Erschlagen vom Windrad | Wissen & Umwelt | DW | 21.11.2013
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Wissen & Umwelt

Erschlagen vom Windrad

Die riesigen Flügel von Windkraftanlagen erwischen Fledermäuse und Vögel unerwartet und heftig. Wie viele Tiere genau sterben, ist bis heute unbekannt. Aber Naturschützern macht etwas anderes große Sorgen.

Sie sehen friedlich und behäbig aus, die großen Flügel, die sich im Wind drehen. Aber das sind sie nicht: Für einen Vogel, der dort vorbeifliegt, kann die Begegnung tödlich enden.

"An der Flügelspitze bewegen sich die Rotoren mit knapp über 300 Stundenkilometern", sagt Biologe Oliver Behr von der Universität Erlangen-Nürnberg. "Insofern ist es nicht überraschend, dass Tiere davon erschlagen werden, weil sie die Gefahr nicht einschätzen können."

Wie viele sind es denn nun?

Die Windenergiebranche ist sich sicher, dass die Zahl der Vögel, die durch Windräder sterben, unbedeutend ist. "Kollisionen sind insgesamt so selten, dass sie sich nicht auf die Populationsgrößen oder den örtlichen Bestand einzelner Vogelarten auswirken", schreibt der Bundesverband Windenergie. Kollisionen im Straßenverkehr, an Freileitungen und Gebäuden seien wesentlich häufiger.

Letzterem stimmt Hermann Hötker vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) zu. Er schätzt, dass pro Jahr in Deutschland zwischen 10.000 und 100.000 Vögel an Windrädern sterben. "Das ist nicht besonders viel", sagt er.

Doch so genau weiß es niemand. Studien dazu sind sehr aufwändig oder fehlerbehaftet. Ein gelegentliches Zählen von Kadavern an Windrädern reicht nicht aus: Erschlagene Tiere fallen oft in hohes Gras und sind schwer zu finden. Außerdem wissen viele Aasfresser die frisch gestorbenen Tiere zu schätzen und schaffen die Kadaver sofort weg.

Greifvögel besonders häufig unter den Opfern

Nicht die Zahl an sich beunruhigt die Naturschützer beim NABU, sondern dass bestimmte Arten besonders oft mit Windrädern kollidieren. Und das das sind ausgerechnet Arten, die ohnehin relativ selten sind, Greifvögel vor allem, darunter der Rotmilan.

Ein Rotmilan (Foto: Martin Förster).

Rotmilane jagen im Flug und kollidieren besonders häufig mit Windrädern

Der Rotmilan steht bereits auf der Vorwarnliste der gefährdeten Tierarten, es gibt noch etwas über 20.000 Paare von ihnen, Tendenz sinkend. "60 Prozent des Gesamtweltbestands kommen in Deutschland vor", sagt Hötker. "Das heißt, Deutschland hat eine überaus hohe Verantwortung für das Fortbestehen dieser Art."

In anderen Ländern zählen laut Vogelschutzorganisation Birdlife International vor allem der Steinadler und der Gänsegeier zu den Opfern von Windrädern.

Zwölf Fledermäuse pro Anlage

Auch Fledermäuse, die in Deutschland unter Naturschutz stehen, kollidieren mit Windrädern. Stark betroffen ist beispielsweise der Große Abendsegler.

Forscher um Oliver Behr und um Michael Reich von der Leibniz-Universität Hannover haben erstmals versucht, eine genaue Opferzahl zu ermitteln. Sie haben in fünf Bundesländern insgesamt 78 Windkraftanlagen eingehend untersucht. Das Ergebnis: Im Schnitt kommen pro Anlage und Jahr zehn bis zwölf Fledermäuse ums Leben.

Die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen hat das daraufhin auf die Gesamtzahl der Windräder in Deutschland hochgerechnet. Bei knapp 25.000 Windkraftanlagen kommen sie auf eine viertel Million tote Fledermäuse pro Jahr. "Das darf man wissenschaftlich aber nicht machen", sagt Behr. "Solche Zahlen sind hoch spekulativ." Um genaue Aussagen für ganz Deutschland zu treffen, müsste man eine größere Stichprobe untersuchen.

Abschalten, um Fledermäuse zu schützen

Als Kompromiss zwischen Naturschützern und Windparkbetreiber schlagen die Forscher vor, die Anlagen einfach zu den Zeiten abzuschalten, in denen besonders viele Fledermäuse unterwegs sind. Denn das ist meist dann, wenn eh wenig Wind weht und die Anlagen daher kaum Strom produzieren.

"Die Kosten liegen nach unseren bisherigen Erfahrungen in aller Regel unter ein Prozent des Jahresertrags, wenn ich maximal zwei tote Fledermäuse pro Jahr und Anlage in Kauf nehmen will", sagt Behr.

Fledermaus, Art Hufeisennase (Foto: Klaus Bogon dpa/lsn)

Fledermäuse jagen im Flug Insekten - vor allem dann, wenn wenig Wind weht

Windkraftanlagenhersteller bieten programmierbare Steuerungen an, die zu den gewünschten Zeiten die Anlagen automatisch abschalten. Michael Reich warnt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur allerdings, dass das eine Prozent manchmal entscheidend sein könne. "Es gibt Standorte, die nah an der Wirtschaftlichkeitsgrenze laufen."

Genau überlegen, wo ein Windrad stehen soll

Bei Vögeln gibt es keine so einfache Lösung wie das stundenweise Abschalten, da sich die verschiedenen Vogelarten sehr unterschiedlich verhalten.

Oft passieren aber viele Unfälle an ganz bestimmten Standorten. Laut Birdlife International häufen sich Kollisionen beispielsweise am Altamont Pass in Kalifornien oder in den spanischen Orten Tarifa und Navarra.

In Spanien arbeitet man daher daran, mit Radar zu beobachten, wann größere Vogeltrupps durch das Gebiet ziehen, um dann für diese Zeit die Windkraftanlagen abzuschalten. "Aber das muss für viele spezielle Fälle neu erarbeitet werden und ist wahrscheinlich kein Modell, um das grundsätzliche Problem zu lösen", sagt Hötker.

Nach Ansicht des NABU gibt es nur eine realistische Lösung: Werden neue Windkraftanlagen gebaut, muss sehr genau überlegt werden, welcher Ort angemessen ist, ob beispielsweise Rotmilanhorste in der Nähe sind oder es sich um ein Durchzugsgebiet für Vögel handelt.

Allerdings sei so eine übergreifende Planung in Deutschland sehr schwierig, da der Bau von Windkraftanlagen oft lokal und nicht von den Bundesländern oder gar dem Bund entschieden werde. Oft spiele eine große Rolle, wem ein Stück Land gehöre. "Man kann niemanden zwingen, einen Windpark zu bauen und es gibt auch relativ wenige Möglichkeiten, jemanden zu zwingen, einen Windpark nicht zu bauen", sagt Hötker.

Eine Windkraftanlage mit Darrieus-H-Rotor (Foto: Tobias Kleinschmidt)

Ein anderes Design der Windräder könnte Leben retten

Technische Lösungen unbefriedigend

Es gibt auch anders konstruierte Windräder, deren Design verhindert, dass Kollisionen überhaupt geschehen. Sie haben keine drehenden Flügel, sondern Körper, die sich um sich selbst drehen. Oder die Flügel sind ständig senkrecht zum Boden angeordnet. "Diese Anlagen sind aber nicht so effizient und haben sich am Markt nicht durchgesetzt", sagt Hötker. Diese Designs findet man nur bei Kleinwindkraftanlagen.

In den USA forscht die Bat Conservation International außerdem daran, Fledermäuse durch für sie unangenehme Ultraschallsignale von den Rotoren zu vergrämen. "Das klingt erst mal sehr attraktiv, aber ich bin sehr skeptisch", sagt Oliver Behr. Die bisherigen Ergebnisse stimmten wenig zuversichtlich.

Manchmal machten solche Signale die Tiere erst mal neugierig und lockten sie sogar an, was die Lage noch verschlimmert, erläutert Behr. "Dabei wäre es so schön, eine einfache technische Lösung für das Problem zu haben."

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