Eine Hassliebe: Die Deutschen und ihre Abkürzungen | Meet the Germans | DW | 07.08.2019
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Meet the Germans

Eine Hassliebe: Die Deutschen und ihre Abkürzungen

Deutsche sind nicht nur Meister der langen Wörter, sondern auch der Abkürzungen. Berühmtes Beispiel: der "Vokuhila". Eine Frisur, vorne kurz, hinten lang. Abkürzungen haben in Deutschland aber eine dunkle Vergangenheit.

LOL, OMG, BTW, ILY, TBH, IMHO, YOLO et cetera: Menschen, die nicht mit Social Media vertraut sind, werde Google bemühen müssen, um sich die Bedeutung dieser Abkürzungen zu erschließen.

Viele englische Muttersprachler klagen, die Flut von Kürzeln durch Textnachrichten und Tweets ruiniere die englische Sprache. Vielleicht mag es trösten, dass die Deutschen derlei schon viel länger praktizieren, ohne dass es ihre Sprache nachhaltig bedroht hätte.

Bürokratischer Jargon mit dunkler Tradition

Der Versuch, ein offizielles Schreiben der deutschen Behörden zu entschlüsseln, ist in der Regel eine außergewöhnliche Herausforderung - auch für deutsche Muttersprachler. Denn neben den komplizierten Satzstrukturen im Deutschen sind die Texte meist zusätzlich mit kryptisch anmutenden Abkürzungen durchzogen. Während man bei den Abkürzungen in den Sozialen Netzwerken meist nur ein oder zwei Klicks von einer Erklärung entfernt ist, ist das bei diesen Textdokumenten meist sehr viel schwieriger.

Buch Cover LTI von Victor Klemperer

Das Buch von Victor Klemperer

Was viele deutsche Bürokraten vielleicht nicht wissen: Die ausschweifende Verwendung von Abkürzungen geht zurück auf eines der dunkelsten Kapitel des Landes. Die Nationalsozialisten waren Meister im Abkürzungen finden - so beschreibt es der Sprachwissenschaftler Victor Klemperer in seinem 1947 erschienenen Buch zu der Frage, wie die Nazi-Propaganda die deutsche Sprache veränderte. Schon der Titel "LTI - Lingua Tertii Imperii: Notizbuch eines Philologen", parodierte die braune Abkürzungswut.

Aber es gibt natürlich auch in anderen Bereichen Abkürzungen in Deutschland - und die haben offenkundig nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun. Nun sind viele deutsche Wörter natürlich auch beeindruckend lang. Daher scheint es erst mal sinnvoll, sie etwas zu verkürzen. Aber auch kurze Wörter werden gerne noch weiter gekürzt, wie beispielsweise das Wort "und", das zu "u." wird. Anzahl der eingesparten Zeichen: genau eins.

Das MfG-Drama

Eine der bekanntesten Pop-Rap-Bands Deutschlands, Die Fantastischen Vier, kritisierte in ihrer Hitsingle von 1999, "MfG", die inflationäre Verwendung von Abkürzungen in der deutschen Sprache. Zu Beginn, bevor die Musiker anfangen eine Liste von Abkürzungen zu rappen, heißt es in dem gesprochenen Intro: "Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet."

Das Kürzel "MfG" ist eine weit verbreitete Form, die unter Emails gesetzt wird, um damit das formalere "Mit freundlichen Grüßen" abzukürzen. Ebenso sieht man oft "VG", für "Viele Grüße" und "LG", für "Liebe Grüße". Letzteres wird nicht nur bei Familie und engen Freunden verwendet, sondern erscheint auch in E-Mails an Kollegen oder sogar Unbekannte in "cooleren" Arbeitsbereichen. 

Zeitersparnis? 

Das Hauptargument für diese verkürzten Grüße ist natürlich, dass es Zeit spart. Wer täglich tonnenweise E-Mails beantworten muss, braucht Abkürzungen. Eine naheliegende Option wäre es, die Verabschiedung unter diesen Emails einfach wegzulassen, was auf Englisch beispielsweise gang und gäbe ist. Aber in Deutschland erscheint eine Abkürzung mit zwei Buchstaben immer noch höflicher als überhaupt keine. 

Doch nicht jeder ist damit einverstanden. So ist auf einer Mauer in einem Berliner S-Bahnhof zu lesen: "Was macht Ihr eigentlich, Ihr flinken Sekundenhorter, mit all der Zeit, die Ihr spart, wenn Ihr 'lg' tippt statt lieb zu grüßen?"

Mehr Inhalte über Deutsche und ihre Eigenarten, deutsche Alltagskultur und Sprache findest Du bei YouTube und auf unserer Seite dw.com/MeettheGermans_de.

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