Ein Echo in der Seele | Spurensuche | DW | 26.04.2018
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Spurensuche

Ein Echo in der Seele

Musik berührt den Menschen tief und weckt alte Gefühle und Erinnerungen. Gunnar Lammert-Türk berichtet, was dabei hervorkommen kann.

„Komm, lieber Mai“

Jörg Becker spielt auf dem Klavier „Der Mai ist gekommen“. Und sechzehn alte Menschen singen fröhlich mit. Die älteste in der Runde ist 97, die meisten übrigen Männer und Frauen sind nur wenig jünger. Manchen fallen noch ganze Strophen ein, anderen nur ein paar Bruchstücke.

Sie alle wohnen im Erich-Raddatz-Haus in Berlin-Neukölln, einer Senioreneinrichtung der evangelischen Kirche. Hier treffen sie sich jeden Donnerstagvormittag mit Kirchenmusiker Becker zu seinen „Klassik-Runden“ für Senioren.

Becker erzählt ein wenig zu dem Lied, das er gerade gespielt hat, vergleicht es mit einem älteren Mailied und kommt mit einem Schlenker über „Komm lieber Mai und mache“, zu dem Mozart die Melodie schrieb, auf dessen Oper „Entführung aus dem Serail“, um die es heute gehen soll.

Ein Lied berührt die menschliche Seele

Wissensvermittlung steht dabei nicht an erster Stelle, die Musik dient vor allem als Resonanzraum und Assoziationsauslöser für das Innenleben. Das soll angeregt und vertieft werden. Für Becker sind dafür vor allem das Volkslied und klassische Musik geeignet. Letztere, weil sie „die menschliche Seele sehr stark berührt und alle Facetten unseres Denkens und Fühlens beinhaltet, so dass über sie ein Kontakt hergestellt werden kann.“

Ein Kontakt zu dem, was sich an Empfindungen, Erfahrungen und Stimmungen in den alten Menschen im Laufe ihres langen Lebens angesammelt hat. Dafür bieten Melodien, Rhythmen, musikalische Stimmungen und Liedtexte die Anknüpfungspunkte. Sie sorgen dafür, dass die alten Menschen mit dem Schatz ihrer Erinnerungen und Gefühle in Austausch treten können, dass lang Zurückliegendes und das aktuelle Erinnern, das die Musik hervorruft, zusammen kommen.

Das ereignet sich immer wieder in den Klassik-Runden, aber auch, wenn Becker mit seinem Akkordeon in den Wohnbereichen unterwegs ist und sich hier besonders den dementen Menschen widmet. Dann spielt er ein, zwei Lieder und achtet auf die Reaktionen. Manchmal ergibt sich eine kleine Themenstrecke, etwa zum Wald oder zu Jahreszeiten. Oder jemandem fällt ein bestimmtes Erlebnis ein und Becker weiß das passende Lied dazu. Oder ein Lied löst ein Gefühl oder eine Erinnerung aus, die zum nächsten Lied führt.

„Es bleibt derselbe Mensch“

Unter Umständen ist es auch immer dasselbe Lied, das einem dementen Menschen wohltut.
Wie im Fall eines ehemaligen Sängers, der jedes Mal neu mit etwas brüchiger, aber noch recht voll tönender Stimme zur Akkordeonbegleitung das Lied „Wie mein Ahnl zwanzig Jahr“ aus Carl Zellers Operette „Der Vogelhändler“ singt, das er früher auf der Bühne vorgetragen hat.

Becker ist überzeugt, „dass der Geisteszustand, in dem sich ein Mensch befindet, etwas anderes ist als das äußerlich korrekte Erinnern oder Durcheinanderwerfen von Fakten. Ich erlebe immer wieder, dass die Menschen sich im Grunde in dem Geisteszustand befinden, den sie sich ihr Leben lang erarbeitet haben, der im Lauf des Lebens entstanden ist durch reiche Erfahrungen. Es bleibt derselbe Mensch. Jenseits der faktischen Erinnerung finde ich also einen Zugang zu dem geistig- seelischen Leben dieses Menschen. Und das finde ich sehr bemerkenswert, dass diese tiefe Schicht davon eigentlich nicht betroffen ist.“

Weil Becker für sie einen Sensus hat, entdeckt er auch bei Menschen, deren kommunikative und kognitive Fertigkeiten schwinden, eine besondere menschliche Tiefe. Manche von ihnen, so hat er

festgestellt, „sind in einem tieferen Sinn geistig-seelisch im Frieden und gehen auf eine sehr friedfertige Weise an das Leben heran. Es gibt Menschen mit Demenz, deren geistigen Zustand empfinde ich als enorm reif. Da hab ich das Gefühl, wir, die wir nicht von dieser Krankheit betroffen sind, haben nicht diese geistige Reife, haben nicht diesen inneren Entwicklungsweg genommen, haben nicht diesen Frieden gefunden.“

„Letztendlich ist es Liebe“

Becker deutet so an, dass es hinter den Qualen und Mühen, die das Altwerden und die Demenz bedeuten können, noch eine andere Seite gibt, die es wert ist, beachtet und aktiviert zu werden. Dafür reicht seiner Ansicht nach Professionalität allein nicht aus. „Letztendlich“, sagt er, „ist es Liebe, durch die es funktioniert. Es geht aus meiner Sicht nicht anders, weil das ist das Entscheidende, um einen wohlwollenden Kontakt überhaupt zu haben.“

Dass ihm das gelingt, bestätigt unter anderem eine Teilnehmerin seiner Klassikrunde im Erich- Raddatz-Haus, die von ihr sagt: „Diese eine Stunde in der Woche ist so schön für mich. Das ist eine Stunde, wo man vergessen kann, dass man krank ist. Herr Becker ist für uns eine Wohltat und ich hoffe, ich kann es noch lange erleben.“

Zum Autor: Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor.