Ende des Wirtschaftsbooms | Wirtschaft | DW | 27.09.2018
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Konjunktur

Ende des Wirtschaftsbooms

Handelskonflikte, harter Brexit, Probleme in Schwellenländern - das weltwirtschaftliche Klima wird rauer. Die Konjunktur in Deutschland kämpft aber auch mit hausgemachten Problemen. Aus Berlin Sabine Kinkartz.

Es sind keine guten Nachrichten, die die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten präsentieren. Zwar soll das deutsche Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 1,7 Prozent wachsen, doch damit fällt die aktuelle Prognose deutlich geringer aus als noch im Frühjahr, als die Wissenschaftler von 2,2 Prozent ausgingen. Für 2019 wird nun ein Plus von 1,9 statt zwei Prozent vorausgesagt, für 2020 von 1,8 Prozent.

"Aufschwung verliert an Fahrt - Weltwirtschaftliches Klima wird rauer", so haben die Wirtschaftsforscher ihr Gutachten überschrieben. Der Titel verdeutliche das Spannungsverhältnis, in dem Deutschland stehe, so der Konjunkturchef des Essener RWI-Instituts, Roland Döhrn, der das Gutachten in Berlin mit fünf weiteren Kollegen vorstellte. "Deutschland ist in einem Aufschwung, der in sein sechstes Jahr geht, aber die Risiken sind deutlich größer geworden. Risiken, die den Aufschwung deutlich dämpfen, wenn nicht beenden könnten", so Döhrn.

Handelskriege könnten Rezession auslösen

Ob die internationalen Handelskonflikte eskalieren, ob sich die finanziellen Probleme in den Schwellenländern verschärfen, ob Großbritannien sich mit einem harten Brexit aus der EU verabschiedet oder ob Zweifel an der Solidität der italienischen Staatsfinanzen die Euro-Krise wieder aufflammen lassen - jedes Ereignis für sich würde sich auf eine offene und exportorientierte Volkswirtschaft negativ auswirken, so die Wissenschaftler.

BG Trump allein zu Hause bei der UNO (Reuters/C. Barria)

US-Präsident Donald Trump heizt den Handelskrieg mit China weiter an

In ihrem Gutachten haben sie eine Rechnung erstellt, in der die Folgen eines Handelskrieges simuliert werden. "Dies hat einen dämpfenden Effekt auf die deutsche Wirtschaftsleistung auf kurze Sicht von bis zu zwei Prozent", rechnet Döhrn vor. "Deutschland und Europa sind bisher zwar von dem von den USA ausgehenden Handelskonflikt weitgehend verschont geblieben", heißt es dazu im Gutachten. Aber: "Eine Eskalation des Handelskonflikts, die zu erheblichen Zollerhöhungen der USA auf breiter Front führt, dürfte in Deutschland und in Europa eine schwere Rezession auslösen."

Schwere Krisen in der Türkei und Argentinien

Im weltweiten Vergleich stellt das Gutachten große Konjunkturunterschiede fest. In den USA haben die Steuersenkungen für weiteren Aufschwung gesorgt. Auch in China legte die Produktion deutlich zu. Sehr viel schlechter sieht es in den Schwellenländern aus. Internationale Investoren haben sich zurückgezogen, was in der Türkei und in Argentinien zu krisenhaften Ausmaßen geführt hat. Im Euroraum hat die Konjunktur an Fahrt verloren, besonders ausgeprägt in Frankreich und in Italien.

Erdogan in Berlin gelandet (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan besucht Deutschland und hofft auch auf wirtschaftliche Hilfe

Das wirkt sich insgesamt negativ auf die deutschen Auslandsgeschäfte aus. Während die Nachfrage aus dem Ausland nachlässt, hat die deutsche Wirtschaft aber auch hausgemachte Probleme. Peinlich für die deutschen Autobauer: Sie kamen mit der Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP nicht hinterher. Besonders betroffen ist Volkswagen. Das Unternehmen hat Stellplätze für nicht zugelassene Autos am Berliner Pannenflughafen BER angemietet. Da die Autobranche in Deutschland großes Gewicht hat, wirken sich diese Engpässe, die noch bis Ende dieses Jahres anhalten sollen, auf die gesamte Wirtschaftsleistung aus.

Mehr Arbeitsstellen bleiben unbesetzt

Weitaus schwerwiegender aber ist der Fachkräftemangel, der zunehmend die Produktion ausbremst und sich weiter verschlimmern wird. "Vieles deutet darauf hin, dass der Arbeitsmarkt immer weniger in der Lage ist, die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften zu befriedigen", so RWI-Wissenschaftler Roland Döhrn. Bereits jetzt ist der Arbeitsmarkt leer gefegt, immer mehr offene Stellen bleiben immer länger unbesetzt.

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Win-Win: Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Die Arbeitslosenquote soll sich von 5,2 Prozent in diesem Jahr auf 4,5 Prozent im Jahr 2020 verringern. Das wären immer noch rund zwei Millionen Menschen. Die meisten davon erfüllen jedoch nicht die Ansprüche der Wirtschaft, allen voran bei der Qualifikation. Auch die zurückgegangene Zuwanderung aus dem Ausland macht sich nach Ansicht der Wirtschaftsforscher negativ bemerkbar. Insgesamt sei es immer weniger möglich, "den alterungsbedingten Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials auszugleichen", heißt es im Herbstgutachten.

Das wirkt sich auf die Lohnentwicklung in Deutschland aus. "Aufgrund der Arbeitskräfteknappheit dürften die Löhne weiter kräftig steigen", schlussfolgert Döhrn, der für die Jahre 2019 und 2020 ein ähnliches Gehaltsplus wie in diesem Jahr, nämlich 2,7 Prozent, voraussagt. Das wird den privaten Konsum in Deutschland weiter anheizen, der angesichts der nachlassenden Auslandsgeschäfte zu einem noch wichtigeren Pfeiler der deutschen Konjunktur werden wird.

Wohngipfel im Kanzleramt (picture-alliance/dpa/M. Kappeler)

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Wohnungspolitik zur Chefsache gemacht

Harsche Kritik an der Bundesregierung

Ähnlich der deutschen Industrie stellt auch das Herbstgutachten der in Berlin regierenden großen Koalition aus CDU, CSU und SPD keine guten Noten aus. Die Forscher sind weder mit der Bildungs- und Rentenpolitik, noch mit der Integration von Flüchtlingen und den gerade beschlossenen Maßnahmen für mehr Wohnungsbau zufrieden.

Das Baukindergeld, mit dem Familien gefördert werden sollen, sei ein "Strohfeuerprogramm", das auf eine Bauwirtschaft treffe, die ohnehin mehr als ausgelastet sei. Deshalb werde die staatliche Förderung vermutlich keinen großen Anreiz für neue Wohnbauten bringen und durch Preissteigerungen aufgefressen. Außerdem sei die Subvention ein Geschenk an Menschen mit hohen Einkommen und Vermögen - Bedürftige könnten sich ein Eigenheim in Deutschland auch mit der Förderung nicht leisten.

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