″Eine der säkularsten Regionen der Welt″ - eine Studie zum Christsein in Europa | Europa | DW | 29.05.2018
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Religion

"Eine der säkularsten Regionen der Welt" - eine Studie zum Christsein in Europa

Eine internationale Studie sieht bei Christen deutlich rechtere Positionen als bei Konfessionslosen. Dazu zähle auch ein Bewusstsein "kultureller Überlegenheit".

Für die Meinungsforscher ist Westeuropa "heute eines der säkularsten Regionen der Welt". Denn es zeigt sich beim Blick auf 15 westeuropäische Länder eine krasse Diskrepanz: Neun von zehn Westeuropäern sind getauft und 71 Prozent derzeit offiziell (noch) Christen - aber lediglich 22 Prozent gehen zumindest einmal im Monat zum Gottesdienst. Und damit betrachten die Experten nur diese Gruppe als praktizierende Christen.

Infografik Westeuropäer sind nicht-praktizierende Christen DE

Die Zahl der nichtpraktizierenden Christen, für die sich im Deutschen das Wort "Taufschein-Christen" etabliert hat, übersteigt in den meisten Ländern die jeder anderen Gruppe: die praktizierenden Christen, die Konfessionslosen und Atheisten, die Gesamtgruppe aller anderen Religionen zusammen. Den höchsten Anteil an Konfessionslosen in Westeuropa verzeichnet die Studie in den Niederlanden (48 Prozent), den geringsten in Irland, Italien und Portugal (15 Prozent).

Angesichts dieser Ergebnisse erinnert das renommierte US-Institut PEW ausdrücklich an die Geschichte Europas. Westeuropa sei "die Geburtsstätte des Protestantismus und der Hauptsitz des Katholizismus während des größten Teils seiner Geschichte". 

Wie positionieren sich die Christen in Europa in Grundfragen? Auch das haben die Meinungsforscher detailliert ermittelt. Zum Beispiel lässt sich sagen: Bei einer noch bestehenden christlichen Identität in Westeuropa gebe es eine "starke Verbindung" mit nationalistischen Einstellungen, auch mit negativen Gefühlen gegenüber Einwanderern und religiösen Minderheiten. Rechtliche Regelungen wie die Möglichkeit zur gleichgeschlechtlichen Ehe und die legale Abtreibung werden von Konfessionslosen und nichtpraktizierenden Christen mehr oder weniger deutlich befürwortet. Aber selbst unter praktizierenden Christen zeigt sich eine deutliche, in mehreren Ländern auch eine mehrheitliche Unterstützung für Homo-Ehe und legale Schwangerschaftsabbrüche.

"Nationalistische Gefühle"

Infografik Karte Wie viele Westeuropäer bezeichnen sich als Christen? DE

Laut der Studie ist Religion in Westeuropa "stark mit nationalistischen Gefühlen verbunden". So neigten Christen, ob sie regelmäßig zur Kirche gehen oder nicht, deutlich eher als Konfessionslose dazu, nationale Identität mit Abstammung zu verbinden. Die höchsten Werte zeigen sich bei diesem Punkt unter praktizierenden Christen in Ländern mit katholischer Prägung, in Portugal und  Italien, Irland, Spanien, aber auch in der protestantisch geprägten Schweiz. Deutschland mit seiner konfessionellen Spaltung rangiert bei dieser Frage aber, ebenso wie Frankreich und Österreich, nur unwesentlich hinter dieser Ländergruppe. Und dann bietet die Studie zu dieser Frage "kultureller Überlegenheit" doch einen punktgenauen Vergleich zu rechter Ideologie. Die Aussage "Unser Volk ist nicht perfekt, aber unsere Kultur ist anderen überlegen" findet unter praktizierenden Christen 21 Prozentpunkte mehr Zustimmung als unter Konfessionslosen. Exakt der gleiche Unterschied zeigt sich bei dieser Frage zwischen Anhängern rechter und linker politischer Ideologie.

Konkrete parteipolitische Präferenzen erhebt die Studie nicht. Aber bei politischen Streitthemen – der Frage der Integration und nationalen Identität, der Haltung zu Flüchtlingen, zu Muslimen und auch zu Juden – äußern Christen durchgängig rechtere Positionen als Konfessionslose. Dazu passt, dass die Kirchen in Deutschland, die von ihren Amtsträgern und Institutionen her für einen offenen Kurs werben und nach wie vor für die Aufnahme von Flüchtlingen eintreten, von Teilen ihrer Gefolgschaft kritisiert werden und es eben auch Christen in den Reihen der rechtspopulistischen AfD gibt. Der PEW-Befund mag aber auch erklären, warum gerade in den Ländern mit höherer Kirchenbindung die Bischöfe längst nicht so laut für die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen eintreten wie zum Beispiel Papst Franziskus.

Negative Sicht auf Muslime

Deutschland Wahlkampf AfD vor Freiburger Münster (picture-alliance/dpa/R. Haid)

Bundestagswahlkampf 2017: Ein AfD-Plakat vor dem Freiburger Münster.

Bei der Neigung, negative Ansichten über Muslime zu äußern, unterscheiden die PEW-Forscher nach christlichen Konfessionen. Katholiken in den katholisch geprägten Ländern auf dem Kontinent äußern sich tendenziell eher negativ über Muslime als Protestanten in evangelisch geprägten Ländern in Nord- und Nordwesteuropa. Da ist die Frage: "Sollte es muslimischen Frauen nicht gestattet sein, religiös begründete Kleidung zu tragen?" Das bejahen 28 Prozent der Katholiken und 17 Prozent der Protestanten. Und: Fühlen sie sich "wie ein Fremder im eigenen Land" wegen der hohen Zahl von Muslimen? Dem stimmten 27 Prozent der Katholiken zu. Bei den Protestanten sind es 20 Prozent. 

Für die Studie führten die PEW-Mitarbeiter nach eigenen Angaben im Sommer 2017 mehr als 24.000 Telefon-Interviews mit zufällig ausgewählten Erwachsenen, darunter 12.000 nichtpraktizierenden Christen.  

Noch vor wenigen Tagen hatte sich Papst Franziskus ausgesprochen skeptisch zur Lage des Christentums in den westlichen Gesellschaften geäußert. Die Entwicklung erinnere ihn etwas an "Schiffbrüchige, die versuchen, sich ein Floß zu bauen", sagte er im Interview einer italienischen Regionalzeitung. Und nannte dabei ausdrücklich Europa. Umgekehrt ergebe die "absolute Identifizierung des Christentums mit der westlichen Kultur immer weniger Sinn". Und Franziskus verband damit mal wieder die Überzeugung, das Christentum der Zukunft müsse "konkreter katholisch, universal und völlig kirchlich sein" sowie gleichzeitig die Kulturen anderer Kontinente respektieren.

 

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