Erschüttert der Missbrauch den Vatikan? | Deutschland | DW | 12.09.2018
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Katholische Kirche

Erschüttert der Missbrauch den Vatikan?

Missbrauch und kein Ende: Nach Untersuchungen in Pennsylvania liegen nun auch Zahlen zum Ausmaß in Deutschland vor. Auf die Kirche kommt ein Beben zu, das so stark wie die Reformation sein könnte, heißt es im Vatikan.

Droht die katholische Kirche am Missbrauchsskandal zu zerbrechen? Oder tritt sie die Flucht nach vorne an? Papst Franziskus versucht Letzteres. Am Mittwoch legte er überraschend einen Termin für ein Treffen der Leiter aller Bischofskonferenzen weltweit in den Vatikan fest.

Vom 21. bis 24. Februar werden die Bischöfe im Vatikan über die Folgen des weltweiten sexuellen Missbrauchs sprechen. Denn in der katholischen Kirche ist ein Flächenbrand ausgebrochen: Irland, Chile, USA, Deutschland, Australien, Philippinen, Indien, Brasilien - es scheint kein Kontinent verschont geblieben  zu sein.

Fest steht: Das Schweigen ist vorbei. Und das Wegschauen ebenfalls. Nicht erst seit der Veröffentlichung der Studie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz den Kindesmissbrauch zwischen 1946 und 2014 untersuchen ließ und deren Ergebnisse am Mittwoch vorab von "Zeit" und "Spiegel" veröffentlicht wurden.

"Bedrückend und beschämend"

"Wir wissen um das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs, das durch die Ergebnisse der Studie belegt wird. Es ist für uns bedrückend und beschämend", erklärte der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs: "Wir stellen uns den Ergebnissen."

Matthias Katsch, Sprecher und Vorsitzender des Opferverbandes "Eckiger Tisch", reicht dies nicht: "Die Studie zeigt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit", erklärte er. Es fehlten Gespräche mit Opfern, Akten seien vernichtet und viele Fälle nicht richtig dokumentiert worden. Katsch: "Ich appelliere an Politik und Gesellschaft, sich für die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für eine unabhängige, professionell ausgestattete Untersuchungskommission einzusetzen."

Irland - Irlands Katholiken erwarten den Besuch des Papst (Reuters/C. Kilcoyne)

Beim Besuch von Papst Franziskus Ende Juli in Irland war Missbrauch das Thema Nummer eins

Zu den Ergebnissen der 350 Seiten umfassenden Untersuchung von einem Forschungsteam des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim gehört unter anderem die Tatsache, dass der Anteil der Beschuldigten bei Priestern mit fünf Prozent wesentlich höher liegt als bei hauptamtlichen Diakonen (ein Prozent). Und dass ein Viertel aller Missbrauchten Ministranten waren. Mit anderen Worten: Während außerhalb der Kirche die meisten Missbrauchsopfer weiblich sind, ist innerhalb der Kirche das Gegenteil der Fall.

Bei der Kinderschutzkommission im Vatikan und dem Kinderschutzzentrum an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom ist man sich der spezifisch katholischen Komponenten beim Thema Missbrauch bewusst. Dazu gehörten die Macht des Klerus, eine verklemmte und unterdrückte Sexualität und die streng hierarchische Form der Organisation.

Schulung? Nein danke

Das Zentrum hat seit seiner Gründung 2012 nach eigenen Angaben mehr als 250 Schulungen für Priester und Bischöfe auf allen Kontinenten abgehalten. Und sie hat ein Forum für Opfer geschaffen. Doch vielen Geistlichen missfielen die Schulungen, diese Erfahrung machten die Kinderschützer.

Mittlerweile genießen sie immerhin den Rückenwind von Papst Franziskus. Denn der Leiter der Kinderschutzkommission, Kardinal Sean O'Malley aus Boston, gehört ebenfalls dem Rat der Kardinäle an, die den Papst beraten. Das Gremium sicherte Franziskus seine "volle Solidarität" zu.

Bei den Kinderschutz-Beauftragten hat man die Lawine kommen sehen. Einige Mitarbeiter vergleichen die noch nicht absehbaren Folgen des weltweiten Missbrauchsskandals mit den Auswirkungen der Reformation von vor 500 Jahren. Franziskus sei der neue Luther, die Kirche werde eine andere sein, sind sich einige Mitarbeiter in der Kommission sicher.

Zu den Prognosen aus dem Inneren des Vatikans gehört auch, dass jahrzehntelange Streitthemen wie das Ende des Pflichtzölibats - keine Ehe, kein Sex für Priester - oder die Verleihung der Priesterweihe für verheiratete Diakone jetzt unerwartet schnell geregelt werden könnten. Spätestens bei der Amazonas-Synode im Oktober 2019 sollen die Restriktionen aufgehoben werden, versicherten mehrere Vertraute des Papstes.

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Missbrauchsskandal überschattet Papstreise: Gespräch mit Matthias Katsch, Mitglied Eckiger Tisch

Reue und Reformen

Doch trotz aller Reuebekundungen und Reformversprechungen: Auch der kirchenpolitische Missbrauch des Missbrauchsskandals hat bereits begonnen. Denn der Kurs von Papst Franziskus und die damit verbundene Entmachtung des Klerus stößt in vielen Kreisen des Vatikans verständlicherweise auf Widerstand. "An einer Diskreditierung dieses Papstes haben viele Gottesmänner mit römischem Kragen ein Interesse", schreibt Christiane Florin, Autorin und Kennerin der katholischen Kirche, in einem Kommentar für den Deutschlandfunk.

Florin vermisst Priester und Bischöfe, die Verantwortung übernehmen und sich schuldig bekennen: "Das Wort 'Ich' wäre das Wort der Stunde. Ich übernehme die Verantwortung. Ich war Täter. Ich war Vertuscher. Ich habe Akten verschwinden lassen. So etwas von einem geweihten Mann ausgesprochen - das wäre ein Schock. Vermutlich ein heilsamer."

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