Enttäuschte Offshore-Hoffnungen in Bremerhaven | Wirtschaft | DW | 14.12.2013
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Wirtschaft

Enttäuschte Offshore-Hoffnungen in Bremerhaven

Wegen des seit Monaten schwelenden politischen Streits um die künftige Förderung fehlen der Offshore-Windindustrie die Aufträge. Es drohen an den Branchenstandorten an der Küste Kurzarbeit und Entlassungen.

Es ist ruhig auf den Kais im alten Fischereihafen. Nur eine Möwe fliegt kreischend über die Werfthallen. Die Weser und die Nordsee sind nicht weit. In dicken Arbeitsschuhen stapft René Surma über die rostigen Bleche, die sich auf dem Boden der Kais verteilen. Links und rechts warten riesige rotbraune Stahlrohre auf den Abtransport. "Das sind Gründungspfähle für den Offshore-Windpark Global Tech I", erklärt der Vertriebschef des Fundamentbauers Weserwind aus Bremerhaven. Die bis zu 60 Meter langen Rohre werden bald 180 Kilometer weit vor die Küste geschleppt, wo sie zur Fixierung der Stahlfundamente in den Meeresboden getrieben werden. Der Bau des 400MW-starken Windparks ist weit fortgeschritten. Das Gros der achtzig Fundamente ist bereits gesetzt. Noch fehlen fünf. Wenn die letzten dieser Stahlkolosse - 900 Tonnen schwer und mit 60 Meter höher als ein zehnstöckiges Hochhaus - den Bremerhavener Fischereihafen verlassen haben werden, gibt es für die rund 800 Mitarbeiter bei Weserwind nicht mehr viel zu tun.

Gespenstische Stille

Man sieht Fundamente, Gondeln auf den Kais und zwei mal Stadt und Land. Alle Bilder sind von mir bis auf die GTI. Dort ist Quelle Global Tech.

René Surma, Vertriebschef von WeserWind

Und das ist absehbar. Die Tür zur alten Schiffbauhalle quietscht. Drinnen herrscht eine fast gespenstische Stille. Vor 30 Jahren - zu den Hochzeiten der deutschen Werftenindustrie - gehörte die Halle der heute insolventen Schichau Seebeckwerft, und die Arbeiter schweißten und hämmerten im Akkord. Dann war lange Funkstille, bis vor wenigen Jahren Weserwind einzog und für neues Leben sorgte. Bis zum letzten Sommer war sie voll gepackt mit Stahlblechen, die von Hebekränen an den Decken hin- und hergefahren wurden. Schlosser und Schweißer schnitten sie zu, walzten, formten und verschweißten sie zu vielen Meter langen Rohren. Heute stehen zwei Drittel der Halle leer. "Wenn ich bedenke, was hier noch vor kurzem los war, kommt eine gewisse Traurigkeit auf", sagt Surma. Der Grund der Untätigkeit: "Es gibt für uns im Moment leider keine Anschlussaufträge." Seit Bundesumweltminister Peter Altmaier im Frühjahr ankündigte, mit einer Kostenbremse der Förderung erneuerbarer Energien zu Leibe zu rücken, herrscht in Bremerhaven und anderen Industriestätten der Branche Stillstand.

Investoren halten sich zurück, weil unklar ist, ob sich die Milliardenausgaben für Offshore-Wind auch künftig noch rentieren werden. Das derzeit geltende Vergütungsmodell läuft Ende 2017 aus. Von Bau bis zur Betriebsfähigkeit können aber bis zu fünf Jahre vergehen. Aktuell sind sechs Windparks im Bau. Bei den übrigen rund 20 genehmigten Vorhaben passiert derzeit nichts. Und in ihrem Koaltionsvertrag haben CDU und SPD vereinbart, den Ausbau der Windkraft auf hoher See zu verlangsamen. Statt einer Leistung von 25 Gigawatt sollen bis 2030 nur 15 GW installiert werden.

Angst vor zweitem Bremer Vulkan

Das gefällt Nils Schnorrenberger nicht. "Das ist wie ein Déjà-vu", sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung in Bremerhaven. "Das kennen wir von der Werftenindustrie. Als diese Branche hier niederging, schnellte die Arbeitslosenquote auf 25 Prozent hoch." Mittlerweile ist sie auf 14 Prozent gesunken - auch dank der Offshore-Windbranche, die noch Anfang des Jahres 4.000 Menschen in Bremerhaven Arbeit gab. Das waren acht Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Doch schon bröckeln die Quoten. "Wir sehen, dass die Zeitarbeitsverträge bei einigen Firmen gekündigt werden. Derzeit arbeiten noch 3.000 in der Branche. Sollten Folgeaufträge dauerhaft ausbleiben, werden auch reguläre Arbeitsplätze abgebaut und irgendwann die Unternehmen geschlossen."

Das Zentralrohr des Fundaments (Foto: Oliver Ristau)

Das Zentralrohr des Fundaments hat einen Durchmesser von sechs Metern

In der Stadt an der Wesermündung geht die Angst vor einem zweiten Bremer Vulkan um. Vor zwanzig Jahren ging einer der größten deutschen Werftenkonzerne in die Knie, mit verheerenden Folgen für die Psyche der einst florierenden Industriestadt. Insgesamt verloren 10.000 Menschen durch den Niedergang der Werftenindustrie ihren Job. Zusammen mit der schrumpfenden Fischindustrie und dem Abzug der USA nach dem Fall der Mauer summierten sich die Arbeitsplatzverluste auf 35.000, rechnet Schnorrenberger vor. "Hier herrschte noch Niedergeschlagenheit, als ich 1998 von Bochum nach Bremerhaven zog", berichtet Surma. Seit einigen Jahren sei dagegen eine regelrechte Aufbruchstimmung zu spüren. Die Perspektive der sauberen Stromerzeugung über der Nordsee hat der darbenden Stadt neues Leben eingehaucht. Davon zeugen die moderne Appartements am aufgepeppten Fischereihafen, die neuen Museen oder der futuristische Hochhaus- und Einkaufskomplex in der Innenstadt.

Mahnmal deutsche Solarbranche

Diese Entwicklung könnte jetzt auf dem Spiel stehen. Diesmal ginge es wie beim Schiffsbau in den Neunzigern nicht um eine reife Industrie, die in Asien einfach günstiger fertigen konnte. "Wenn die deutsche Offshore-Industrie dicht macht, geht zentrales Knowhow verloren, das sich in ein paar Jahren nicht einfach reaktivieren lässt", warnt Surma. "Wir haben eine Serienfertigung aufgebaut. Es wäre sehr schade, wenn diese Fortschritte zunichte gemacht werden." China und die deutsche Solarbranche stehen wie ein Mahnmal am Horizont. Nach Jahren des Booms sind die meisten Solarfirmen pleite oder in asiatischer Hand. Noch arbeiten laut Branchenauskunft 18.000 Frauen und Männer in der Offshoreindustrie. Wenn deren Förderung nicht weiter geht, sieht es auch für sie düster aus.

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