Ein Jahr nach dem Tod von Marielle Franco: ″Marielle anwesend!″ | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 14.03.2019
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Brasilien

Ein Jahr nach dem Tod von Marielle Franco: "Marielle anwesend!"

Schwarz und rebellisch - die vor einem Jahr ermordete Politikerin Marielle Franco ist zum weltweiten Symbol geworden. Der konservativ geprägten Politik Brasiliens gefällt sowas trotzdem nicht.

Kurz vor dem Jahrestag ihrer Ermordung gab es dann doch noch die lang erwarteten Neuigkeiten im Mordfall Marielle Franco. Am Dienstag nahmen die Ermittler zwei Polizisten fest, die die aus dem Armenviertel Maré stammende Politikerin und ihren Fahrer Anderson Gomes am Abend des 14. März 2018 im Zentrum von Rio de Janeiro mit einer Kugelsalve getötet haben sollen. Doch wer hinter dem Mord steckt, liegt weiter im Dunkeln.

Seit der Mordnacht sind Schilder mit der Aufschrift "Marielle presente" - "Marielle anwesend" - auf Demonstrationen für Frauen- und LGTB-Rechte in ganz Brasilien zu sehen. Auch in Berlin, Paris oder Lissabon kennt man Marielles auf T-Shirts gedrucktes, markantes Konterfei. An jenem 14. März wurde eine bis dahin nahezu unbekannte Politikerin erschossen. Und eine Symbolfigur geboren.

Brasilien Festnahme in Rio de Janeiro | Mord an Marielle Franco (Reuters/S. Moraes)

Festnahme im Mordfall Franco im Polizeimilieu

Rassismus in Brasiliens Geschichte

Sie kämpfe weiter, um sich dadurch Marielle nahe zu fühlen, schrieb ihre Witwe Monica Benício am Mittwoch in der Zeitung "Folha de S. Paulo". "Doch es geht um mehr, es geht darum, nicht zu verschweigen, was in Brasilien passiert. Unser Land tötet Menschen, steckt die Schwarzen in den Knast, tötet Frauen und LGBTs, misshandelt Kinder und Jugendliche. Es ist ein Land, das nicht den Rassismus wahrhaben will, der seiner Geschichte inne wohnt."

Zehn Jahre war Marielle die Assistentin des linken Politikers Marcelo Freixo, der durch seinen Kampf gegen die Mafia bei ähnlich organisierten und korrupten Polizisten angeführten Milizen in den Armenvierteln ins Visier geriet. Seit Jahren steht er deshalb unter Polizeischutz. 2016 wurde Marielle dann in den Stadtrat gewählt, wo sie die hemmungslose Gewalt der Polizei und der Milizen in den Favelas anprangerte und mehr Rechte für die dort lebenden schwarzen Frauen einklagte.

Taliria Petrone (Getty Images/AFP/D. Ramalho)

Talíria Petrone setzt den Kampf von Marielle Franco fort

 Gegen Militarisierung der Favelas

Ein Engagement, dass einem Feinde schafft, weiß Talíria Petrone. Als Stadträtin von Rios Nachbarstadt Niterói wurde sie von Milizen bedroht, die dort längst in der Politik das Sagen haben. Seit Januar ist sie nun Abgeordnete im brasilianischen Parlament und damit eine von vier schwarzen, aus Armenvierteln stammenden Mitstreiterinnen von Marielle, die bei den Wahlen im Oktober Mandate erringen konnten. Ein einmaliger Vorgang in der brasilianischen Politik.

"Marielle steht für den Kampf gegen die Kriminalisierung und Militarisierung in den Favelas, wo der Staat jeden Tag dutzende Jugendliche tötet", so Petrone gegenüber der DW. Siebzig Prozent aller Ermordeten in Brasilien seien dunkelhäutig, erinnert sie. "Diese Zahlen spiegeln den vom Staat verübten Genozid wider."

Marielle Franco (picture-alliance/dpa/AP/E. Rua)

Charismatische Aktivistin und inzwischen Symbolfigur: Marielle Franco (im Januar 2018)

Marielle kämpfte auch gegen LGBT-Phobie und Frauenmorde. "Marielle hat all dies am eigenen Körper erfahren müssen, als Frau, als Schwarze, als Bewohnerin einer Favela, als Sozialistin. Ihr politischer Kampf richtete sich genau dagegen."

Auch Talíria hat in Brasília bereits Erfahrungen mit dem alltäglichen Rassismus gemacht. Mehrmals habe man ihr den Zugang zum Parlament und den Abgeordnetenbüros verwehrt. Ihre dunkle Hautfarbe, ihre Afro-Locken, ihre bunte Kleidung - all das stoße in den Korridoren der Macht auf Ablehnung. Erfahrungen, die Marielle im Stadtparlament von Rio ebenfalls machte. Abgeordnete hätten nicht mal mit ihr im gleichen Aufzug fahren wollen, erinnern sich ehemalige Mitarbeiter. 

Anfeindungen von rechts

Am Dienstag wurde Marcelo Freixo im brasilianischen Parlament bei einer Würdigung Marielles von einem Politiker der PSL, der Partei des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro, unterbrochen. Er verurteile die Gewalt gegen Marielle, aber lehne total die Art ab, wie sie lebte, so der Politiker. Was genau ihn störte, ließ er offen. 

Bereits nach ihrer Ermordung war Marielle von rechts-konservativen Kreisen angefeindet worden. Im Internet wurde sie als angebliche Komplizin von Drogenbanden verunglimpft. Zwei Kandidaten der PSL zerrissen im Wahlkampf gar Schilder mit ihrem Namen. Bolsonaro selbst lobte stets Rios Milizen; Ermittlungen legen nun sogar eine seltsame Nähe seines Sohnes zu einer Miliz offen, die in Marielles Ermordung verwickelt sein könnte.

Brasilien Rio de Janeiro Polizeieinsätze in Favelas (picture-alliance/ZUMA Wire/H. Ohana)

Polizei in den Favelas: Gute Arbeit oder Teil eines korrupten Systems?

Die Ablehnung schwarzer Frauen in Machtpositionen habe kulturelle Gründe, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Ariadne Jacques gegenüber der DW. "Man toleriert eine kämpferische Frau nicht, eine Frau, die die Machtstrukturen infrage stellt." 

Ihr selbstbewusstes Auftreten, ihre fordernden und anklagenden Reden, bis hin zu ihrem Aussehen - alles an Marielle habe gegen das traditionelle brasilianische Frauenbild verstoßen. "Eine Frau muss zahm sein", erinnert Jacques.

Gefahr für die Mächtigen

"Diese Kultur fördert eher den Typ blonder, fast engelhafter Frauen, die ungefährlich scheinen, die zahmer sind, sich anpassen und folgen. Also eher Michelles und Marcelas statt Marielles", so Jacques in Anspielung auf die aktuelle First Lady Michelle Bolsonaro und ihre Vorgängerin Marcela Temer. Von beiden sind keine politischen Äußerungen überliefert. "Diese Kultur lässt keine Frau ungestraft sich ermächtigen (empowerment). Marielle bedeutete eine große Gefahr für das bestehende Machtgefüge."

Einschüchtern lasse sie sich nicht, verspricht Talíria Petrone. "Es ist gefährlich, in Brasilien zu leben, und es ist gefährlich, in Brasilien zu kämpfen. Aber niemals zuvor war es so nötig, hart zu bleiben und diesen Kampf weiterzuführen."

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