DW-Campus-Projekt: ″Heute würde Beethoven Elektro machen″ | Musik | DW | 20.09.2018
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Beethovenfest

DW-Campus-Projekt: "Heute würde Beethoven Elektro machen"

Bernhard Schimpelsberger und Rakesh Chaurasia haben ein gemeinsames Stück für das Campus-Projekt des Beethovenfestes komponiert. Vor der großen Premiere am Donnerstagabend haben sie erklärt, wie "Kismet" entstanden ist.

Indien Campus Mumbai (DW/A. Boutsko)

Bernhard Schimpelsberger (l.) und Rakesh Chaurasia (r.)

Jedes Jahr vergibt die Deutsche Welle im Rahmen des Campus-Projektes einen Kompositionsauftrag. Diesmal ging er erstmals an zwei Künstler gleichzeitig: den gebürtigen Österreicher Bernhard Schimpelsberger und den indischen Komponisten Rakesh Chaurasia. Ihr - teils notiertes, teils improvisiertes - Stück heißt "Kismet". Es kombiniert Texturen der Bansuri-Flöte, der Perkussion und eines Sinfonieorchesters. Ein gewagtes Experiment.

DW: Herr Chaurasia, Herr Schimpelsberger, Sie haben gemeinsam "Kismet" komponiert, ein Musikstück, das von der DW in Auftrag gegeben wurde. Kismet bedeutet "Schicksal". Dies ist das erste Mal, dass die DW gleich zwei Künstler beauftragt hat, ein Musikstück zu schreiben. Wie haben Sie diese Idee praktisch umgesetzt?

Bernhard Schimpelsberger: Ich würde sagen, dass der Kern des Stücks von Rakesh stammt, weil es indische klassische Melodien sind. Ich wusste, dass wir nur dann in der Lage sind, etwas Kraftvolles zu schaffen und zu erschließen, wenn wir einen starken Kern haben. Sonst wäre es nur eine Kombination aus verschiedenen Sounds oder Ideen. Rakesh hat also den Kern beigesteuert.

Rakesh Chaurasia: Und die Akkorde kommen von Bernie. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit. Man kann gar nicht sagen, wer was gemacht hat, denn alles, was wir hinzufügen, ist wie eine Verzierung. Das Stück wird immer schöner. Und wir versuchen bis zum letzten Atemzug, die Musik so schön wie möglich zu machen.

Bernhard Schimpelsberger: Ich möchte noch etwas hinzufügen: Es ist fast so, als würde man sich ein Gemälde ansehen. Das Thema des Bildes stammt von Rakesh. Aber dann gibt es noch viele verschiedene Räume, viele verschiedene Dimensionen, die sich durch das Gemälde öffnen und die den Kontext bilden. Das war für mich ein sehr wichtiger Gedanke: Vielleicht gibt es eine indische klassische Melodie, die seit Jahrhunderten so gespielt wird. Aber durch den Wechsel des Kontextes öffnet sich eine andere Welt, und diese Melodie klingt plötzlich anders. In gewisser Weise ist es das, was wir getan haben. In der indischen klassischen Musik arbeitet man an einer Emotion, und dann geht man damit wirklich in die Tiefe. Während man in der westlichen klassischen Musik, in der Sinfonie, alle Gefühle erleben kann: von Freude bis Frustration und Schmerz. Und das war mein Ziel: zu versuchen, verschiedene Emotionen hinter dieser sehr starken Musik zu erzeugen, die Rakesh beigesteuert hat.

Bundesjugendorchester beim Gastspiel im Mumbai (Goethe Institut/F. Hörter)

Im Januar 2018 gab das Bundesjugendorchester ein Gastspiel in Mumbai


Wir haben Ihre Partitur, und man kann sie auf den Notenständern der Musiker des Bundesjugendorchesters sehen. Aber Musik in Indien hat keine musikalische Notation. Das bedeutet, dass "Kismet" teilweise aufgeschrieben und teilweise improvisiert ist. Können Sie erklären, wie das funktioniert?

Rakesh Chaurasia: Dieses Notenbuch ist eine Herausforderung für mich, denn wir sind es nicht gewohnt, auf der Bühne gleichzeitig zu lesen und zu spielen. Von klein auf dreht sich im Unterricht der indischen Klassik alles um Improvisation. Wenn wir also jeden Tag dasselbe Stück spielen, sind wir darauf trainiert, es immer wieder auf eine neue Art und Weise zu spielen. Wir können bis zu zweieinhalb Stunden ein Solokonzert spielen, ohne eine Phrase zu wiederholen.

Heute erleben wir einen besonderen Moment in der Musikgeschichte, denn dies ist das erste Werk, das für Bansuri-Flöte und Sinfonieorchester geschrieben wurde. Herr Chaurasia, Sie spielen die Bansuri. In der indischen klassischen Musik ist das ein neues Instrument. Wodurch zeichnet sich die Bansuri aus?

Rakesh Chaurasia: Es ist etwas herausfordernd für mich, weil die Bansuri, die Bambusflöte, nicht in einer Fabrik hergestellt wird. Also ist sie nicht besonders gut gestimmt. Ich muss mich ständig anpassen, denn das Orchester hat eine Tonhöhe von genau 440 Hertz. Außerdem reagiert mein Instrument auf das Wetter. Wenn es zu kalt ist, klingt es etwas flach. Bei Hitze klingt es hoch. Das muss ich kontrollieren. Aber es macht Spaß, weil die Flöte ein Instrument ist, das mit jedem anderen Instrument sehr gut harmoniert. Ihr Fluss und ihr Klang sind sehr wohltuend. Gleichzeitig kann sie aggressiv sein. Sie ist eines der Instrumente, das in mehreren Zivilisationen auf der ganzen Welt unter verschiedenen Namen bekannt ist. Es gibt die Shakuhachi, die Blockflöte, die Silberflöte, es gibt die Bambusflöte auch mit Tasten - jeder kennt dieses Instrument, aber die Musik ist immer anders.

Dieses Projekt ist ein Abenteuer. Was bedeutet dieses Abenteuer für Sie?

Rakesh Chaurasia: Wir hoffen, dass die Zuhörer unser Stück akzeptieren und positiv aufnehmen. Schließlich sind sie es gewohnt, alte Kompositionen zu hören, die schon seit Ewigkeiten auf dem Markt sind, und fantastische Orchester spielen diese ganze Beethoven-Musik. Ein neues Musikstück muss wie ein Sahnehäubchen sein. Es muss heller strahlen und gut klingen. Am Ende sollte die Musik das Publikum erreichen. Wenn wir von Herzen spielen, sollte es die Herzen aller berühren.

Bernhard Schimpelsberger: Für mich ist es ein Traum, der wahr wird. Es ist ein Projekt auf so vielen Ebenen. Es geht darum, das zu tun, was heutzutage getan werden muss: Wir müssen die Welt von Beethoven und die Geschichte dahinter verstehen und in Betracht ziehen, dass die klassische Musik wachsen muss. Beethoven wäre heutzutage ein Abenteurer. Er würde wahrscheinlich auch elektronische Musik für Computerspiele oder so etwas machen. Oder Hollywood-Partituren oder was auch immer - etwas Abenteuerliches. Das ist wirklich inspirierend für uns. Und dann die Arbeit mit jungen Menschen, die ist einfach toll. Das sind so offene und sehr talentierte Menschen. Und ich hoffe, dass wir ihnen etwas geben können, das sie inspiriert, weiterzumachen und bessere Musiker zu werden und hart zu arbeiten.

Bernhard Schimpelsberger, Perkussionist britisch-österreichischer Abstammung, spielt und komponiert genreübergreifende Musik. Rakesh Chaurasia ist Komponist und Virtuose der indischen Bansuri-Flöte. Gemeinsam haben Schimpelsberger und Chaurasia im Auftrag der DW das Stück "Kismet" geschrieben. Der Titel bedeutet "Schicksal", genau wie das Motto des diesjährigen Beethovenfestes.

Das Gespräch mit den Musikern führte Anastassia Boutsko.

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