Erfolgreiche Ebola-Medikamententests – Grund zum Aufatmen? | Wissen & Umwelt | DW | 14.08.2019
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Interview

Erfolgreiche Ebola-Medikamententests – Grund zum Aufatmen?

Zwei Ebola-Medikamente zeigen gute Wirkung. Das ist eine der "besten Nachrichten der letzten Jahre," sagt Epidemiologe Maximilian Gertler. Beim Ausbruch im Kongo fehle es aber vor allem noch am Vertrauen der Bevölkerung.

Deutsche Welle: Herr Gertler, inmitten der Ebola-Epidemie im Kongo melden Forscher vielversprechende Erfolge bei Medikamententests. Zwei Mittel hätten die Überlebenschance der Ebola-Infizierten deutlich erhöht. Kann man bei der Meldung der World Health Organization (WHO) von einem Durchbruch sprechen?

Maximilian Gertler: Was Therapeutika angeht, ist das ganz klar eine der besten Nachrichten der letzten Jahre.

Dr. Maximilian Gertler steht 2014 vor einem Versorgungszentrum von Ärzte ohne Grenzen im westafrikanischen Guinea

Maximilian Gertler ist Tropenmediziner und Epidemiologe. Für "Ärzte ohne Grenzen" war er unter anderem vor fünf Jahren in Guinea im Ebola-Einsatz.

Sind das somit auch gute Nachrichten für die Ebola-Epidemie im Kongo?

Es wird auf jeden Fall helfen, Patienten besser zu behandeln. Aber bei dem Ausbruch, den wir derzeit im Ostkongo sehen – und der immer noch nicht unter Kontrolle ist – brauchen wir vor allem präventive Maßnahmen. Die Bevölkerung muss ins Zentrum gerückt und an der Planung der Maßnahmen beteiligt werden.

Warum ist der Ausbruch immer noch nicht unter Kontrolle?

Bei der aktuellen Epidemie im Ostkongo sehen wir jede Woche 60 bis 100 Neuerkrankungen. So etwas kannten wir bisher nicht. Das ist sehr beunruhigend. Ein Jahr nach Beginn der Hilfsmaßnahmen haben wir fast 3000 Erkrankte und an die 2000 Verstorbene. Das ist inakzeptabel hoch. Das gleiche gilt für die Sterblichkeit von 67 Prozent.

Etwa fünf Prozent der Fälle betreffen Mitarbeiter der Gesundheitsversorgung in der Region. Das ist natürlich katastrophal, denn das bedeutet, dass die Leute an manchen Orten offenbar immer noch ungeschützt oder nicht ausreichend geschult sind.

Dazu kommt der Ausbruch in Goma, einer Stadt mit fast zwei Millionen Einwohnern direkt an der Grenze zu Ruanda. Diese Fälle zeigen sehr deutlich, dass wir die Ausbreitung der Erkrankung nicht im Griff haben und möglicherweise noch neue Herausforderungen auf uns warten.

Wie schätzen Sie die Lage direkt vor Ort ein?

Die Gesamtsituation im Ostkongo ist eine große Herausforderung, da die allgemeine Gesundheitsversorgung schwach ist, es viel Gewalt und wenig Vertrauen der Bevölkerung in die Hilfsmaßnahmen gibt. Wir haben gesehen, wie Ebola-Helfer teilweise bedroht und angegriffen wurden, auch Teams und Behandlungsstationen von "Ärzte ohne Grenzen" sind immer wieder angegriffen worden. Aus Umfragen vor Ort weiß man, dass ein wesentlicher Teil der Bevölkerung Ebola noch immer nicht für eine reale Gefahr hält, sondern teilweise sogar für eine Verschwörung.

Das heißt, mangelndes Vertrauen ist eines der Hauptprobleme.

Ganz klar. Wir hören von unseren Patienten und den Menschen, mit denen wir dort sprechen ganz einfache Fragen wie: "Wo wart ihr vor einem halben Jahr als mein Kind an Malaria gestorben ist? Wo war die Hilfe als unser Dorf das letzte Mal überfallen wurde?"

Das Schlimmste bei diesem Ebola-Ausbruch ist aus meiner Sicht die Gesamtsituation im Ostkongo, zu der diese scheußliche Epidemie noch hinzugekommen ist.

Könnte die positive Medikamenten-Studie nicht vielleicht sogar helfen, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen?

Die großartige Nachricht zu den Medikamenten wird die Studienlage verändern. Und es ist natürlich wünschenswert, dass sich diese Entwicklung herumspricht und das Vertrauen in die Maßnahmen bei der Bevölkerung wächst, wenn bekannt wird, dass es eine wirksame Therapie gibt.

Aber...?

Aber ob das der Schlüssel zur Bekämpfung dieser Epidemie ist, muss sich erst noch zeigen. Ich glaube, dass das Vertrauen der Bevölkerung insbesondere in den letzten Jahren darunter gelitten hat, dass es kaum eine vernünftige Gesundheitsversorgung gibt, dass die Kinder an behandelbaren Erkrankungen wie Malaria, Masern oder Atemwegserkrankungen sterben.

Was könnte Ihrer Meinung nach eine Lösung sein?

Ich denke, man muss die Ebola-Arbeit in die generelle Gesundheitsversorgung mit einbinden und letztere muss unbedingt verbessert werden. Das ist auch die Haltung von Ärzte ohne Grenzen. Das Gesundheitspersonal muss natürlich geschult und vor Ebola-Infektionen geschützt werden und man muss die Bevölkerung an den Planungen zu den Maßnahmen beteiligen, damit wir das Vertrauen der Menschen gewinnen, die wir vor einer Infektion schützen wollen. Ich glaube, vielmehr als in zwei neuen Medikamenten liegt dort die Lösung.

Warum ist die Ebola-Bekämpfung generell so schwierig?

Ebola-Bekämpfung hieß in erster Linie "Verhinderung von Neuerkrankungen und das Abschneiden der bekannten Infektionsketten". Das heißt: Die Kontaktpersonen frühzeitig zu listen, nachzuverfolgen, zu impfen und sobald sie erkranken, sie zu isolieren. Aber all dies erfordert natürlich Vertrauen der Bevölkerung in die Maßnahmen und in die Organisationen, die das durchführen.

Dies holt uns insbesondere in der aktuellen Epidemie ein: Wir hatten zwar eine Impfung, wir haben möglicherweise ein Therapeutikum, aber wir sehen, dass wir mit diesen Waffen gegen die Erkrankung noch nicht ankommen, weil wir die Menschen gar nicht in ausreichendem Maße erreichen. Nur wenn uns das gelingt, werden wir deutlich vorankommen im Kampf gegen Ebola.

Dr. med. Maximilian Gertler ist Tropenmediziner und Epidemiologe am Institut für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit, an der Charité Berlin und war für "Ärzte ohne Grenzen" unter anderem vor fünf Jahren in Guinea im Ebola-Einsatz.

Das Interview führte Hannah Fuchs. 

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