Ehemaliger KZ-Wachmann vor Gericht | Deutschland | DW | 17.10.2019
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NS-Verbrechen

Ehemaliger KZ-Wachmann vor Gericht

Vor dem Landgericht Hamburg hat der Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Bruno D. begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in mehr als 5230 Fällen vor. Eine Reportage aus dem Gerichtssaal.

Hamburg Prozess gegen ehemaligen SS-Wachmann (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

Zur Tatzeit erst 17 Jahre alt: Prozess vor der Jugendstrafkammer in Hamburg

Der Gerichtssaal ist voll besetzt. Die Stimmung ist ruhig, aber gespannt. Benjamin Cohen steht an der kleinen Barriere zum vorderen Teil des Gerichtssaals, zu dem nur Prozessbeteiligte Zutritt haben und schaut sich genau um. Es wirkt, als wolle er alles fotografisch in seinem Gedächtnis abspeichern - um es später ganz genau seiner Großmutter zu Hause in den USA erzählen zu können.

Zu anstrengend wäre die Reise nach Hamburg für die 90-jährige Judy Meisel gewesen. 1944 war sie gemeinsam mit ihrer Mutter und Schwester für mehrere Monate im Konzentrationslager Stutthof interniert. Sie wurden gefoltert, zwei SS-Soldaten rissen ihr einmal die Haare aus, erzählt Cohen. Ihre Mutter, Benjamin Cohens Urgroßmutter, überlebte nicht. "Das war die totale Brutalität", sagt er. Mindestens einmal die Woche spreche seine Großmutter auch heute noch - 74 Jahre später - über diese schrecklichen Erfahrungen.

Judy Meisel als Jugendliche (Privat)

Judy Meisel als Jugendliche, bevor der 2. Weltkrieg begann

Erfahrungen, die ein Mann im Saal gewissermaßen von der anderen Seite miterlebt hat - außerhalb der Baracken und Gaskammern - auf Seiten der Täter: Bruno D., der Angeklagte. Steif und mit regloser Mimik sitzt der Mann in seinem Rollstuhl. Sorgfältig gestutzter Schnäuzer, das weiße Haar ordentlich nach hinten gekämmt, aufrechte Haltung. Mit ruhiger, klarer Stimme gibt der 93-Jährige seine persönlichen Daten zu Protokoll. Die Richterin fragt nach: Sie kommen also aus der Nähe von Danzig? "Jawohl", lautet die prompte Antwort.

Trotz hohen Alters scheint er alles, was gesagt wird, sehr gut wahrzunehmen, folgt den Ausführungen der Richterin und anderer Prozessbeteiligten aufmerksam, nimmt Blickkontakt auf. Begleitet wird er von seiner Tochter und weiteren Familienangehörigen.

Hamburg Prozess gegen ehemaligen SS-Wachmann (picture-alliance/dpa/D. Bockwoldt)

Angeklagter Bruno D. zwischen einer Familienangehörigen und seinem Anwalt

Bruno D. bis ins Detail informiert

Die Staatsanwaltschaft verliest die Anklage: Bruno D. wird Mord in mehr als 5230 Fällen vorgeworfen. Der ehemalige SS-Wachmann soll zwischen August 1944 und April 1945 im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig die Tötung jüdischer Häftlinge "durch bewusste Herbeiführung und Aufrechterhaltung lebensfeindlicher Bedingungen wie Nahrungsentzug und Verweigerung medizinischer Versorgung" unterstützt haben. Zur Tatzeit war der Angeklagte erst 17 Jahre alt. Seine Aufgabe war im Rahmen des Wachdienstes, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern.

Ab 1944, so lautet die Anklage weiter, begann die systematische Tötung der mehrheitlich antisemitisch verfolgten Lagerinsassen. Bruno D. habe die Schreie aus den Gaskammern gehört, so Ermittler. Er sei bis ins Detail informiert gewesen. So gut, dass er keinen Zweifel daran hatte, was tatsächlich passierte.

Judy Meisel bei einem Besuch im Stutthof KZ (Ben Cohen)

Als Judy Meisel (l.) noch verreisen konnte, betrat sie das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig noch ein Mal als Besucherin

Dann zählt die Anklage auf: 30 Insassen wurde von SS-Männern gesagt, ihre Körpergröße müsse gemessen werden, sie sollten sich an einen Holzstab an der Wand stellen. Arglos folgten sie den Anweisungen und wurden durch Löcher in der Wand von SS-Soldaten im Nebenraum in den Nacken geschossen. Sofort wurden die Leichen zum Krematorium gebracht und verbrannt. Die nächsten warteten schon vor der Tür.

Ab Herbst 1944 begannen die Vergasungen mit dem Gift Zyklon B, lautet es in der Anklage weiter. Vor allem Frauen wurden so ermordet. 35 von ihnen wurden nackt in eine Kammer geführt, angeblich um sich zu "duschen". Dann wurde das Gift durch einen Schacht in der Decke eingelassen. Erst traf es die Frauen in der Mitte des Raumes. Unter Qualen rissen sie sich die Haare vom Kopf, zerkratzten ihre Haut und verkrampften in gegenseitigen Umarmungen, bis sie schließlich erstickten. Erst zwei Stunden später wurde die Kammer wieder geöffnet, so gefährlich war das Gas.

Es ist eine gut geölte Massenmordmaschine, die die Staatsanwaltschaft beschreibt. Durch planmäßige Schwerstarbeit, systematische Verweigerung von Essen und Wasser starben die meisten, rund 5000 Menschen in ihren Exkrementen. All diese Details sind wichtig, um zu verstehen, was Menschen wie Judy Meisel erleben mussten und überlebt haben.

"Es tat ihm leid, aber er sah sich nicht in der Lage zu helfen”

Während all das verlesen wird, fällt auf, dass die Tochter von Bruno D. ihren Blick nicht von ihrem Vater abwendet. Sie scheint irritiert oder ungläubig - oder gar vorwurfsvoll? Vielleicht ist sie nur besorgt um den Gesundheitszustand ihres Vaters. Bruno D. jedenfalls schaut weiter stur geradeaus ohne sichtbare Regung im Gesicht.

Prozess gegen ehemaligen SS-Wachmann (picture-alliance/dpa/D. Bockwoldt)

Zum Dienst im KZ "verdonnert": Verteidiger Waterkamp plädiert für D.s Unschuld

Verteidiger Stefan Waterkamp zeichnet ein anderes Bild von seinem Mandanten, der sich heute nicht äußern will. Gegen seinen Willen sei er mit 17 Jahren zum KZ-Wachdienst in Stutthof "verdonnert" worden, weil er als nicht kampftüchtig eingestuft wurde. Gegen seinen Willen wurde er Teil der SS. "Mit 17 Jahren, das ist ein Alter, in dem man sich fragen sollte: Wie wäre ich denn da gewesen, hätte ich versucht zu fliehen, oder hätte ich versucht einen Aufstand anzuzetteln, oder hätte ich versucht mich zu beschweren bei Vorgesetzten im Jahr 1944 - das sind Fragen, die sich jeder stellen sollte", so Waterkamp später im Interview.

Bruno D. hätten die Gefangenen Leid getan. "Er hatte Mitleid mit denen, sah sich aber nicht in der Lage sie zu befreien oder sowas. Da war er einfach nicht in der Lage zu damals - und ich denke, wenn man darüber nachdenkt, wäre man es selber auch nicht gewesen." Jedoch sehe er keine Schuld bei sich, weil er aktiv niemanden umgebracht habe, so der Anwalt.

Nebenkläger-Vertreter Cornelius Nestler sieht das anders: "Helfer wie D. sorgten dafür, dass keiner aus der Hölle von Stutthof entkommen konnte." Seine Mandantin hoffe, dass er ehemalige KZ-Wachmann zu einem Dialog über Verantwortung bereit sei. "Es ist eine Frage der Gerechtigkeit", so Nestler. Sein Verteidiger kündigte in der Tat an, dass D. in der kommenden Woche Fragen der Staatsanwaltschaft beantworten werde.

Judy Meisel überlebte

Nicht nur Benjamin Cohen und viele andere Nebenkläger hoffen darauf. "Meine Großmutter hat immer gesagt: Eine Person kann sehr viel bewirken. Und Bruno D. kann hier sehr viel tun. Er könnte viel dazu beitragen, indem er darüber spricht, was in Stutthof passiert ist." Über eine von ihrem Anwalt verlesene Erklärung erzählt Judy Meisel von einer Erinnerung im KZ Stutthof: Nackt stehen sie und ihre Mutter in der Schlange vor der Gaskammer, kurz davor einzutreten. Da wird sie, damals 14 Jahre alt, von einem Wachmann zurück in die Barracke geschickt. Es ist das letzte Mal, das sie ihre Mutter sieht. Aber sie selbst überlebte.

Judy Meisel und ihr Enkel Ben Cohen zu Hause in den USA (Ben Cohen)

Judy Meisel mit Enkel Benjamin in ihrer Wohnung in St. Louis Park, Minnesota, USA

"Ihre Geschichte ist die Geschichte über die Kraft des menschlichen Geistes. Sie ist nicht hasserfüllt da rausgekommen und auch nicht mit Rachegelüsten. Sondern sie hat ihr Leben fortan denjenigen gewidmet, die verfolgt werden, und für die Menschenrechte", erzählt ihr Enkel Benjamin Cohen.

Dass der Prozess überhaupt stattfindet, wertet er schon als persönlichen Erfolg für sich und seine Familie. "Ich wünschte nur, dieser Prozess wäre zehn Jahre früher passiert. Ich wünschte, meine Großmutter könnte hier sein um ihm direkt ins Auge zu blicken."

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