Eiszeit zwischen Moskau und Athen | Europa | DW | 04.08.2018
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Balkan, Seidenstraße und Kalter Krieg

Eiszeit zwischen Moskau und Athen

Traditionell pflegen Athen und Moskau ein gutes Verhältnis. Doch die Beilegung des Namensstreits mit Mazedonien hat eine Krise herbeigeführt. Im Vordergrund stehen wirtschaftliche Interessen.

Diplomatischer Skandal am Mittelmeer? Einflussnahme russischer Agenten in der griechischen Außenpolitik? Was sich anhört wie der neueste James-Bond-Blockbuster, ist in Wahrheit der Showdown einer tiefen Krise zwischen Athen und Moskau. Vor kurzem wurde bekannt, dass Mitarbeiter der russischen Botschaft versucht hatten, nordgriechische Bürgermeister, Geschäftsleute und einflussreiche Mönche der Klosterenklave Athos mit Geldzuwendungen gegen die Beilegung des Namensstreites zwischen Griechenland und Mazedonien aufzubringen. Athen zeigte sich empört und wies die vier betroffenen Diplomaten aus.

"Die griechische Regierung will gute Beziehungen zu allen Staaten, aber es ist nicht möglich, Verhaltensweisen zu akzeptieren, die gegen das Völkerrecht verstoßen und die griechischen Behörden nicht respektieren", kritisierte Regierungssprecher Dimitris Tzanakopoulos die einstigen Freunde aus Russland. Seitdem herrscht Eiszeit zwischen Athen und Moskau.        

Alle wollen den Balkan

So zeigte sich Präsident Putin ganz und gar nicht zufrieden mit der offiziellen Beilegung des Namensstreits zwischen Griechenland und Mazedonien. Der Grund: Schon seit geraumer Zeit ringen die Europäische Union und Russland um die Vorherrschaft auf dem Balkan. Nach der im Juni erzielten Einigung wird Griechenland einen EU- und NATO-Beitritt des nördlichen Nachbarn nicht länger blockieren. Nach Bulgarien und Rumänien wird somit auch Mazedonien an den Westen gebunden - eine herbe Niederlage für den russischen Präsidenten. Doch was erhofft man sich eigentlich von den eher strukturschwachen Ländern des Westbalkans? 

Der Balkan bildet die Brücke zwischen Westeuropa und Asien und ist daher als Handelsroute von großer Bedeutung. Besonders seit der größte Hafen des südlich angrenzenden Griechenland im Zuge der Privatisierungen nun in chinesischen Händen liegt, ist die Region ins Blickfeld der globalen Wirtschaftsmächte geraten. "Die neue Seidenstraße Chinas, die in den Hafen von Piräus münden wird, um dann den Balkan bis nach Zentraleuropa zu durchqueren, gibt Griechenland ein neues Gewicht in der Region", erläutert der deutsch-griechische Journalist Efthymis Angeloudis.

Griechenland Containerhafen Piräus (picture-alliance/Photoshot)

Die neue Seidenstraße Chinas mündet in den Hafen von Piräus

Griechenlands strategische Rolle

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras intensiviert seit geraumer Zeit die Beziehung zu den nördlichen Nachbarländern. Doch Athens Interesse am Balkan begann bereits vor seiner Amtszeit. "Griechenland hat beim EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens 2007 eine große Rolle gespielt. Dass die griechische Regierung nun auch Partner in Mazedonien gefunden hat, ist ein immenser Schritt für die Region", erklärt Angeloudis. Die Einigung zwischen beiden Ländern sei "ein Strahl der Hoffnung". 

Viele Vorteile also, die man in Westeuropa lange ignoriert hatte: Dort betrachtet man Griechenland nur allzu gern als Steuersünder und schwarzes Schaf. Dabei verkennt man die wichtige Rolle, die das Land auch mit Blick auf die kritische Situation in der Türkei spielt. Gerade an diesem Beispiel wird deutlich, dass Europa sich seiner Verbündeten nicht ohne Weiteres sicher sein kann. Lange hatte sich Ankara Europa-freundlich gegeben und wurde von Brüssel hingehalten. Dass Erdogan mit seinem zunehmend autokratischen Kurs auch die letzten Wahlen für sich entscheiden konnte und nebenbei auch seine Sympathie für Russland neu entdeckt, liegt nicht zuletzt an den verpatzten Chancen Europas, die Türkei langfristig an sich zu binden.

Im nun laufenden Annäherungsprozess zwischen den Westbalkan-Ländern undder EU wird sich zeigen, ob man aus diesen Fehlern gelernt hat. "Die EU sollte diese Chance nicht durch kurzsichtiges Handeln verspielen", warnt Angeloudis. "Es geht darum, diese enorm wichtige und für den zukünftigen Welthandel ausschlaggebende Region an sich zu binden. Umgesetzt heißt das: Die Türen der EU müssen für die Länder des Westbalkans offen stehen."

"Griechen kennen Russland nicht"

Mit der Anbindung Mazedoniens kann die EU im Wettstreit mit Russland um den Balkan einen wichtigen Teilsieg verbuchen - nicht zuletzt dank Athens Europa- und Balkan-freundlicher Agenda. Dabei hatte sich Tsipras nach seinem Wahlsieg 2015 zunächst noch auf die Seite Moskaus geschlagen. Traditionell sieht Griechenland in Russland einen Verbündeten im Geiste. Für Stavros Tzimas, Balkan-Experte der einflussreichen griechischen Tageszeitung Kathimerini, hat diese Liebäugelei jedoch wenig mit der Realität zu tun. Allein durch die christlich-orthodoxe Tradition sei man miteinander verbunden. Von einem Bündnis könne kaum die Rede sein. Im Gegenteil. 

Russland Griechenland Tsipras bei Putin (Reuters/A. Zemlianichenko)

Tsipras bei Putin im Frühling 2015

"Auf die Annahme religiöser Einheit stützt sich der Mythos, dass das mächtige Russland den griechischen Glaubensgenossen in schweren Stunden zur Hilfe eilt", erklärt Tzimas. Wirkliche Unterstützung von Seiten der Russen habe es aber nie gegeben. Noch in jüngster Vergangenheit hatte sich dies am Beispiel des amtierenden Ministerpräsidenten gezeigt: "Als Tsipras nach Moskau reiste, um Putin um finanzielle Hilfe zu bitten, in der Hoffnung, im Konflikt mit den europäischen Geldgebern das Blatt neu zu mischen, hat der russische Präsident ihn nach Brüssel geschickt."

Trotzdem halte sich in Griechenland das positive Bild Russlands: Darüber wundert sich Tzimas. Aktuellen Umfragen zufolge genießt Putin bei den Griechen ein hohes Ansehen. Dabei wüssten seine Landsleute eigentlich nichts über Russland, weder über die wirtschaftliche Situation, noch hinsichtlich der Menschenrechte, gibt Tzimas zu bedenken.

Sein Kollege Efthymis Angeloudis sieht das ähnlich. Man kenne Russland vor allem aus irrwitzigen Erlösungsprophezeihungen, die von Teilen der christlich-orthodoxen Kirche verbreitet würden. Dabei hätten die vergangenen Jahre einen konspirativen Nährboden geschaffen: "Seit jeher kursieren Verschwörungstheorien in Griechenland, finden aber erst Gehör, seit die Staatsschuldenkrise ein Gefühl der Hilfslosigkeit und Fremdbestimmung ausgelöst hat", meint Angeloudis. 

Im nächsten Jahr wählen die Griechen ein neues Parlament. Für Tsipras und für Europa wird sich dann zeigen, ob sie vor dem Hintergrund der derzeitigen Spannungen mit Russland mit ihrer Strategie überzeugen. 

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