Erdogans Fußball-Opfer: Mesut Özil | Europa | DW | 11.07.2018
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Nationalmannschaft

Erdogans Fußball-Opfer: Mesut Özil

Wird Mesut Özil die deutsche Fußballnationalmannschaft verlassen? Auch in der Türkei bringt man ihm gemischte Gefühle entgegen. Dass er sich einst gegen die Türkei entschied, hat man dort nicht vergessen.

In Deutschland prasselt immer mehr Kritik auf Mesut Özil ein: Erst das gemeinsame Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dann seine schlechte Performance während der Fußballweltmeisterschaft 2018. Doch auch in der Türkei stand Özil in der Vergangenheit häufig in der Kritik, weil er nicht für die Türkei spielte. Ein beliebter Spieler war er in der Türkei aus diesem Grund nie.

Seit 2009 spielt Özil für die deutsche Fußballnationalmannschaft. In seiner Biografie "Die Magie des Spiels: Und was du brauchst, um deine Träume zu verwirklichen" erzählt er von seiner schweren Entscheidung, für Deutschland zu spielen. Seine Mutter wollte, dass er für die türkische, sein Vater, dass er für die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt. Özil hörte auf seinen Vater.

Wechsel zu einem türkischen Fußballverein?

Erdogan mit Özil (picture-alliance/dpa/Uncredited/Presdential Press Service)

Mesut Özil und Präsident Recep Tayyip Erdogan

Bagis Erten ist Sport-Journalist bei der Zeitung Cumhuriyet. Dass Özil sich damals für die deutsche und gegen die türkische Fußballnationalmannschaft entschied, habe in der Türkei zu heftiger Kritik an Özil geführt, erzählt er. Es sei möglich, dass Özil die deutsche Fußballnationalmannschaft verlassen und für einen Fußballverein in der Türkei spielen werde, so Erten. Er schließt nicht aus, dass türkische Zeitungen demnächst noch Überschriften wie "Findest du kein Team, Mesut?" bringen könnten.

Die Presse in der Türkei habe die Entwicklung rund um Özil nur bedingt verfolgt, erklärt Erten. "Weil es in der Türkei normal ist, sich mit Erdogan fotografieren zu lassen, hat die Fußballwelt nicht verstanden, welche Probleme Özil in Deutschland bekommen hat", erklärt er. Ertens persönliche Meinung: Özil hätte sich vorher überlegen müssen, dass ein Foto mit Erdogan, der in Europa kritisiert wird, kein gutes Licht auf ihn wirft.

Doch Erten glaubt, dass der eigentliche Grund für die Kritik an Özil seine schlechte Performance war. "Hätte Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft sehr gut gespielt, hätte man sich dann so sehr auf Özil konzentriert? Ich glaube nicht."

"Das Dilemma der Deutsch-Türken"

Deutschland Freundschaftsspiel Deutschland vs. Saudi-Arabien - (Reuters/T. Schmuelgen)

Mesut Özil und Ilkay Gündogan auf der Bank

Kenan Basaran schreibt über Sport für die Tageszeitung Hürriyet. Er verweist auf Ilkay Gündogan. Auch Gündogan habe sich mit Erdogan getroffen, sagt er, doch Gündogan habe es geschafft, mit einer Aussage die Situation besser zu lenken. "Mesut Özil aber hat immer geschwiegen. Wenn er glaubt, ungerecht behandelt worden zu sein, hätte er sich verteidigen müssen", so Basaran.

"Wenn die Sportwelt in Deutschland denkt, dass dieses Foto nicht zur Integration passt, hätten sie Özil gar nicht erst für die Fußballnationalmannschaft spielen lassen sollen. Ihn einerseits für die Nationalmannschaft spielen zu lassen und sich andererseits so über ihn zu beschweren, erscheint mir nicht richtig", sagt Basaran im Hinblick auf die scharfe Kritik der deutschen Öffentlichkeit.

Ist also die Integration von deutschen Sportlern mit türkischen Wurzeln wie Özil nicht möglich? "Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht", so Basaran von der Tageszeitung Hürriyet. Sportler, deren Familien aus der Türkei nach Deutschland emigriert sind, befänden sich in einem großen Dilemma zwischen den beiden Ländern, erklärt er. "In der Türkei wurde Özil vorgeworfen, nicht für die Türkei zu spielen. Jetzt wird er in Deutschland beschuldigt. Man kann den kulturellen Konflikt, den diese Menschen erleben, nicht leugnen."

Özil ist aber auch ein Opfer des Verhältnisses zwischen Fußball und Politik. In der Geschichte des Fußballs standen immer wieder Fußballer aufgrund ihrer politischen Präferenzen in der Kritik. "Jeder beurteilt das Ganze entsprechend seiner politischen Überzeugung. Entweder sollten wir Beziehungen zwischen Politik und Fußball ganz ablehnen oder die individuellen persönlichen politischen Ansichten der Sportler akzeptieren", so Basaran.

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