Ein Relikt aus vergangenen Tagen | Fortbildung | DW | 09.01.2009
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Fortbildung

Ein Relikt aus vergangenen Tagen

Einst residierten hier bedeutende Politiker, wurden Staatsgäste empfangen und Banketts veranstaltet. Seit Jahren steht Willy Brandts ehemalige Kanzlervilla in Bonn leer. Das soll sich bald ändern.

Die ehemalige Kanzlervilla auf dem Venusberg im Schnee, aufgenommen am 07.01.09 (Quelle: Nina Funke-Kaiser)

Der Lack ist ab: Die ehemalige Kanzlervilla auf dem Venusberg

Eine verschneite Einfahrt, ein großer verlassener Park, in dem eine leicht herunter gekommene Villa aus den 30er Jahren steht. Die orangefarbene Markise ist unter der Last des Schnees herunter gebrochen, halb hängt sie, halb liegt sie auf der Terrasse. Einst war es sicherlich ein schönes, herrschaftliches Anwesen, aber die Zeit hat deutliche Spuren hinterlassen. Nicht nur die Zeit, auch die Bewohner des Hauses.

Wer hat sich im Haus verewigt? Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Kinderzeichnungen von Willy Brandts Söhnen im ehemaligen Kinderzimmer in der Kanzlervilla auf dem Venusberg (Quelle: Nina Funke-Kaiser)

Raketen, Popeye und ein Zeppelin: Kinderzeichnungen von Willy Brandts Söhnen

Im ersten Stock hat ein Kind die Stofftapete bemalt: Struppi, der Hund des Comic-Helden Tim, Popeye, der Spinat essende Seemann, eine Rakete namens Apollo – wie die Weltraummissionen der Vereinigten Staaten.

Nichts Besonderes. Oder doch? Denn auch wenn sich das Haus auf den ersten Blick kaum von anderen, verlassenen Gebäuden unterscheidet, wurde hier Geschichte geschrieben. Von 1967 bis 1974 lebte Willy Brandt als Außenminister und Bundeskanzler mit seiner Familie in der Villa auf dem Bonner Venusberg. Und die Kinderzeichnungen stammen von einem seiner Söhne.

Die Villa als Dienstsitz des Kanzlers. Lesen Sie weiter auf Seite 3.

Willy Brandts ehemaliges Arbeitszimmer in der Kanzlervilla auf dem Venusberg in Bonn (Quelle: Nina Funke-Kaiser)

Ein Raum mit historischer Bedeutung: Willy Brandts ehemaliges Arbeitszimmer

Auf dem Venusberg traf sich damals die politische Elite aus aller Welt. Auch Brandts Vertrauter Günter Guillaume soll oft dort gewesen sein, bevor er 1974 als DDR-Spion enttarnt wurde und Brandt über die Guillaume-Affäre stürzte. "Seinen Rücktritt hat er anscheinend in diesem Zimmer geschrieben", erzählt Besitzer Fred Girschkowksi, und zeigt in einen Raum im ersten Stock. Vom Mobiliar ist nichts geblieben, nur ein Wandregal aus Holz, der abgewetzte, dunkelbraune Teppich und die orangefarbenen Vorhänge.

1938 ließ der Bonner Kaufmann Heinz Blömer das Gebäude errichten. Das Land Nordrhein-Westfalen kaufte die Villa 1952 und Kurt Schumacher, der Parteivorsitzende der SPD, zog dort ein. 1957 wurde das Haus dann zur Dienstvilla für den Außenminister der Bundesrepublik umgebaut. Willy Brandt blieb auch nach seiner Wahl zum Bundeskanzler dort wohnen.

Anekdoten aus dem Kanzlerleben. Lesen Sie weiter auf Seite 4.

Das Waschbecken im Badezimmer der ehemaligen Kanzlervilla auf dem Venusberg (Quelle: Nina Funke-Kaiser)

Gelbes Waschbecken, braune Fließen, grüne Tapete: Im Bad grüßen die 60er

Zu Brandts Arbeitszimmer führen zwei Treppen: über die eine schlich sich laut Girschkowski angeblich die ein oder andere Geliebte des als Frauenheld bekannten Bundeskanzlers ins Haus. Das Badezimmer mit dunkelgrüner Tapete, braunen Fließen und grüner Wanne ist noch original aus der Zeit des Bundeskanzlers und in einem Zimmer liegen haufenweise alte Vorhänge, original aus den 70er Jahren.

Nach Brandts Auszug 1974 wurde das Anwesen als Gästehaus für kleine Empfänge und offizielle Essen genutzt. Zuletzt residierte Gerhard Schröder 1998 für wenige Monate dort, bevor die Hauptstadt von Bonn nach Berlin umzog.

Die Villa als Filmset. Lesen Sie weiter auf Seite 5.

Der Eingangsbereich in der ehemaligen Kanzlervilla, aufgenommen 07.01.09 (Quelle: Nina Funke-Kaiser)

Bereits im Eingangsbereich der Villa beginnt die Zeitreise

Seitdem stand das Anwesen leer. In den Jahren 2002 und 2005 diente es als Drehort für die Politfilme "Im Schatten der Macht" und "Schattenväter", in denen jeweils Brandts Sohn Matthias die Hauptrolle spielte. Zehn Jahre lang bemühte sich der Bund erfolglos, die Villa und das dazugehörige Parkgelände zu verkaufen. Im Sommer 2008 erwarben Fred Girschkowski und Cornelius von Immersleben von der Westdeutschen Immobiliengesellschaft das Anwesen, angeblich für 1,3 Millionen Euro. Für Insider ein Schnäppchen, auch wenn die Brandt-Villa in keinem guten Zustand ist.

Was wird aus der Kanzlervilla? Lesen Sie weiter auf Seite 6.

Die Unterkunft der Bundesgrenzschutzsoldaten auf dem Grundstück der ehemaligen Kanzlervilla (Quelle: Nina Funke-Kaiser)

Wo einst der Bundesgrenzschutz unterkam, spielen in Zukunft vielleicht Kinder

"Baugeschichtlich nichts Besonderes, aber wegen der Personen, die hier gelebt haben, stehen Haus und Park unter Denkmalschutz", erzählt Fred Girschkowski. Deshalb hat es lange gedauert, bis die Umbaupläne genehmigt wurden. Im März soll es losgehen. Der im Nachhinein angebaute Küchentrakt wird abgerissen, die Villa bis auf die Grundmauern zurückgebaut und in zwei Häuser unterteilt. Rechts von der Villa entstehen drei Einfamilienhäuser, links ein weiteres Doppelhaus: "Ganz schlichte und klare Gebäude", meint Girschkowski. Das kleine Teehaus im Park soll als Gemeinschaftsraum erhalten bleiben. Was aus dem Wachhaus wird, in dem die Beamten des Bundesgrenzschutzes untergebracht waren, steht noch nicht fest: "Ich war hier auch noch nicht drin", sagt Girschkowski, der vor dem zugewucherten, rostbraunen Flachbau steht. "Vielleicht erhalten wir es als Spielhaus für Kinder." Und vielleicht zeichnet dann in einem guten Jahr, wenn Umbau und Neubau fertig sein sollen, auf dem Venusberg wieder ein Kind auf die Tapeten seines Elternhauses.

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