Öl- und Gasvorkommen in Griechenland - Aktivisten kämpfen gegen Öl und Gas | Global Ideas | DW | 31.03.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Global Ideas

Öl- und Gasvorkommen in Griechenland - Aktivisten kämpfen gegen Öl und Gas

In Griechenland suchen Ölkonzerne nach Öl- und Gasvorkommen, selbst in geschützten Gebieten. Gleichzeitig muss das Land EU-Vorgaben erfüllen, also auf erneuerbare Energien umstellen.

Global Ideas I Proteste und Aktivismus in Kyparrisiakos I Griechenland

Protest in Tracht mit Mundschutz und Einkaufstüten: die Aktivistinnen-Gruppe Vrisoules

"Mein Aussehen ist ein politischer Akt", "Die Natur ist unser Antidepressivum" - die Slogans auf den Schildern der jungen Griechinnen bleiben im Kopf. In einer Einkaufsstraße verteilen sie Flugblätter an Passanten. Die Frauen tragen traditionelle griechische Kleidung und Gesichtsmasken.

Seit drei Jahren kämpft die Gruppe Vrisoules, der ausschließlich Frauen angehören, gegen die Exploration von Erdöl-  und Erdgasvorkommen im Westen des Landes. Dort wird untersucht, ob sich ein Abbau wirtschaftlich lohnt. Mit Gesang und Tänzen stören die Aktivistinnen Politikerreden oder offizielle Veranstaltungen.

Frauen in traditionellen griechischen Trachten halten ein Protest-Banner

Protest in Vor-Corona-Zeiten: Die Frauen von "Vrisoules" sorgen sich damals wie heute um Griechenlands Ökosysteme

Vrisoules ist das griechische Wort für natürliche Quellen. Und die sind den Aktivistinnen zufolge überall dort bedroht, wo schon bald Öl und Gas gefördert werden sollen. Die Frauen sind bei ihren Protesten schwarz gekleidet, damit wollen sie zeigen, wie ernst die Lage ist.

Gefahr für Tourismus und Natur

Acht Ölkonzerne haben sich für große Regionen Griechenlands Erkundungsrechte für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen gesichert. Betroffen sind unter anderem die Ionischen Inseln und Kreta. Auch der US-Konzern Exxon Mobil und das spanische Unternehmen Repsol gehören zu den Unternehmen, die hier auf das große Geschäft hoffen.

Damit würden sie "Vrisoules" zufolge einem anderen Wirtschaftszweig förmlich das Wasser abgraben: dem Tourismus. Die weißen Sandstrände locken jedes Jahr rund elf Millionen Urlauber hier her, immerhin fast ein Drittel der Touristen, die Griechenland besuchen.

Auch für die Tierwelt hätte die Förderung von Öl und Gas laut "Vrisoules" schwere Folgen. Bedroht wären dann Europas größter Nistplatz der unechten Karettschildkröte und die vielen Delfine und Wale, die hier zu Hause sind.

Die Gymnasiallehrerin Eleftheria Tsouknaki hat die Protestgruppe vor einigen Jahren mit einer Handvoll Mitstreiterinnen gegründet. Ein Freund hatte ihr zuvor davon erzählt, dass ganz in der Nähe ihrer Heimatstadt Ioannina nach Öl- und Gasvorkommen gesucht werde. Ziemlich schnell habe sie gelernt, "die Gefahren einer Erschließung möglicher Öl- und Gasfelder zu verstehen".

Unterstützung von Naturschutzorganisationen 

Die Frauen fordern von der griechischen Regierung, dass sie die Entscheidung über den Zugang von Ölkonzernen zu den schönsten Landschaften des Landes überdenken. Mittlerweile haben sich auch andere den Forderungen angeschlossen. Anfang Februar schrieben spanische und griechische Vertreter der internationalen Naturschutzorganisation WWF einen Brief an den griechischen Premierminister Kyriakos Mitsotakis. Darin forderten sie ihn auf, die bestehenden Explorationskonzessionen zurück zu nehmen und keine neuen Genehmigungen mehr zu erteilen.

Delphine im Wasser folgen einer Fähre

Vor den griechischen Inseln sind Delfine zuhause, ihr Lebensraum könnte von Offshor-Bohrungen bedroht sein

"Diese politische Entscheidung ist längst überholt. Sie ist zehn Jahre alt und basierte auf falschen Annahmen. Außerdem würde sich das Land mit der Förderung von Öl und Gas einer Energieform mit hohem wirtschaftlichen Risiko ausliefern und das Land in einer Welt, die viel Kohlenstoff produziert, regelrecht gefangen halten", heißt es in dem Brief.

Gegen Fracking

Länder wie Italien, Kroatien, Spanien und Frankreich haben neue Erkundungsarbeiten von Öl- und Gasvorkommen längst verboten. Eine Gruppe von 63 EU-Gesetzesvertretern, vorrangig aus dem grünen Lager, drängt gerade auf ein Verbot von Offshore-Ölbohrungen in allen 27 EU-Mitgliedsländern.

Ein Thema ist auch das hydraulische Fracking. Hier werden Wasser, Sand und Chemikalien mit sehr hohem Druck in Schiefergestein gepresst, um so Öl und Gas an die Erdoberfläche zu befördern. In den USA ist das gang und gäbe, in Europa jedoch haben viele Menschen Bedenken. Sie fürchten, dass die Chemikalien den Boden und das Grundwasser verseuchen könnten.

Zwei Männer untersuchen Meeresschildkröteneier an einem Strand. Ein Mann hält ein Ei, der andere schreibt in ein Notizbuch.

Umweltgruppen fürchten, dass Verschmutzungen durch eine mögliche Ölpest das Ökosystem gefährden könnte, zu dem auch der Lebensraum der Meeresschildkröten gehört

Die Gesellschaft Hellenic Hydrocarbon Resources Management (HHRM) sagt, dass Fracking in Griechenland nicht erlaubt sei. HHRM verwaltet die Rechte für die Exploration und die Ausbeutung von Öl- und Gasfeldern im Land. Aktivisten und politische Parteien wie die Grünen sagen hingegen, dass die Gesetze Fracking nicht deutlich verbieten.  

"Wir sind gegen Fracking und wir wollen nicht, dass sich unser Land regelrecht rückwärts entwickelt, während der Rest der Welt gerade Öl und Gas immer weiter abschwört", sagt Tsouknaki.

Öl- und Gasbohrungen in Schutzgebieten  

Griechenland hatte auf dem Höhepunkt seiner Schuldenkrise 2011 damit begonnen, Öl- und Gaskonzessionen zu verkaufen. Das Land brauchte damals dringend Geld, um seinen Bankrott abzuwenden.

Im vergangenen Jahr hat die rechtsgerichtete Regierung von Kyriakos Mitsotakis weitreichende Änderungen in den Umweltgesetzen des Landes vorgenommen. Die öffnen nun unter anderem auch Schutzgebiete für Bohrungen. Etwa ein Zehntel des griechischen Festlandes ist damit für die Suche nach Öl und Gas freigegeben. 

Brückentechnologie für die Energiewende?

Als Mitglied der Europäischen Union muss auch Griechenland seinen Beitrag dazu leisten, dass die EU ihre hochgesteckten Nachhaltigkeits-Ziele erreicht. So sollen die Emissionen der EU bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Bis dahin will Griechenland 35 Prozent seines Stromverbrauchs mit erneuerbaren Energien wie Solarstrom decken.

Aristofanis Stefatos arbeitet bei der Gesellschaft HHRM. Er glaubt, dass Erdgas auf diesem Weg hin zu erneuerbaren Energien weiter eine wichtige Rolle spielen wird. Denn Griechenland will bis zum Jahr 2028 komplett aus der Braunkohleförderung aussteigen. Da brauche das Land das Gas; es sei auch viel weniger kohlenstoffhaltig als Kohle.

Zurzeit kauft Griechenland den größten Teil seines Erdgases im Ausland. Daher sei es wichtig, die Exploration jetzt weiter voranzutreiben, sagt Stefatos.

Station der Transadriatischen Gaspipeline TAP (Trans Adriatic Pipeline), die durch Griechenland führt | Pipeline | Trans Adriatic Pipeline

Griechenland will seine Gas-Infrastruktur ausbauen, derzeit ist es bereits Transitland für Gas aus Aserbaidschan

"Angesichts der hohen Kosten und der Zeit, die für die Entwicklung alternativer Lösungen nötig ist, ist klar, dass wir versuchen sollten, die potenziellen Gasreserven in Griechenland so schnell wie möglich zu erschließen", sagt er. Außerdem sei die Infrastruktur, also die Leitungen, die jetzt für den Transport von Erdgas gebaut würden, später auch für den Transport vom grünen Energieträger Wasserstoff geeignet: "Die Gasinfrastruktur bildet die Grundlage für Wasserstoff, eine unserer besten Optionen für saubere Kraftstoffe der Zukunft."

Bedrohungen für Luft, See und Land

Umweltaktivisten sehen die Idee von der Brückentechnologie jedoch skeptisch. Sie bestehen weiter darauf, dass Gas, Erdöl, wie auch alle anderen fossilen Brennstoffe im Boden bleiben sollten. Eine Meinung, die sich auch in der Wissenschaft durchgesetzt hat.

"Gas ist eine Brücke ins Nichts. Statt Brückentechnologien brauchen wir Zukunftstechnologien, nämlich erneuerbare Energien", sagte Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, erst kürzlich in einem Interview mit der DW.

"Vrisoules"-Gründerin Tsouknaki glaubt, dass das derzeitige Vorantreiben der Explorationen weniger mit einer geordneten Energiewende zu tun hat als mit Profit. "Griechenland wird für die Erkundung und Förderung von Öl und Gas einfach aufgeteilt", sagt sie. "Das ganze Mittelmeerbecken ist dadurch in Gefahr, von Griechenland bis Spanien und Nordafrika."

Helen Briassoulis ist Professorin am Geographischen Institut der Universität der Ägäis. Sie betont, dass Verschmutzungen von Luft, Boden oder des Grundwassers, sei es durch herkömmliche Förderung oder durch das Fracking, nicht nur der Tierwelt schaden könnte. Auch Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, denn viele Regionen Griechenlands seien abhängig von Tourismus, Landwirtschaft oder der Fischerei.

Hinzu kämen Risiken aus Unfällen bei Offshore-Bohrungen. Briassoulis erinnert an die Ölpest, ausgelöst durch die Deepwater-Horizon-Katastrophe des Ölkonzerns BP vor elf Jahren. 4,9 Millionen Barrel Rohöl waren damals in den Golf von Mexiko geflossen. Mehr als zehn Mitarbeiter der Bohrinsel verloren ihr Leben und Millionen Tiere.

Löschschiffe pumpen Wasser auf die brennende Öl-Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko 2010

Die Katastrophe auf der Öl-Plattform Deepwater Horizon sorgte 2010 für immense Umweltschäden im Golf von Mexiko

"Solche Großprojekte sind so, als würde man mit der Natur spielen", sagt Briassoulis. "Offshore-Bohrungen sind eine große Katastrophe und ich glaube nicht, dass man sich in Griechenland Gedanken darüber macht, was ein vergleichbares Unglück hier bedeuten würde."

Ungewisse Zukunft wegen Corona

Durch die Corona-Pandemie sind die öffentlichen Auftritte der Vrisoules-Tänzerinnen weniger geworden. Aber auch die Exploration von Öl und Gas ist ins Stocken geraten.

Ein Jahrzehnt nach der Wirtschaftskrise, die Grund für den Ausverkauf der griechischen Konzessionen war, gibt es nun auch den ersten Rückzug. Den spanischen Konzern Repsol haben die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie schwer getroffen, ebenso wie der weiter gefallene Ölpreis. Anfang des Jahres kündigte das Unternehmen an, sich noch in den nächsten Monaten aus Westgriechenland zurückzuziehen.

Frauen halten Transparente während eines Umweltprotests

Protest mit Abstand: Die Vrisoules-Gruppe bei einer Kundgebung im Mai 2020

Stefatos warnt unterdessen vor "dem Einfrieren der Explorationsvorhaben" und betont, dass diese in allen anderen Abschnitten fortgesetzt würden, "wenn auch in einzelnen Fällen mit einigen Verzögerungen, die hauptsächlich mit den Auswirkungen der Pandemie auf den Baustellen zusammenhängen."

Für Tsouknaki und den Rest ihrer Gruppe geht der Kampf gegen die Erforschung der Öl- und Gasvorkommen weiter, wenn auch - wegen der Pandemie - weitgehend online und ohne Gesang.

"Niemand sollte ein Land von Norden nach Süden in Felder für die Förderung von Öl und Gas aufteilen. Vor allem nicht dort, wo unberührte Gebiete sind und wo das Meer und saubere Wasserreserven beeinträchtigt werden können", sagt Tsouknaki. 

01.04.2021: In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, dass laut Aristofanis Stefatos Fracking die Energieunabhängigkeit Griechenlands fördern könnte. Stefatos sagte  aber stattdessen, dass Exploration dazu beitragen könnte. Der Fehler hat sich  bei der redaktionellen Bearbeitung eingeschlichen.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema