Ein Überlebender aus Sobibór | Geschichte | DW | 14.10.2013
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Geschichte

Ein Überlebender aus Sobibór

Am 14. Oktober 1943 gab Philip Bialowitz ein Versprechen ab: Solange er lebt, die Erinnerung an die Opfer von Sobibór wachzuhalten. 70 Jahre nach den Aufstand im NS-Vernichtungslager kämpft er für eine Gedenkstätte.

Philip Bialowitz entzieht sich jeder Konvention: Ein kleiner, energievoller Mann mit Hut und glanzpolierten Schuhen, der Schreckliches erlebte, es aber ablehnt, sich als Opfer zu fühlen. Er fühle sich als Sieger, sagt er – "über die Nazis und den von ihnen geplanten Tod". Seine fünf Kinder und zwölf Enkel seien "die Antwort darauf, was mir die Nazis antun wollten", sagt Bialowitz. Er hat den Holocaust überlebt. Und er hat gegen die Nazis gekämpft: Gemeinsam mit anderen Gefangenen des Vernichtungslagers Sobibór. Kurz vor dem 70. Jahrestag des Aufstands von Sobibór ist der heute in New York lebende Zeitzeuge nach Europa gekommen, um zu tun, was er versprochen hat: Solange er lebt, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten.

der Holocaust-Überlebende Philip Bialowitz im Gespräch mit der Abgeordneten und Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau (Foto: Christoph Löffler)

Philip Bialowitz mit der Abgeordneten Petra Pau

Auf Mission in Berlin

Aus diesem Grund hat er auch für drei Tage Berlin besucht. Im Bundestag hat er die Abgeordnete Petra Pau (Die Linke) getroffen und ihr stellvertretend für den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert einen Brief übergeben. Darin appelliert Bialowitz an den Deutschen Bundestag, sich an dem Aufbau einer neuen Gedenkstätte im ehemaligen Vernichtungslager Sobibór zu beteiligen. Die bisherige Gedenkstätte wurde bis 2011 von polnischen Historikern und privaten Initiativen unterstützt. Doch seit zwei Jahren ist die Einrichtung wegen Geldmangels geschlossen. Polen plant nun eine neue, eine würdigere Gedenkstätte für die Opfer von Sobibór – drei Millionen Euro soll das Projekt kosten. Holland, die Slowakei, Israel und Polen wollen die Gedenkstätte mit zwei Millionen Euro unterstützen. Ausgerechnet Deutschland aber will sich nicht beteiligen. Philip Bialowitz bleibt dennoch gelassen: "Berlin versteht schon, wie wichtig es ist", sagt er. Und posiert vor dem Plenarsaal mit dem deutschen Adler im Hintergrund für ein Foto.

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Politik direkt: Streit um KZ-Gedenkstätte Sobibor

Viel lieber als mit Politikern trifft er sich bei solchen Reisen aber mit Jugendlichen – so wie am nächsten Tag in der Berliner Robert Jungk Europaschule. Vor einhundert Jugendlichen spricht er dort über seine Zeit im Vernichtungslager Sobibór – damals war er genauso alt, wie sein Publikum heute. 1942 hatten die Nationalsozialisten im ostpolnischen Sobibór eines der drei Todeslager der so genannten "Aktion Reinhardt" errichtet, deren Ziel die Vernichtung der Juden in Ost- und Südostpolen war. Bis Oktober 1943 wurden allein in Sobibór mindestens 250 000 Menschen ermordet. Das sind die Fakten. Etwas ganz anderes ist einen Überlebenden zu treffen. Die Berichte von Philip Bialowitz sind fern jeder Klage, er gibt sich Mühe, seine Erlebnisse den Schülern emotional zugänglich zu machen und verspricht, wenn sie gute Fragen stellen, würde er zum Schluss auf Deutsch, Polnisch oder Jiddisch ein Lied aus seiner Jugend für sie singen. Das kommt gut an und schon bald fragen die ersten, wie es ihm genau gelang, dem Tod zu entkommen. Am Ende singt er tatsächlich in Polnisch, dann in Jiddisch - das junge Publikum klatscht und merkt, es ist ein besonderer Moment.

Philip Bialowitz vor Berliner Schulklasse (Foto: DW/ Rosalia Romaniec)

Geschichtsunterricht hautnah: Die Schüler sind von Bialowitz beeindruckt

Die Reise ins Todeslager

Bialowitz stammt aus dem ehemaligen Schtetl Izbica in Ostpolen – während des Krieges machten die Nazis den kleinen jüdischen Ort zum Umschlagplatz für Juden aus ganz Europa. Bialowitz Mutter wurde erschossen, die Geschwister wurden deportiert. Er und sein Bruder ergriffen die letzte Chance zum Überleben: "Wir erfuhren, dass die Deutschen einige Männer mit verschiedenen Professionen suchten", erzählt er, "wir meldeten uns an – mein Bruder als Apotheker und ich als sein Helfer".

Ahnungslos, was sie erwarten würde, landeten sie im Vernichtungslager Sobibór. Anstatt wie die meisten anderen direkt in die Gaskammern getrieben zu werden, wurden sie gezwungen, bei dieser Maschinerie des Mordens mitzuhelfen: Neuankömmlingen die Haare schneiden, Kleider und Koffer sortieren. Wenn sie wertvolle Sachen fanden, mussten sie diese den deutschen Offizieren melden. "Wir haben schnell verstanden, dass niemand diesen Job länger als sechs Monate macht, danach wird man vergast", erklärt Bialowitz. Doch dann hörten sie, dass eine Männergruppe in Sobibór begann, die Flucht zu planen: "Wir dachten, es ist besser von einer Kugel zu sterben, als in der Gaskammer zu ersticken".

Jugendbild von Philip Bialowitz (Foto: Philip Bialowitz)

Der junge Philip Bialowitz. Zur Zeit des Aufstands in Sobibór war er gerade einmal 15 Jahre alt

Mission impossible

Die Organisation des geplanten Aufstands übernahm Leon Feldhendler, Sohn eines bekannten Rabbiners. "Unser größtes Problem war, dass wir keine Erfahrung im Kampf hatten, ich konnte nicht einmal eine Waffe halten", sagt Bialowitz. Doch gerade zu dieser Zeit brachte die Gestapo eine Gruppe von 80 jüdischen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion in das Vernichtungslager. Diese Männer konnten kämpfen. "Leon Feldheldner sprach mit einem Oberleutnant und nach wenigen Wochen stand der Plan fest", erklärt Bialowitz.

Es war der 14. Oktober 1943. Wieder wurde eine große Gruppe Menschen in die Gaskammern geführt. Danach musste ihr Gepäck nach wertvollen Sachen durchsucht werden. Der damals 15jährige Philip Bialowitz sollte als Verbindungsmann des geplanten Aufstands den deutschen Offizieren nacheinander melden, dass sie wertvolle "Funde" sichten könnten. Nacheinander rief er zwölf der ranghöchsten Nazis von Sobibór zu sich. Ein Hinterhalt. Sie wurden von den Aufständischen getötet.

Auf der Flucht

John Demjanjuk vor Gericht 2011 (Foto: dpa)

Das Urteil gegen den Ex-Sobibór-Wächter John Demjanjuk 2011: Beihilfe zum Mord. Im März 2013 starb Demjanjuk

Kurz darauf stellte sich Leon Feldhendler auf den Tisch und sprach. "Brüder, unsere Stunde hat geschlagen. Die Chancen sind klein, aber wer überlebt, soll überall erzählen, was hier passiert ist", erinnert sich Philip Bialowitz an den Augenblick kurz bevor die Massenflucht begann. Innerhalb kurzer Zeit brachen 600 Menschen aus dem Lager aus, knapp 200 überlebten. "Das war mehr, als wir je erhofft hatten", meint Bialowitz. Die meisten starben von einer Kugel oder weil sie auf eine Miene traten. Die Nationalsozialisten hatten die Felder um das Vernichtungslager Sobibór vermint.

Die Gebrüder Bialowitz hatten Glück. Sie überlebten die Flucht und fanden Versteck in einer polnischen Bauernfamilie. "Ich werde diesen Menschen immer dankbar sein, denn ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben", sagt Phillip Bialowitz. Die Familie Mazurek versteckte damals mehrere junge Juden vor den Nazis, aber auch vor polnischen Partisaneneinheiten. Denn es kam immer wieder vor, dass flüchtende Juden von polnischen Partisanengruppen getötet wurden. Bialowitz rechnete damals mit dem Schlimmsten, denn auch die Söhne der Bauernfamilie engagierten sich im polnischen Untergrund. Doch sie hielten dicht. "Für mich sind diese Menschen richtige Helden, denn wäre herausgekommen, dass sie mich versteckten, hätten sie dies mit dem Leben bezahlt", sagt Bialowitz zur Erklärung, warum er seit Jahrzehnten die Familiennachkommen in Polen besucht.

Angekommen

Gedenkstätte Sobibór (Foto: dpa)

Die bisherige Gedenkstätte Sobibór ist derzeit geschlossen

Nach der Befreiung Polens durch die Rote Armee, verließen Philip Bialowitz und sein älterer Bruder nicht nur das unterirdische Versteck, sondern auch ihr Heimatland. Als "displaced persons" reisten sie nach Berlin und von dort aus in die USA. Das Versprechen, das Philip BiaIowitz in Sobibór abgegeben hat, begleitet ihn seit 70 Jahren. Er sagte in Prozessen gegen ehemalige Naziverbrechen aus, schrieb ein Buch über Sobibór und half Überlebenden-Netzwerke aufzubauen.

Seitdem er vor 20 Jahren in Pension ging und mehr Zeit hat, ist Philip Bialowitz mehrere Monate im Jahr unterwegs. Die Erinnerung wachzuhalten ist seine Mission, so lange er lebt. "Danach wird diese Aufgabe die Gedenkstätte übernehmen", sagt er und während er auf die Kopie seines Briefes an den Bundestag hinabschaut, fügt er hinzu: "Das wird Deutschland bestimmt verstehen".

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