklavt. Der Mann hat an der Seite der Kurden gegen den IS gekämpft. Wären nicht zwei Söhne und eine Tochter bis heute vermisst, wäre die Familie nicht mehr im Land. 

Birgitta Schülke: Für mich ist der Kern, das unendliche Leid zu zeigen, das hinter dem oft lapidar ausgesprochenen „versklavt sein“ steht. Eine Mutter tätowiert ihrer achtjährigen Tochter mit einem Nagel und Asche den Namen auf den Arm – aus Angst, dass der IS ihr die Kinder wegnimmt. Dann muss sie aufhören, weil die Peiniger drohen, der Tochter den Arm abzuschlagen. Neu war für uns, dass es bis heute einen intensiven Handel mit versklavten Jesiden gibt. 3.000 Frauen und Kinder sollen noch in IS-Gefangenschaft sein. Familien wenden sich in ihrer Verzweiflung an Schmuggler. Manchmal gelingt eine Rückkehr. Die Preise schwanken zwischen 10.000 und 20.000 US-Dollar.

Wie haben Sie die Quellen vor Ort verifiziert?

Birgitta Schülke: Was uns die betroffenen Menschen vor Ort erzählt haben, haben wir mit UN-Quellen und anderen offiziellen Berichten abgeglichen, auch mit den Publikationen lokaler Medien und mit Aussagen lokaler Offizieller. Außerdem haben wir manche Fragen im Verlauf der Begegnungen mehrmals gestellt, um zu sehen, ob sich das Geschilderte verändert oder ob sich ein zusammenhängendes Bild ergibt. 

Sandra Petersmann: Wenn wir auf Widersprüche gestoßen sind, haben wir offensiv danach gefragt. Wir haben auch Orte aufgesucht, die in den erzählten Geschichten der Menschen eine große Rolle spielen, um uns ein eigenes Bild zu machen.

Worauf muss man als Reporterin in diesem Krisengebiet besonders achten, um sich so sicher wie möglich zu bewegen?

Irak Familien kehren nach Mossul zurück (Reuters/K. Al-Mousily)

Rückkehr in das zerstörte Mossul

Sandra Petersmann: Außer im Sindschar-Gebirge waren wir auch in Mossul. Die zweitgrößte Stadt des Landes feiert bald den ersten Jahrestag der Befreiung von der IS-Herrschaft. Hier muss man sich sehr vorsichtig bewegen. Wir waren unter anderem mit einem Team der UN unterwegs, das sich darum kümmert, nicht explodierte Sprengstoffgürtel und anderen Kriegsschrott unschädlich zu machen, damit die Menschen zurückkehren können. Vor allem die Altstadt von Mossul liegt in Trümmern. 

Birgitta Schülke: Wir haben an Programmen teilgenommen, die Journalistinnen und Journalisten auf den Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten vorbereiten. Wir hatten Schutzwesten dabei und standen im ständigen Austausch mit dem Sicherheitsteam der DW. Uns ist aber auch klar, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Eine solche Reise basiert immer auch auf Vertrauen in die lokalen Kolleginnen und Kollegen, die ihre Expertise mitbringen. Das gilt vor allem für das Verhalten an den Checkpoints, von denen wir täglich Dutzende passieren mussten.

Als Ergebnis der Recherchen wird es nicht nur die TV-Reportage geben, sondern zusätzlich Online-Beiträge und Elemente auf Social-Media-Plattformen. Wie gehen Sie dabei vor?

Birgitta Schülke: Wir haben schon vor Ort die Berichterstattung über Twitter und Instagram begonnen. Vor allem die Geschichten über die Jesiden sind auf große Resonanz gestoßen. Wir wollen die Nutzer möglichst von einer Plattform zur nächsten führen, TV, Online und Social Media sollen sich ergänzen.

Irak, jesidische Frauen backen Brot im Lehmofen auf dem Mount Sinjar im Nordirak (DW/S.Petersmann)

Jesidische Frauen backen Brot auf dem Berg Sindschar im Nordirak

Sandra Petersmann: Dabei geht darum, unser Publikum zu fesseln – mit Information ebenso wie mit Emotion. Deshalb wählen wir die Form der Reportage. Wir wollen durch unsere Geschichten zeigen, was Krieg mit Menschen macht, und dass ein militärischer Sieg über den IS noch längst nicht das Ende des Kriegs bedeutet.

 

Die DW strahlt die Reportage „Nach dem Genozid. Die Jesiden vom Berg Sindschar“ ab Samstag, 23. Juni, in allen TV-Sendesprachen aus. Die Reportage ist anschließend im Media Center abrufbar.

Englisch: Samstag, 23. Juni, 12.15 Uhr
Spanisch: Samstag, 23. Juni, 10.03 Uhr
Arabisch: Sonntag, 24. Juni, 10 Uhr
Deutsch: Mittwoch, 27. Juni, 12.45 Uhr

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