Entsteht Parkinson im Magen? | Wissen & Umwelt | DW | 26.06.2019
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Neurodegenerative Erkrankungen

Entsteht Parkinson im Magen?

Krankheitsauslösende Eiweiße können vom Magen-Darmtrakt bis ins Gehirn wandern und dort die neurodegenerative Erkrankung Parkinson auslösen. Das zeigt jetzt ein Versuch mit Mäusen.

Eine Pflegerin unterstützt einen Mann mit Rollator beim Gehen. (picture-alliance/dpa/C. Charisius)

Die Parkinson-Krankheit äußert sich oft zuerst durch Gleichgewichtsstörungen.

Schon länger ist bekannt, dass die Parkinson-Krankheit in einem engen Zusammenhang mit dem Absterben von Nervenzellen im Mittelhirn steht.

Je mehr Nervenzellen absterben, desto schwerer fällt es den Patienten, ihre Körpermotorik zu kontrollieren: Sie verlieren das Gleichgewicht, können nur noch schwer gehen, greifen, schlucken oder sprechen.

Mit der Zeit verläuft die Erkrankung immer schwerer. Am Ende sind Patienten meist bettlägerig und sterben häufig, weil das vegetative Nervensystem nicht mehr richtig funktioniert. 

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Nervenzelle bei Parkinson-Krankheit: Alpha-Synuclein-Proteine haben Klumpen gebildet, sogenannte Lewy-Körper. (Imago Images/Science Photo Library)

Schadhafte alpha-Synuclein-Proteine bilden Klumpen, hier rot dargestellt, in den Nervenzellen.

Defekte Eiweiße zerstören Nervenzellen

Ausgelöst wird das Absterben der Nervenzellen im Gehirn wahrscheinlich von fehlerhaft gefalteten, mutierten Eiweißen, sogenannten alpha-Synuclein-Proteinen. Diese Eiweiße kommen in gesunden Nervenzellen bei allen Menschen vor und dienen dort als Transportproteine.

Sind sie aber beschädigt, zerstören sie Nervenzellen der substantia nigra pars compacta (SNc) – ein Kernbereich des Mittelhirns. Die SNc ist unter anderem zuständig für die Produktion des Hormons Dopamin, das viele lebenswichtige Aufgaben im Körper übernimmt – etwa die Kontrolle der Durchblutung.

Nun konnten Forscher der Johns Hopkins University School of Medicine nachweisen, dass solche schadhaften Eiweiße den Weg aus dem Magen bis ins Gehirn von Mäusen finden können. Sie veröffentlichten ihre Studie am 26. Juni in der Fachzeitschrift Neuron. 

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Substantia nigra pars compacta bei Parkinson-Krankheit (Imago Images/Science Photo Library)

Die Substantia nigra pars compacta - dopaminbildende Hirnzellen - werden durch die schadhaften Eiweiße zerstört.

Monatelanger Weg vom Magen ins Gehirn

Die Forscher injizierten den Mäusen die krankmachenden Formen der Eiweiße in hoher Konzentration, direkt in die Nerven zwischen der Magenschleimhaut und dem Muskelgewebe, das den Magen umgibt.

Nach mehreren Monaten konnten die Mediziner die krankmachenden Eiweiße sowie die Schädigung der SNc Nervenzellen dann in verschiedenen Hirnregionen der Mäuse nachweisen.

Nach einem Monat kamen die alpha-Synuclein-Proteine am Hirnstamm an - in den Medulla oblongata und Pons genannten Bereichen. Von dort wanderten sie weiter ins Mittelhirn und ins Striatum. Nach zehn Monaten hatten die krankmachenden Eiweiße den Riechkolben erreicht. Er bildet den vordersten Bereich des Gehirns.

Infografik entsteht Parkinson im Magen DE

Alles spricht dafür, dass die Eiweiße durch den Vagusnerv transportiert wurden. Das ist ein zentraler Nerv des vegetativen Nervensystems, der vom Magen bis zum Hirnstamm reicht. Durchtrennten die Mediziner diesen Nerv, konnten die alpha-Synuclein-Proteine das Gehirn im Mäuseversuch nicht mehr erreichen. 

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Noch keine Therapie

Die Entdeckung gibt vorerst noch keine Antwort auf die Frage, wie sich die Parkinson-Krankheit stoppen lässt. Dennoch hält Neurologie-Professor und Co-Autor der Studie Ted Dawson die Entdeckung für einen wichtigen Durchbruch:  "Weil das Model im Magen beginnt, kann man es nutzen, um die gesamte Entwicklung der Parkinson-Erkrankung zu studieren", sagte er. "Zum Beispiel könnte man Präventionstherapien im Tiermodell testen, angefangen von der Phase, wo es noch keine Symptome gibt, bis hin zu einer voll ausgebrochenen Parkinson-Erkrankung."

Video ansehen 04:03

Parkinson – Bewegung als Therapie

Wo entsteht die Krankheit?

Der Neuropathologe Walter Schulz-Schaeffer vom Uniklinikum des Saarlandes, der nicht an der Studie beteiligt war, gibt zu bedenken, dass eine Parkinson-Erkrankung sich üblicherweise schon mehrere Jahrzehnte im Körper von Patienten ausbreitet, bevor die Symptome klar erkennbar werden. Das erschwere grundsätzlich die Prävention. 

Zudem sei durch die Studie nicht klar geworden, ob der Ursprung der Erkrankung tatsächlich im Magen liege. Die krankmachenden Eiweiße könnten entlang der Nervenbahnen auch in die andere Richtung wandern: "Die Erkenntnis, dass der Krankheitsprozess sich über Magen und Darm steuernde Nerven ausbreiten kann, bedeutet daher nicht, dass die Krankheit im Magen-Darmtrakt entstehen muss." 

Allerdings hofft Professor Schulz-Schaeffer, dass die neue Erkenntnis vielleicht Wege eröffnet, eine Parkinson-Früherkennung zu entwickeln. Das "könnte die Behandlungsmöglichkeiten wesentlich verbessern." 

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