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Politik

Erdbeben in Izmir: Unter Trümmern

Tunca Öğreten
3. November 2020

Nach dem Erdbeben in der Ägäis versuchen Rettungskräfte in der türkischen Stadt Izmir, möglichst viele Menschen aus den Trümmern zu bergen. Für einige kommt jede Hilfe zu spät. Aus Izmir Tunca Ögreten.

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Zerstörung nach dem Erdbeben in Izmir, Türkei (Foto: Deniz Barış Narlı/DW)
Bild: Deniz Barış Narlı/DW

"Ich konnte mit meiner Mutter sprechen. Ich konnte sie berühren. Von meinem Vater hörten wir nichts mehr, seit wir verschüttet wurden. Als es dem Rettungsteam dann gelang, ein Loch in die Trümmer zu schlagen, fragte ein Rettungshelfer: 'Wessen Hand halte ich jetzt?' Die Hand gehörte weder mir noch meiner Mutter. 'Lass ihn, er ist tot. Rette mich', rief ich darum den Helfern zu." 

Diese Geschichte erzählt der 30-jährige Zahnarzt Çağlar B., der durch das Erdbeben bei Izmir unter Trümmern begraben wurde und einen dreieinhalbstündigen Überlebenskampf bestand, bis er und seine Mutter geborgen wurden.

Ein anderes Trümmerfeld in Izmir, in der Stadt, wo bisher rund 100 Menschen durch das Erdbeben ihr Leben verloren haben. Dutzende Männer mit staubigen Helmen und Stiefeln schleppen eilig Tragen. Auf einer werden sie später die dreieinhalb Jahre alte Elif wegbringen. Verschüttet hat sie sich 65 Stunden an dem Finger eines Feuerwehrmanns festgehalten. Und schaffte es zu überleben.

Gebäude, deren Fassaden Risse haben oder die schief stehen, hat die Polizei mit einem Band abgesperrt.

Izmir gleicht einem riesigen Flüchtlingslager, überall sind Zelte aufgeschlagen. Die Menschen, die in ihnen übernachten, wirken zufrieden, weil das Katastrophen- und Notfallmanagement und die Gemeinde ihnen das provisorische Dach über dem Kopf schnell organisiert haben.

Mert Dogru, sitzt gerade mit seiner Familie am Tisch vor seinem Zelt und frühstückt. Die Zelte seien sofort aufgebaut und Hilfe bereitgestellt worden, sagt er. "Wir kommen vergleichsweise unbeschwert durch eine schwierige Zeit." Seine einzige Sorge sei, so der 29-Jährige, dass die Gutachter eine ordentliche Schadensbewertung seines beschädigten Hauses durchführen.

Izmir: Eine Stadt wie ein Flüchtlingslager (Foto: Deniz Barış Narlı/DW)
Izmir: Die Stadt wirkt wie ein FlüchtlingslagerBild: Deniz Barış Narlı/DW

Viele Bewohner solidarisieren sich mit den Betroffenen, manche bringen den Obdachlosen Essen und Kleidung.

"Wenn das Erdbeben 15 Sekunden länger gedauert hätte..."

Serdar Sandal, der Bürgermeister des Stadtteils Bayraklı, der stark vom Erdbeben erschüttert wurde, macht auf die schlampige Bauweise der Gebäude aufmerksam - sie seien auf Schwemmland errichtet worden. "Wenn das Erdbeben noch 15 Sekunden länger gedauert hätte, wären noch viel mehr Gebäude eingestürzt", kritisiert er.

Zwei Rettungskräfte helfen, die Trümmer des Wohnungsblocks Rıza Bey beiseite zu schaffen. Das Erdbeben hat das Gebäude zerstört - mindestens acht Menschen wurden begraben. Einer der beiden Männer fährt einen Bagger und berichtet: "Wenn der Bagger den Beton abträgt, löst er sich in Staub auf."

Izmir: Bangen um das Überleben der Familienangehörigen (Foto: Deniz Barış Narlı/DW)
Bangen um das Überleben der Familienangehörigen Bild: Deniz Barış Narlı/DW

Die Professorin Ayşegül Ünveren lebte fünf Jahre in dem Wohnblock. "2003 gab es schon einmal ein Erdbeben. Die Wände des Hauses rissen und die Fliesen fielen ab. Daraufhin bin ich aus Rıza weggezogen, weil ich Angst hatte", erinnert sie sich. "Angeblich wurden danach Befestigungsarbeiten durchgeführt. Aber es hat wohl nicht ausgereicht. Ich frage mich: Müsste der Staat nicht solche Maßnahmen beaufsichtigen?"

Wenn wir durch die Straßen von İzmir gehen, fällt sofort auf, wie schlampig selbst neue Gebäude errichtet worden sind. Rund 60 Prozent der Gebäude, die in Bayraklı dem Erdbeben Stand gehalten haben, sind von vielen Rissen durchzogen, sie müssen abgerissen und ganz neu errichtet werden.

"Gute Besserung, Izmir"

Alim Murathan, Präsident der Ingenieurskammer, erklärt, dass die Gebiete, die das Erdbeben am schwersten mitgenommen hat, auf Schwemmböden errichtet worden seien. Er betont, dass zwar grundsätzlich auf Schwemmland gebaut werden könne, doch diese Gebäude müssten dann sehr robust sein. Hätte das 75 km entfernte Epizentrum des Erdbebens näher an der Stadt gelegen, wären die Auswirkungen noch katastrophaler gewesen, sagt Murathan.

Obwohl viele Gebäude beschädigt sind und viele Menschen in Zelten ausharren müssen, normalisiert sich das Leben in Izmir langsam. "Gute Besserung, Izmir" steht auf den digitalen Werbetafeln der Stadt.