Endlich Ruhe im Kopf | Wissen & Umwelt | DW | 18.11.2011
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Wissen & Umwelt

Endlich Ruhe im Kopf

Mehrere Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Tinnitus, einem störenden Ohrgeräusch, für das es oft keine körperliche Ursache zu geben scheint. Eine neue Behandlungsweise soll nun für Linderung sorgen.

Wer nicht selbst darunter leidet, kann nur sehr schwer nachempfinden, was sich im Ohr eines Tinnitus-Patienten abspielt. Ein hoher Fiepton, mal lauter, mal leiser, der ständig in den Ohren klingelt und nur ab und zu gedämpft wird, dann nämlich, wenn die Umgebungsgeräusche ihn übertönen. Am schlimmsten ist es abends und nachts, wenn die Umwelt leiser ist und das störende Fiepen im Ohr umso deutlicher zu Tage tritt. Ein neues Gerät der Medizintechnikfirma ANM soll Tinnitus-Patienten nun dabei helfen, das nervige Ohrenklingeln erfolgreich zu bekämpfen.

Bei der Akustischen CR®-Neuromodulation mit dem T30 CR®-Neurostimulator hört der Patient Therapiesignale über kleine medizinische Kopfhörer; Copyright: ANM www.tinnitus-aktuell.de***Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über MEDICA Tinnitus Neurostimulation) genutzt werden

Neues Tinnitus-Gerät: kleiner als eine Streichholzschachtel

Allerdings muss man zwei Arten von Tinnitus unterscheiden: Den objektiven und den subjektiven Tinnitus. Der objektive Tinnitus entsteht durch eine tatsächlich vorhandene Geräuschquelle – zum Beispiel durch eine Fehlstellung im Kiefer oder verengte Blutgefäße am Ohr. Er lässt sich mit dem neuen Gerät nicht behandeln. "Was wir behandeln ist subjektiver Tinnitus, der in der Regel durch den fehlenden Input aus dem Innenohr erzeugt wird", erklärt Claus Martini, Geschäftsführer von ANM. "Und dieser fehlende Input kann ganz unterschiedliche Ursachen haben."

Ursache im Hirn – nicht im Ohr

Beispielsweise bedingt durch ein Knalltrauma, Stress oder Medikamenteneinnahme sendet das Innenohr auf bestimmten Frequenzen keine Signale mehr ans Gehirn. Der Bereich des Gehirns, der für die Umsetzung akustischer Signale zuständig ist, die sogenannte Hörrinde, reagiert darauf mit einer Fehlfunktion. Sie antwortet auf die fehlenden Signale aus dem Innenohr mit einer gesteigerten und synchronen Aktivität, die der Patient als Tinnitus wahrnimmt. Die Nervenzellen der Hörrinde führen quasi Selbstgespräche – 24 Stunden am Tag – sieben Tage die Woche.

Dr. Claus Martini (CEO ANM) und von Prof. Dr. Dr. Peter Tass, Direktor des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin im Forschungszentrum Jülich sowie Leiter des Forschungsschwerpunkts Neuromodulation an der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie der Universität zu Köln; Copyright: ANM www.tinnitus-aktuell.de***Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über MEDICA Tinnitus Neurostimulation) genutzt werden

Prof. Peter Tass (l.) und Dr. Claus Martini

Die Ursache für den nervigen Störton liegt also nicht im Ohr, sondern im Gehirn. Und hier setzt das neue Gerät an. Ein schwarzes Kästchen mit vier Tasten, das kleiner ist als eine Streichholzschachtel. "Zwei medizinische Kopfhörer spielen die hochfrequenten Therapie-Töne ab", erklärt Ina Meyer von der Firma ANM. "Dahinter steht aber noch ein ganzes Praxissystem beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Dort erfolgt die individuelle Einstellung der Therapietöne auf den Tinnitus-Ton des Patienten, die auf das kleine Gerät programmiert werden." Das nimmt der Patient mit nach Hause und hört die speziell auf sein Leiden zugeschnittene Tonfolge zwischen vier und sechs Stunden lang. Jeden Tag – sechs bis acht, in schweren Fällen auch zwölf Monate lang.

Tinnitus verlernen

Durch das wiederholte Hören der individuell programmierten Tonfolge sollen die Nervenzellen der Hörrinde lernen, den Tinnituston wieder zu verlernen. Die synchron-überaktiven Nervenzellen werden akustisch stimuliert, dadurch gestört und gezielt aus dem Takt gebracht. Da das Gehirn lernfähig ist und sich an die Veränderung anpasst, wird der Tinnitus immer leiser und verschwindet schließlich ganz.

Individuelle Tinnitus-Bestimmung (Tonhöhe, Lautheit) an der CR®-Praxiseinheit; Copyright: ANM www.tinnitus-aktuell.de***Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über MEDICA Tinnitus Neurostimulation) genutzt werden

Der Ohrenarzt passt die Therapietöne individuell an

Entwickelt wurde das Konzept der akustischen Neurostimulation im Forschungszentrum Jülich. Ihr Mit-Erfinder, der Mediziner, Mathematiker und Physiker Peter Tass wurde dafür kürzlich sogar mit dem Deutschen Innovationspreis Medizin geehrt. Der Preis wird für den erfolgreichen Transfer von der Grundlagenforschung in die medizinische Praxis vergeben. Das gelang durch die Ausgründung der Firma ANM. Außerdem wurde das hervorragende, medizinische Forschungsergebnis ausgezeichnet.

Zwölf Wochen testen

"Wir haben eine erste klinische Studie durchgeführt an 63 Patienten", sagt Claus Martini. "Und das Ergebnis dieser Studie war, dass etwa 75 Prozent sogenannte Winner oder Responder waren, das heißt, sie haben sehr starke Linderungen der Tinnitus-Symptome verspürt. Die anderen Patienten – etwa 25 Prozent – hatten leider keine Verbesserung zu verzeichnen."

Zwölf Wochen lang kann jeder Patient das Gerät kostenlos testen Auch in dieser kurzen Zeit sollte sich bereits eine Linderung einstellen. Danach kann der Patient gemeinsam mit seinem Ohrenarzt entscheiden, ob er die rund 2.700 Euro für das Gerät investieren möchte, in der Hoffnung, dass irgendwann endlich wieder Ruhe im Kopf herrscht…

Autor: Andreas Sten-Ziemons
Redaktion: Tobias Oelmaier

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