Entsetzen nach Messerattacke auf Bürgermeister von Altena | Aktuell Deutschland | DW | 28.11.2017
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Nordrhein-Westfalen

Entsetzen nach Messerattacke auf Bürgermeister von Altena

Der Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein, ist von einem Angreifer mit einem Messer verletzt worden. Politiker in Bund und Ländern zeigten sich geschockt und sicherten dem CDU-Politiker ihre Unterstützung zu.

Mit Entsetzen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Messerangriff auf den Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Altena, Andreas Hollstein, reagiert. Sie sei "entsetzt" über die Tat, aber zugleich "sehr erleichtert", dass Hollstein schon wieder bei seiner Familie sein könne, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert im Namen der Kanzlerin im Kurzbotschaftendienst Twitter. Bundesjustizminister Heiko Maas schrieb auf Twitter: "Dürfen niemals akzeptieren, dass Menschen attackiert werden, nur weil sie anderen helfen." In Deutschland dürfe "kein Platz sein für Hass und Gewalt". Der SPD-Politiker wünschte Hollstein gute Besserung.

Der Bürgermeister der 17.000 Einwohner-Stadt im Sauerland war nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hagen am Montagabend vor einem Döner-Imbiss von einem 56-jährigen Mann mit einem Messer angegriffen worden. Dabei erlitt er eine rund 15 Zentimeter lange Schnittwunde am Hals. Ein Mann, der Hollstein zu Hilfe kommen wollte, wurde leicht verletzt. Der Verdächtige wurde durch weitere Anwesende in dem Imbiss in Altena bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten und von den Beamten festgenommen. Der Bürgermeister wurde mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht, konnte es aber noch am Abend wieder verlassen. "Ich habe zupackende Menschen an meiner Seite gehabt und bin froh, dass ich noch lebe", sagte Hollstein der Nachrichtenseite "Lokalstimme".

Der Angreifer soll den Bürgermeister vor der Tat lautstark wegen dessen Flüchtlingspolitik kritisiert und beschimpft haben. Nach einem Bericht der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" war der Angreifer offensichtlich alkoholisiert. Der Täter soll Hollstein vor dem Angriff gefragt haben: "Sind Sie der Bürgermeister?"

Bekannt für besondere Flüchtlingspolitik

Altena wurde bundesweit bekannt, weil sie mehr Flüchtlinge aufnimmt, als sie nach dem Verteilschlüssel müsste. Dafür erhielt die Stadt im Mai aus der Hand von Bundeskanzlerin Angela Merkel den mit 10.000 Euro dotierten Nationalen Integrationspreis. Die Stadt machte zudem mit ihrem Integrationskonzept "Vom Flüchtling zum Altenaer Mitbürger" Schlagzeilen. Teil des Konzepts ist, dass Flüchtlinge in Wohnungen statt in Sammelunterkünften untergebracht werden. Altena bietet unmittelbar nach der Ankunft der Flüchtlinge Sprachkurse an und bündelt ehrenamtliche und hauptamtliche Kräfte sowie die Arbeit von "Kümmerern", die Flüchtlingsfamilien im Alltag betreuen. Der Bürgermeister engagiert sich zudem für die Aktion "Gesicht zeigen" und war an der Entstehung des Buchs "Mein Kampf gegen rechts" beteiligt.

Staatsanwaltschaft spricht von Mordversuch 

Die Staatsanwaltschaft Hagen erklärte, der Angreifer habe vermutlich aus fremdenfeindlichen Motiven gehandelt. Sie wertet den Messerangriff als Mordversuch. Oberstaatsanwalt Gerhard Pauli erklärte, der 56-jährige Beschuldigte habe in Tötungsabsicht gehandelt. Erkenntnisse über Verbindungen in die rechtsextreme Szene gebe es bislang nicht.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hatte schon zuvor gesagt: "Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass es einen politischen Hintergrund bei diesem Anschlag gibt." Der mutmaßliche Täter habe Bemerkungen über die Flüchtlingspolitik gemacht, die diesen Rückschluss zuließen.

"Diese Gewalt in unserem Land gegenüber ehrenamtlich Tätigen, gegen Bürgermeister, die sich um das Wohl ihrer Stadt kümmern, ist verabscheuungswürdig", betonte Laschet. "Klar ist: in Nordrhein-Westfalen ist kein Platz für Hass und Gewalt. Die Vielfalt ist Kennzeichen unseres Landes." Der nordrhein-westfälische Familienminister Joachim Stamp (FDP) schrieb bei Twitter: "Alle guten Wünsche an Andreas Hollstein, dem großartigen Bürgermeister Altenas." Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) äußerte sich ebenfalls schockiert: "Entsetzlich. Meine Solidarität gilt Herrn Hollstein & dem ebenfalls verletzten Mann."

Ähnlichkeit mit Fall Reker

Die Messerattacke auf den Bürgermeister von Altena erinnert an das Attentat auf die heutige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Die parteilose Politikerin war am 17. Oktober 2015 im Wahlkampf wegen ihrer liberalen Flüchtlingspolitik von einen Messerstecher angegriffen und lebensgefährlich verletzt worden. Der rechtsextremistische Täter wurde im Juli 2016 zu 14 Jahren Haft verurteilt.

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Beispielhaft: Kleinstadt integriert Flüchtlinge

Reker zeigte sich "tief erschüttert" von dem Attentat auf Hollstein. "Ich bin sehr erleichtert, dass er das Krankenhaus inzwischen wieder verlassen konnte", erklärte Reker in Köln. "Ich hoffe sehr, dass Andreas Hollstein dieses schlimme Ereignis schnell verarbeiten kann und ihn das Geschehen nicht dauerhaft verunsichert." Die Oberbürgermeisterin fügte hinzu, sie wisse selbst, dass dies "eine Kraftanstrengung" sei. "Aber man darf sich seine Identität und sein Engagement nicht nehmen lassen".

In der vergangenen Woche wollte ursprünglich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem ersten Besuch in diesem Amt in Nordrhein-Westfalen auch nach Altena kommen - und sich dort mit Flüchtlingsfamilien treffen. Diese Reise sagte er wegen der geplatzten Verhandlungen über ein sogenanntes Jamaika-Bündnis im Bund ab.

kle/ww (afp, dpa, kna)

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