Ernst Jünger: ″In Stahlgewittern″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 06.10.2018
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100 gute Bücher

Ernst Jünger: "In Stahlgewittern"

Er bannte das Grauen des Ersten Weltkrieges in seinem Roman. Und wurde dafür heftig kritisiert. Hat Ernst Jünger die Gewalt verherrlicht oder nur schonungslos beschrieben?

Dieser Mann wusste sehr genau, worüber er schrieb. Ernst Jünger zog 1914 wie viele seiner Altersgenossen freiwillig an die Front. Man sehnte sich nach einem 'reinigenden' Krieg, nach einem großen Abenteuer inmitten einer Zeit des Wandels. Der Beginn des 20. Jahrhunderts war geprägt von Umbrüchen. 

Männer in der Krise

Der technologische Fortschritt entwickelte sich in rasantem Tempo, die globale Wirtschaft explodierte. Frauen gingen für ihre Rechte auf die Straßen, und Psychoanalytiker durchleuchteten das menschliche Unterbewusstsein. Zurück blieben vor allem verunsicherte Männer, die sich ihrer Identität und Rolle nicht mehr sicher sein konnten. 

Ein Krieg – kathartisch, edel, gerecht – kam da als männliche Selbstvergewisserung gerade recht. Doch statt eines heroischen Blitzkrieges erwartete Jünger die grausame Realität des Schützengrabens. Er kämpfte bis zuletzt an vorderster Front, wurde mehrfach verwundet und noch kurz vor Kriegsende im September 1918 mit der höchsten militärischen Auszeichnung, dem Orden Pour le Mérite, geehrt.

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"In Stahlgewittern" von Ernst Jünger

Krieg als Reinigung

Jünger führte während der Kriegsjahre minutiös Tagebuch. Seine "Stahlgewitter" ließen ihn nicht mehr los. Fast manisch überarbeitete er den Text über die Jahre und hinterließ sieben Fassungen, die sich in ihrer Aussagekraft grundlegend unterscheiden. In den ursprünglichen Tagebuchaufzeichnungen fragt der kriegsmüde Jünger noch mahnend: 

"Was soll das Morden und immer wieder Morden? […] Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende."

Später werden diese Zweifel sukzessive ersetzt durch metaphorische Beschreibungen. Die authentische Ohnmacht weicht einer artifiziellen Sprache.

"Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie. […] Dann fährt als feurige Ouvertüre eine einzelne rote Leuchtkugel in die Höhe und mit einem Schlag beginnt das Werk."

Manische Bearbeitung

Ernst Jünger als Offizier 1939 (picture-alliance/akg-images)

Ernst Jünger als Offizier 1939

Diese Überhöhung des Krieges machte Ernst Jünger zu einer Galionsfigur der konservativen Rechten, wobei der Autor selbst sich eher als Teil der Avantgarde sah, mit einer Nähe etwa zu den Futuristen. Seine Haltung gegenüber den Nationalsozialisten war lange Zeit ambivalent, doch die Vereinnahmung durch sie war Jünger Zeit seines Lebens zuwider. Während Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" weltweit als Antikriegsroman par excellence gefeiert wurde, galt vielen der drei Jahre ältere Ernst Jünger als Kriegsapologet. Dabei offenbart seine Überarbeitungsmanie, wie tief das Trauma des Schützengrabens in ihm steckte. 

Mit jeder neuen Fassung versuchte er, einen Sinn in das Grauen zu projizieren, das Unsagbare für sich erklärbar zu machen. Hinter Jüngers Stilisierung steckt ein psychologischer Verarbeitungsprozess, der literarisch einzigartig ist. Erst der Vergleich der unterschiedlichen "Stahlgewitter"-Ausgaben zeigt, welche Wunden der Krieg hinterließ, die nie wirklich verheilten. 

 

Ernst Jünger: "In Stahlgewittern" (1920), Klett-Cotta Verlag

Ernst Jünger, geboren 1895 in Heidelberg, war Fremdenlegionär, Offizier in beiden Weltkriegen, Dandy, Philosoph und Literat. Im Literaturbetrieb der Bundesrepublik blieb er ein Außenseiter, immer umstritten, vielfach kritisiert als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Seine Anhänger, zu denen auch Staatsmänner gehörten, verehrten ihn. Als ihm 1982 der Goethepreis verliehen wurde, führte das zu einem politischen Skandal. Jünger starb 1998 im Alter von 102 Jahren im schwäbischen Riedlingen.

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