Ein Lotse für den Alltagsdschungel | Aktuell Deutschland | DW | 12.09.2016
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Aktuell Deutschland

Ein Lotse für den Alltagsdschungel

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen besondere Unterstützung. Damit sie nicht alleine bleiben, hilft ein neues Netzwerk in Berlin. Ein persönlicher Pate steht jedem Heranwachsenden zur Seite.

Als im Juli ein 17 Jahre alter Flüchtling in einem Regionalzug in Würzburg mit einer Axt auf Reisende losging, war das Entsetzen groß. Immer wieder wurde die Frage gestellt, warum solch ein junger Mann, der offensichtlich bestens betreut wurde und auf einem guten Weg der Integration schien, solch eine Tat begeht. Das Attentat rückte die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in den Fokus der Öffentlichkeit. Allein bis Mitte des Jahres wurden laut Bundesregierung fast 18.000 Asylanträge von jugendlichen Flüchtlingen registriert. Experten sagen, dass sie besonders viel Aufmerksamkeit und Hilfe benötigen.

In Berlin und Brandenburg soll dies demnächst besser funktionieren. Ein neues Netzwerk speziell für diese Flüchtlingsgruppe versucht zu verhindern, dass die zugewanderten Heranwachsenden mit den vielen Veränderungen allein gelassen werden. Passenderweise wurde dafür der Name "Not alone" ("Nicht alleine") gewählt. "Wir wollen jungen Geflüchteten eine Perspektive eröffnen, indem wir ihnen Angebote machen - im Freizeitbereich und für den Beruf", sagt Reiner Felsberg, Geschäftsführer des Marburger Bundes Berlin Brandenburg. Die Ärztegewerkschaft ist Mitinitiator des Projekts.

Angebote besser vernetzen

Im Mittelpunkt steht die persönliche Begleitung durch Paten. Schon jetzt haben sich 20 Medizinstudenten bereit erklärt, sich in der Freizeit um einen minderjährigen Flüchtling zu kümmern. Zunächst wird zwischen dem Jugendlichen und dem Lotsen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Danach gibt es Hilfe bei ganz praktischen Dingen: einen Praktikumsplatz oder eine Ausbildung finden, Behördengänge absolvieren oder einen Sportverein suchen. Zum Angebot gehören musische, sportliche und kulturelle Projekte sowie Berufsbegleitung und -orientierung. "Alle Angebote bestehen bereits. Wir wollen sie aber besser vernetzen", sagt Felsberg. Oftmals mangele es nämlich daran, dass die Betroffenen nichts von vorhandenen Möglichkeiten wüssten. Der direkte Draht zu einem Paten soll dieses Wissen schaffen und vermitteln.

Elf Partner haben sich zum Start zusammengeschlossen. Da ist zum Beispiel die Ärztekammer, die bei der medizinischen Versorgung hilft. Da ist der Landessportbund, der die Suche nach einem geeigneten Sportverein unterstützt. Oder es ist da die Bertelsmann Stiftung, die musische Angebote zur Verfügung stellt. Bei all diesen Dingen hilft der persönliche Pate. "Das verschafft den Geflüchteten viel Mut und sie haben Vertrauen in ihren Lotsen", sagt Projekt-Mitinitiator Felsberg. Seit einigen Wochen würden die Tandems zusammenarbeiten und die ersten Erfahrungen seien positiv.

Zu wenig passende Betreuung

Dass es noch immer Schwierigkeiten gibt, hat erst im August eine Studie des Bundesfachverbandes unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gezeigt. Ein Problem: In ihren ersten Monaten hierzulande würden die Minderjährigen vielfach nur unzureichend versorgt und nicht dem Kindeswohl entsprechend untergebracht. Viele Jugendliche würden in Einrichtungen leben, die gar nicht für die Betreuung dieser Altersklasse ausgerichtet seien. Auch dauere es deutlich länger als gesetzlich vorgeschrieben, die jungen Flüchtlinge zu verteilen und für sie einen Vormund zu bestellen. Der Verband dringt darauf, dass junge Flüchtlinge in geeigneten Einrichtungen, Wohnformen oder Pflegefamilien untergebracht, versorgt und betreut werden. Dadurch stiegen auch die Chancen auf gute Bildung, heißt es.

Reiner Felsberg vom Marburger Bund sieht die Probleme und fordert deshalb: Das Angebot der Jugendhilfe müsse "immens ausgebaut werden". Zudem tritt er dafür ein, die Zeit der engen Betreuung der Behörden für unbegleitete Flüchtlinge über das 18. Lebensjahr hinaus auszuweiten. Das Netzwerk mache es vor: Die ehrenamtlichen Patenschaften würden trotz Volljährigkeit der Flüchtlinge nicht direkt enden, sondern deutlich darüber hinausgehen.