Erdogan sieht Partnerschaft mit USA in Gefahr | Aktuell Welt | DW | 11.08.2018
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Handelsstreit

Erdogan sieht Partnerschaft mit USA in Gefahr

Drohen, poltern, sanktionieren: Nach dem Absturz der türkischen Lira hat Präsident Recep Tayyip Erdogan die USA vor einer weiteren Eskalation gewarnt. Er könne sich vorstellen, sich nach neuen Verbündeten umzusehen.

USA New York Trump trifft Erdogan (picture-alliance/AP/E. Vucci)

Da war die Stimmung noch besser: Erdogan und Trump bei der UN-Vollversammlung im vergangenen Jahr

Sollte die US-Regierung die Souveränität der Türkei nicht respektieren, "dann könnte unsere Partnerschaft in Gefahr sein". Das schrieb Erdogan in einem in der "New York Times" veröffentlichten Gastbeitrag. Er drohte, seine Regierung werde ansonsten damit beginnen, "nach neuen Freunden und Verbündeten" zu suchen.

Davor hatte Erdogan die Nation angesichts des dramatischen Wertverlustes der Lira zum Zusammenhalt aufgerufen. "Keine Bedrohung, Erpressung oder Operation wird die Türkei einschüchtern", schrieb Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin auf Twitter. "Die Türkei wird auch diesen Kampf gewinnen." Einige Stunden später ergänzte er: "Das ganze türkische Volk ist gegen die US-Politik."

Verantwortung für den dramatischen Absturz der Lira übernahm Erdogans Regierung nicht. Erdogan sagte im nordtürkischen Gümüshane: "Diejenigen, die glauben, dass sie die Türkei mit Wirtschaftsmanipulationen in die Knie zwingen, kennen diese Nation anscheinend gar nicht." Wen er konkret beschuldigt, sagte er nicht.

Rekordtief für die Lira

In einer Ansprache in Bayburt hatte er kurz zuvor von einem "Wirtschaftskrieg" gegen die Türkei gesprochen. Die Lira war am Freitag auf ein Rekordtief gefallen: Für einen Dollar wurden zeitweise 6,87 Lira fällig, zu Monatsbeginn mussten weniger als 5 Lira für einen Dollar ausgegeben werden.

Recep Tayyip Erdogan (Foto: picture-alliance)

Erdogan sieht die Türkei in einen Wirtschaftskrieg verwickelt

Ein von Finanzminister Berat Albayrak vorgestelltes Maßnahmenpaket für die angeschlagene Wirtschaft überzeugte Investoren nicht. Der Minister versprach, dass die Regierung eine "unabhängige Geldpolitik" voll unterstützen werde. Die Regierung wolle das Vertrauen in die Lira stärken und werde die Inflation effektiv bekämpfen. Wie genau das geschehen soll, ging aus der Präsentation nicht hervor.

Die Verbindungen der Familie

Albayrak ist der Schwiegersohn Erdogans, der im Frühjahr eine stärkere Einflussnahme der Regierung auf Zentralbank angekündigt hatte - also das Gegenteil einer unabhängigen Geldpolitik. Erdogan lehnt Zinserhöhungen ab, um die Inflation zu bekämpfen, die inzwischen die 15-Prozent-Marke überstiegen hat. Mit dieser Haltung widerspricht er diametral der gängigen Wirtschaftslehre.

Während Albayraks Rede heizte US-Präsident Donald Trump die Währungskrise in der Türkei bewusst weiter an. Er schrieb am Freitag auf Twitter: "Ich habe gerade eine Verdopplung der Zölle auf Stahl und Aluminium hinsichtlich der Türkei bewilligt." Die Beziehungen zur Türkei seien "nicht gut". Trump verwies ausdrücklich darauf, dass die Lira "schnell gegenüber unserem sehr starken Dollar abrutscht!" Die neuen Zölle in Höhe von 50 Prozent gelten ab diesem Montag.

Die Regierung in Ankara kündigte umgehend Vergeltung an. "Allen Schritten gegen die Türkei wird wie bislang die notwendige Antwort gegeben werden", teilte das Außenministerium mit. "Die USA sollten wissen, dass sie mit solchen Sanktionen und Druck keine Ergebnisse erzielen werden."

Verstimmungen in der Türkei

Das türkische Handelsministerium kritisierte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu, die neuen Strafzölle seien ein Verstoß gegen Regeln der Welthandelsorganisation WTO.

"Wir werden unsere Unterstützung für Eisen-, Stahl- und Aluminiumexporteure fortsetzen, indem wir deren Interessen gegen illegale Praktiken anderer Länder auf jeder internationalen Plattform verteidigen." Das gelte besonders für die WTO. Die echten Verlierer der Sanktionen seien Produzenten, der Privatsektor und Exporteure beider Länder.

Das Handelsministerium schlug allerdings deutlich moderatere Töne als das Außenministerium an. In der Mitteilung hieß es weiter: "Die USA werden weiterhin ein wichtiger Handelspartner von uns sein." Die Türkei habe im vergangenen Jahr Eisen, Stahl und Aluminium im Wert von 1,1 Milliarden Dollar in die USA exportiert - was einen Anteil von 0,7 Prozent aller Ausfuhren ausgemacht habe.

Inhaftierte Amerikaner als Auslöser

Hintergrund des Konflikts ist die Haltung der Türkei im Fall des inhaftierten US-Pastors Andrew Brunson und weiterer in der Türkei einsitzender Amerikaner, die unter fadenscheinigen Argumenten in türkischen Gefängnissen sitzen. Trump hatte deswegen neben der Verdopplung der Sonderzölle auch Sanktionen gegen den türkischen Innenminister Süleyman Soylu und gegen Justizminister Abdülhamit Gül verhängt. Damit werden etwaige Vermögen der Minister in den USA eingefroren. Außerdem dürfen US-Bürger keine Geschäfte mit ihnen machen.

US-Pastor Brunson verlässt den Hausarrest (Foto: Reuters)

Der Konfliktauslöser: US-Pastor Brunson kurz nachdem er seinen Hausarrest verlassen durfte

Erdogan erließ daraufhin ebenfalls Sanktionen gegen US-Minister, die aber weitgehend symbolisch sein dürften. In dem Gastbeitrag für die "New York Times" warf Erdogan der Trump-Regierung zudem vor, den türkischen Prediger Fethullah Gülen nicht auszuliefern. Erdogan macht Gülen, der im Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania lebt, für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich. Erdogan schrieb, der Putschversuch ähnele dem, "was das amerikanische Volk zweifellos nach Pearl Harbor und den Angriffen vom 11. September erlebt habe".

jmw/jj (dpa, rtr, afp)

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