Erdogan - arabischer Held oder Feind? | Nahost | DW | 10.07.2018
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Türkei

Erdogan - arabischer Held oder Feind?

Bei vielen Bürgern der arabischen Welt löst die Vereidigung des türkischen Staatschefs Erdogan Begeisterung aus. Sein Verhältnis zu den dortigen Regierungschefs ist allerdings angespannt. Ein Paradox türkischer Politik.

Israel Jerusalem Muslime Recep Tayyip Erdogan (Getty Images/AFP/A. Gharabli)

Erdogan am Herzen: Muslime beim Freitagsgebet in Ost-Jerusalem

Hätte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan auch in der arabischen Welt zur Wahl antreten können, er hätte gute Chancen gehabt, noch mehr Stimmen für sich einsammeln zu können, als in der Türkei selbst. Denn Erdogan hat dort viele Anhänger.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand, heißt es in einer Analyse des Internetportals "Arabi 21". Erdogan habe die Überreste der Militärherrschaft endgültig beseitigt. Und zumindest in den ersten Jahren seiner Amtsführung habe er die Wirtschaftslage der Türkei enorm verbessert.

Von derartigen Fortschritten und Reformen könnten viele Menschen in der arabischen Welt nur träumen - und dies umso mehr, als die meisten von ihnen auch nach dem Protestjahr 2011 weiterhin oder wieder unter autoritären Regierungen lebten.

So sähen viele Bürger der arabischen Welt Erdogan als Garanten einer islamischen Moderne, die sie in ihren eigenen Ländern vermissten. "Präsident Erdogan ist in der arabischen Welt von den westlichen bis zu den östlichen Regionen populär - vielleicht noch populärer als in der Türkei selbst", heißt es in einem Bericht auf "Arabi 21".

Auf der Suche nach einem "arabischen Erdogan"

Auch Erdogans harscher Kurs gegenüber seinen politischen Gegnern hat seiner Popularität in der arabischen Welt scheinbar keinen Abbruch getan, liest man in einer Analyse des "Middle East Monitor". "Der Wunsch, dass Erdogan die Präsidentschaftswahlen gewinnen möge, war nicht nur eine Projektion ihrer unterdrückten Wünsche und gescheiterten Träume. Ebenso hoffen die Menschen, einen arabischen Erdogan auch in ihren eigenen Ländern zu finden."

In ihrer Begeisterung unterscheiden sich die arabischen Bürger allerdings deutlich von ihren politischen Repräsentanten. Diese pflegen gegenüber dem am Montag  erneut vereidigten türkischen Präsidenten überwiegend ein distanziertes Verhältnis, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Symbobild Israel Jerusalem Gewalt am Tempelberg (picture.alliance/W. Rothermel)

Weltbühne von Politik und Religion: der Felsendom in Jerusalem

So trafen sich vor einigen Wochen Vertreter der jordanischen Regierung und der palästinensischen Autonomiebehörde (PA) mit israelischen Amtskollegen, um über die verstärkte türkische Präsenz in Jerusalem zu beraten.

Türkische Präsenz in Ost-Jerusalem

Es gelte aufzupassen, erklärten die Jordanier und Palästinenser einem Bericht der israelischen Zeitung Haaretz Anfang Juli zufolge: So habe es Schenkungen aus der Türkei an islamistische, der fundamentalistischen, den Gazastreifen regierenden Hamas gegeben. Man registriere eine erhöhte Teilnahme türkischer Aktivisten an - teils auch gewalttätigen - Demonstrationen rund um den Tempelberg, berichteten die Jordanier.

Die Palästinenser wiesen zudem darauf hin, dass türkische Staatsbürger in bislang unbekanntem Maß Grundbesitz in Ost-Jerusalem erwürben. Man lege keinen Wert darauf, "einen neuen Hausherrn in Ost-Jerusalem zu haben", erklärten die PA-Vertreter. Die Jordanier fürchten dem Bericht zufolge wiederum, die Türkei wolle mit ihnen um ihren Status als Hüter der heiligen islamischen Stätten in Jerusalem konkurrieren.

In Israel werden die türkischen Aktivitäten als Versuch verstärkter Einflussnahme gedeutet. "Sie versuchen, Immobilien zu erwerben und ihre politische Präsenz zu stärken", zitiert Haaretz einen namentlich nicht genannten Vertreter der israelischen Polizei.

Streitfall Muslimbrüder

Zu den meisten Regierungen der arabischen Welt habe die Regierung Erdogan noch aus anderen Gründen ein angespanntes Verhältnis, sagt der Sozialgeograph Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) an der Universität Mainz. Erdogan stehe politisch der Muslimbruderschaft nahe und unterstütze deren Aktivitäten, die sich über eine Reihe arabischer Staaten verteilten.

Besonders verbunden, so Sozialgeograph Meyer, sei Erdogan dem Emirat Katar, das ebenfalls ein wichtiger Förderer der Muslimbrüder sei. "Das bedeutet eine ausgeprägte Spannung zu Katars größten Widersachern, nämlich der Vierergruppe Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), Bahrain und Ägypten. Das ist eine klassische Frontstellung, in deren Rahmen Erdogan auch die militärische Präsenz der Türkei in Katar ausgebaut hat", sagt Meyer. Diese Strategie dürfte Erdogan auch nach seinem Wahlsieg weiterhin verfolgen.

Mohammed bin Salman (picture-alliance/B.Algaloud )

Meister der Feind-Verortung: der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman

"Spannungen könnten weiter wachsen"

In den vergangenen Wochen und Monaten hat Erdogan nicht nur aus Ägypten wenig freundliche Nachrichten erhalten. "Die Beziehungen zwischen der arabischen Welt und der Türkei befänden sich derzeit "nicht im besten Zustand", erklärte Anwar Gargash, Staatsminister für Auswärtige Angelegenheit der Vereinigten Arabischen Emirate. Und Mohammed bin Salman, der Kronprinz und Verteidigungsminister Saudi-Arabiens, erklärte zuletzt, das saudische Königreich habe drei Hauptfeinde: den Iran, die Türkei und militante sunnitische Gruppen wie die Hamas und die Muslimbrüder.

Es sei kein Zufall, dass sich das Königreich Saudi-Arabien an die Spitze der Gegner der Türkei gesetzt habe, sagt Günter Meyer. "Der politische Islam, wie ihn die Muslimbruderschaft vertritt, gilt gerade den autoritären Regimes auf der arabischen Halbinsel als größte Gefahr. Das könnte dazu führen, dass die Spannungen zu autoritären Herrschern in der arabischen Welt weiter wachsen werden."

In einigen Regionen der arabischen Welt ist allerdings auch die Zivilbevölkerung auf erhebliche Distanz zu Erdogan gegangen. Der Einmarsch in den Norden Syriens hat nicht nur die dort lebenden Kurden, sondern viele Syrer alarmiert. Auch im Irak ist die Sorge vor einem möglichen Einmarsch der Türkei gestiegen - und zwar ebenfalls nicht nur auf Seiten der irakischen Kurden.

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Türkei: Präsident Erdogan festigt seine Macht

 

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