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Politik

Gekaufte Likes für Kreml-treue Accounts

Ilya Koval
14. April 2021

Posts des russischen Abgeordneten Leonid Sluzkij werden mit gekauften Likes gepusht. Auf derselben Plattform werden Abonnenten, Likes und Reposts auch für andere politische Accounts bezahlt. Die DW ist dem nachgegangen.

https://p.dw.com/p/3rxJL
Symbolbild Verifizierung
Bild: Imago Images/Panthermedia/O. Le Moal

Eineinhalb bis zwei Rubel, umgerechnet rund zwei Cent, für ein Like und ein Repost auf Facebook, der gleiche Betrag für ein Like und einen Retweet auf Twitter. So viel kostet es, wenn ein Post von Leonid Sluzkij in sozialen Netzwerken gepusht werden soll. Sluzkij ist Vorsitzender des Ausschusses für internationale Angelegenheiten in der russischen Staatsduma. Gerne schreibt er über "Provokationen aus Brüssel" oder die "höllische Absurdität" der Biden-Administration. Wie die DW herausfand, werden seine Posts regelmäßig an der mit Google gut auffindbaren beliebten Likes-Börse "bosslike.ru" angeboten. Mit ihr kann die Anzahl von Likes, Abonnenten, Reposts und Views in allen gängigen sozialen Medien gepusht werden, von den in Russland beliebten Netzwerken "Odnoklassniki" und "VKontakte" bis hin zu Telegram, YouTube oder TikTok.

Sluzkij-Posts zu Schnäppchenpreisen

Die Plattform gibt ungefähre Tarife für den Kauf verschiedener Arten von Aktivitäten in bestimmten sozialen Netzwerken an. Am Ende bestimmt jedoch jeder Auftraggeber selbst, was er fürs Pushen zahlen möchte. Je mehr bezahlt wird, desto schneller funktioniert es. Für Sluzkijs Posts wird mit am meisten geboten. Theoretisch könnte jeder hier Likes und Retweets für ihn kaufen. Eine beliebige E-Mail-Adresse reicht aus, um sich auf der Website der Börse zu registrieren. Verbreiten lassen sich Links zu jedem Post oder Account.

Leonid Slutsky - Vorsitzender des Duma Committee on Foreign Affairs
Leonid Sluzkij - fürs Pushen seiner Posts in sozialen Netzwerken wird gezahltBild: picture-alliance/dpa/Sputnik/S. Mamontov

Mindestens seit Mitte März, als die DW begann, die Likes-Börse zu beobachten, erscheinen aber alle Posts des russischen Abgeordneten auf dieser Website. So wurde auch ein Facebook-Post von Sluzkij über die Lage an der russisch-ukrainischen Grenze innerhalb einer halben Stunde nach Veröffentlichung auf dieser Plattform angeboten. Die DW fragte bei dem Abgeordneten schriftlich an und bat ihn zu klären, ob er oder seine Mitarbeiter an der Bezahlung für Likes und Reposts seiner Posts in sozialen Netzwerken beteiligt waren. Bislang hat Sluzkij dazu nicht Stellung genommen.

Sluzkij war der breiten russischen Öffentlichkeit 2018 bekannt geworden, weil er angeblich mehrere Journalistinnen sexuell belästigt haben soll. Trotz des öffentlichen Aufsehens entlastete ihn die Ethikkommission der Staatsduma.

Gekaufte Social-Media-Aktivitäten

Das Zentrum "Dossier", ein nichtkommerzielles Projekt von Michail Chodorkowskij, berichtete in einer Anfang April veröffentlichten Analyse, dass die von Sluzkij geleitete sogenannte "Russische Friedensstiftung" US-amerikanische Senatoren um Zuschüsse gebeten hatte. Gleichzeitig kritisiert Sluzkij in seinen Posts in sozialen Netzwerken die USA und die EU gnadenlos. "Es ist nicht Russland, das sich von der EU entfernt, Brüssel provoziert immer wieder Konfrontationen", twitterte er beispielsweise.

Für diesen Tweet bekam er über 170 Likes. Oder hat er etwa rund 1,25 Euro dafür bezahlt? Die DW hat sich alle 78 zugänglichen Accounts angeschaut, die diesen Tweet geliked haben. Alle bis auf einen kamen von ein und der selben Likes-Börse. Darauf weisen ihre Aktivitäten hin: Die 77 Profile sind voller Retweets von Posts, die auf der Börse angeboten wurden oder haben selbst solche Posts geliked. Mindestens neun dieser Accounts sind aufgrund verdächtiger Aktivitäten bereits vorübergehend durch Twitter eingeschränkt worden.

Retweets älterer Posts von Sluzkij reichen bis in den Herbst 2020 zurück. Dies könnte darauf hinweisen, dass Posts des russischen Parlamentariers in sozialen Netzwerken bereits früher an der Likes-Börse gelistet wurden.

Influencer, Startups und Politiker

Seit 2018 wird das Pushen von Likes in sozialen Netzwerken vom Strategic Communications Center der NATO untersucht. Einer, der dort arbeitet, ist Rolf Fredheim. Ihm zufolge gebe es mehrere Accounts von Politikern auf Likes-Börsen. Bei den meisten handele es sich aber um kaum bekannte Kommunalpolitiker. Es seien jedoch auch bekannte Abgeordnete der Staatsduma regelmäßig darunter, so Fredheim gegenüber der DW. Namen wollte er jedoch keine nennen.

Im Allgemeinen seien Politiker auf solchen Plattformen aber eher selten anzutreffen. "Meistens greifen sogenannte Influencer zum Kauf von Likes, die auf Instagram oder Facebook bekannt werden möchten", sagt Fredheim. "Oft sind es auch Startups und Geschäfte, die größer und beliebter erscheinen wollen als sie wirklich sind." Den Anteil von Politikern am Kauf von Internetaktivitäten schätzt er auf rund zehn Prozent.

 | Recherche | Plattform zum Kauf von Likes in Russland
Screenshot der Likes-Börse mit dem Profil des russischen Oligarchen Konstantin MalofejewBild: bosslike.ru

Die DW fand aber auf einer der Likes-Börsen neben Sluzkijs Profil auch andere politische Accounts - so etwa das VKontakte-Profil des Putin-nahen russischen Medienzaren Konstantin Malofejew, der die russsichen Separatisten in der Ostukraine unterstützen soll. In seinen Posts wettert Malofejew gerne gegen die "Kiewer Junta" oder die "gottlose EU". Zu finden sind aber auch Posts von Oleksandr Feldman, einem Abgeordneten des ukrainischen Parlaments und ehemaligen Vertrauten des nach Russland geflüchteten ukrainischen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch. Feldman will Bürgermeister von Charkiw werden und macht derzeit Wahlkampf. Für ein Like unter seinem Post wird umgerechnet etwas mehr als ein Cent bezahlt.

Russland führend beim Pushen in sozialen Netzwerken

Dem Strategic Communications Center der NATO zufolge dominieren russische Firmen den Markt für die Manipulation sozialer Medien. "Nahezu alle großen Software- und Infrastrukturanbieter, die wir identifizieren konnten, waren russischer Herkunft", heißt es in einem Bericht des Zentrums.

Ihm zufolge kann der Gesamtanteil gefälschter Aktivitäten in sozialen Netzwerken zehn bis 30 Prozent aller Likes, Reposts und Views auf jenen Plattformen betragen. "Wir haben jedoch nur die Möglichkeit, Momentaufnahmen dieser Daten zu machen. Daher ist es unmöglich, den Umfang der Manipulation vollständig einzuschätzen", sagte Janis Sarts, der Direktor des NATO Strategic Communications Center, der DW.

Grundsätzlich seien Manipulationen auf nahezu allen Plattformen möglich, so Sarts. Twitter und Facebook gelten dabei noch als sicherste soziale Netzwerke - gerade weil Manipulationen hier besonders beliebt seien, unternähmen diese Netzwerke am meisten dagegen. "YouTube und Instagram dagegen sind nicht sehr gut geschützt. Nach unserer Einschätzung ist aber TikTok die unsicherste der fünf von uns untersuchten Plattformen", so Sarts. 

Es fehlt die internationale Regulierung

Das Pushen von Likes und Abonnenten verstößt dabei gegen keine Gesetze. Soll dies auch künftig so bleiben? "Wenn man mich als Forscher nach meiner Meinung fragt," sagt Rolf Fredheim, "dann gibt es keinen Grund dafür". Der Experte ist der Ansicht, dass die europäischen Regulierungsbehörden solche Likes-Börsen in der EU verbieten sollten.

Janis Sarts ist überzeugt, dass die Internetgiganten selbst effektiver gegen Bots und Manipulationen vorgehen könnten. Dies erfordere jedoch ein System, das staatlichen oder internationalen Strukturen erlauben würde zu prüfen, inwieweit soziale Netzwerke ihre Arbeit erledigen, um Bots zu bekämpfen. Diejenigen, die den Benutzern keine Möglichkeit bieten, klar zwischen menschlicher und automatisierter Aktivität zu unterscheiden, sollten mit "schweren Strafen" rechnen müssen, so Sarts.

"Soziale Netzwerke sind zu einem Ort geworden, an dem öffentliche Debatten stattfinden. Und wenn dort Manipulationen möglich sind, dann untergräbt dies den demokratischen Prozess", so Sarts. Der Schlüssel zur Bekämpfung solcher Börsen bestehe darin, ihre Dienste so teuer zu machen, dass sie sich nicht mehr lohnen. Doch bis dahin ist noch ein langer Weg, sagt Rolf Fredheim: "Facebook und Twitter haben in den letzten Jahren viel getan, auf diesen Plattformen ist es schon schwieriger, Manipulation zu betreiben. Aber insgesamt ist es immer noch relativ einfach - und ziemlich billig."

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk