Ein Hof stirbt selten allein | Deutschland | DW | 27.01.2017
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Landwirtschaft

Ein Hof stirbt selten allein

Billige Milch, verregnete Sommer und widersprüchliche Agrarpolitik: Immer mehr Bauern geben auf - auch wenn die deutsche Landwirtschaft auf der Grünen Woche in Berlin als Erfolgsmodell gepriesen wird.

Er kennt jeden Backstein, jeden Fensterrahmen und jedes Gatter. Wenn Bauer Willi Quink über seinen Hof geht, überkommen ihn Stolz und Wehmut zugleich. Der Schweinestall ist leer. Nun lichten sich auch die Reihen der Holsteiner Kühe. Er verkauft sie nach und nach. 

40 Jahre lang hat Willi Quink auf seinem Hof in Königswinter als Landwirt gearbeitet. 130 Kühe, 60 Hektar Grünland, 30 Hektar Acker und zehn Hektar Forst. Ein ansehnlicher Betrieb mitten im Siebengebirge, mit einer wunderbaren Aussicht auf die umliegenden, noch schneebedeckten Berge.

Auf dem Rücken der Milchbauern

Doch jetzt ist Schluss. Der 59-Jährige will nicht mehr. Seine beiden Söhne wollen den Hof nicht übernehmen, seiner ehemaligen Ehefrau war die Belastung zu groß. "Mein Vater hat 1960 für einen Liter Milch 44 Pfennig bekommen, ich bekomme heute 21 Cent", sagt er, und fügt hinzu: "Da kann man von einer Preissteigerung oder einer angemessenen Bezahlung nicht reden. Das Geld machen die Discounter."

Während auf der Grünen Woche (20. - 29. Januar) im fernen Berlin über den Einsatz von Robotern in Mais- und Weizenfeldern diskutiert wird, verzweifelt Willi Quink in Königswinter an den Widersprüchen der Agrarpolitik im Alltag. "Wenn ich an einem Liter Milch weniger verdiene als an einem Hühnerei, dann stimmt etwas nicht", lautet seine Analyse.

Willi Quink, Milchbauer aus Königswinter (DW/A. Prange De Oliveira )

Die Milchkühe hat Bauer Willi Quink verkauft. Nun züchtet ein ehemaliger Mitarbeiter seltene Glanrinder in seinem Stall

Stille Revolution

Willi Quink gehört zu den Opfern des stillen Höfesterbens in Deutschland. Der sogenannte Strukturwandel in der Landwirtschaft gleicht in Wirklichkeit eher einer Revolution. Allein zwischen 2010 und 2016 verringerte sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe hierzulande von 299.000 auf 276.000 Höfe.

Zum Vergleich: 1976 gab es allein in Westdeutschland 800.000 landwirtschaftliche Betriebe. Der Trend geht in Richtung Agrobusiness oder biologische Landwirtschaft. Immer weniger Betriebe bewirtschaften die gleiche vorhandene landwirtschaftlich nutzbare Fläche und betreiben Rinder- oder Schweinemast mit immer mehr Tieren.

Nur im Ökolandbau verläuft die Entwicklung umgekehrt:  Zwischen 2010 und 2016 stieg die Anzahl der Bio-Betriebe von 16.500 auf 23.000, und die Größe der ökologisch genutzten Anbaufläche wuchs von 941.000 Hektar auf 1,1 Millionen Hektar an.

Willi Quink geht durch seine halbleeren Stallungen. Tränen steigen ihm in die Augen. Die Kühe strecken die Köpfe durch die Eisenstäbe, zermalmen geräuschvoll das Futter auf dem Boden und lecken ihm die Hand.

"Ich liquidiere mein Leben"

"Früher, als der Stall noch voll war, war es hier ein paar Grad wärmer", sagt Quink. "Ich habe mich immer verantwortlich für meine Tiere gefühlt." Man merkt, wie schwer dem 59-Jährigen die Entscheidung fällt. In seiner Verwandtschaft ist er der Letzte, der noch einen Hof hat. Wenn er aufgibt, geht eine 300 Jahre lange Familientradition zu Ende.

"Das Aufhören ist viel schwieriger als das Anfangen. Ich war stolz darauf, Bauer zu sein. Jetzt liquidiere ich das, was ich mein Leben lang aufgebaut habe", sagt er. Und leise fügt er hinzu: "Wenn ich noch bis zur Rente weitermachen würde, hätte ich gar keine Kraft mehr, das zu stemmen."

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Auch wenn noch Kühe im Stall stehen – der Ausstieg aus dem beschwerlichen bäuerlichen Alltag ohne Urlaub und Wochenende hat nicht nur für seine Söhne, sondern auch für Willi Quink selbst bereits begonnen. Einen Teil seines Gehöftes hat er an eine Dachdeckerei verpachtet, die nun in den Stallungen Ziegel und Dachpfannen zurechtschneidet.

Pferdepension statt Milchproduktion

Im Kuhstall hat ein ehemaliger Mitarbeiter mit der Zucht der vom Aussterben bedrohten Glanrinder begonnen. Und auch die Errichtung und Vermietung von Pferdeboxen in den Stallungen kann sich Quink gut vorstellen. Auf der Weide mit Blick auf die 455 Meter hohe Löwenburg könnte außerdem künftig ein Gehege für Dammwild geschaffen werden.

Tiere wird es also weiterhin auf dem Hof geben, auch wenn Quink selbst sich nicht mehr um sie kümmert. Auch eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft schließt er nicht aus, auch wenn er sich dies zurzeit nicht vorstellen kann. Fest steht nur eins: Quink will die Kontrolle behalten, auch wenn er sich aus der landwirtschaftlichen Produktion verabschiedet.

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