Durch die Decke: Warum Kosten von Kulturbauten so häufig explodieren | Kunst | DW | 31.01.2020
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Architektur

Durch die Decke: Warum Kosten von Kulturbauten so häufig explodieren

Die Elbphilharmonie in Hamburg, die Kölner Oper oder die Beethovenhalle in Bonn: Viele Prestigeobjekte im Kunstsektor ufern zu Bauskandalen aus. Kostenexplosionen und ewige Bauzeiten - was läuft da falsch?

Es hätte so schön sein können: Pünktlich zu Beethovens Jubeljahr sollte die denkmalgeschützte Beethovenhalle saniert und zum Hauptspielort der Feierlichkeiten werden. Seit 2016 wird an und in dem Nachkriegsbau, in dessen Grundstein 1956 ein Gefäß mit Erde von Beethovens Grab eingemauert wurde, gewerkelt. Zwei Jahre sollte die Sanierung dauern und stolze 60 Millionen kosten. Vier Jahre später liegen die geschätzten Kosten bei 166 Millionen Euro, die Fertigstellung wurde auf das Jahr 2024 verschoben.

Im Klartext heißt das: Die Sanierungskosten haben sich fast verdreifacht, die Bauzeit vervierfacht. Darunter leiden nicht nur die öffentlichen Kassen, die die Mehrkosten stemmen müssen, sondern auch die Kulturschaffenden. So bleibt das Beethoven Orchester weiterhin ohne eigenes Haus, spielt mal auf einem Indoor-Campingplatz, mal bei der Telekom oder im früheren Kanzlerbungalow.

Die angerüstete Beethovenhalle mit Baukran in Bonn (Foto: picture alliance/dpa/O. Berg)

Und ewig grüßt die Baustelle: Die Beethovenhalle wird seit 2016 saniert

Bauliches Pech ist nicht die einzige Ursache

Wie kann das sein? Wie kann eine öffentlich finanzierte Sanierung derart aus dem Ruder laufen? "Ich sehe eine Vielzahl von Gründen, die unglücklich ineinandergegriffen haben", erklärte jüngst Lutz Leide, Chef des Städtischen Gebäudemanagements Bonn. Sicherlich ist es ein ausgesprochenes bauliches Pech, wenn sich während der Arbeiten etliche Hohlräume auftun, Asbest und vermeintliche Weltkriegsbomben entdeckt werden. Doch selbst jeder Häuslebauer weiß: Beim Bauen - und erst Recht beim Sanieren - geht immer etwas schief.

Auf die sarkastische Nachfrage seitens des Bürger Bundes Bonn während einer Sondersitzung im Dezember 2019, ob die Beethovenhalle denn wenigstens zum 200. Todestages des Komponisten im Jahre 2027 fertig werde, antwortete der Stadtdirektor Wolfgang Fuchs: "Ich garantiere für nichts mehr."

Längere Bauzeiten und steigende Kosten keine Seltenheit

Es klingt wie eine Kapitulation. Als ob öffentliche Sanierungsvorhaben weder kontroll- noch steuerbar sind. Wie kommt es gerade in einem Land wie Deutschland, das für seine Ingenieursleistungen, Sparsamkeit und Pünktlichkeit bekannt ist, zu solchen Bankrotterklärung? Das "teure Fass ohne Boden", wie der Bund der Steuerzahler (BdSt) die nicht enden wollende Sanierung der Beethovenhalle nennt, ist keine Ausnahme - sondern "traurige Regelmäßigkeit".

Von den 34 aktuellen Baumaßnahmen des Bundes, darunter viele im Kulturbereich, kommt es bei fast der Hälfte zu Verzögerungen. Bei rund 40 Prozent steigen die Kosten teilweise erheblich: von zwölf Prozent für die Sanierung der Staatsbibliothek zu Berlin bis zu 84 Prozent für die Grundinstandsetzung des Berliner Pergamonmuseums. "Wenn fast jeder zweite Bundesbau den Termin- und Kostenrahmen sprengt, läuft etwas gewaltig schief", schreibt der Bund der Steuerzahler in seinem aktuellen Schwarzbuch.

Erst denken, dann bauen

Für Wesko Rohde beginnt diese Schieflage bereits ganz am Anfang: in der Planungsphase. "Es wird nicht vorab geprüft: Was braucht der Nutzer? Stattdessen werden Regelungen abgearbeitet, die auf einer langen Agenda stehen. Und die haben nicht immer unbedingt etwas mit dem zu sanierenden Gebäude zu tun." Rohde ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft und hat mehrfach miterlebt, wie Theaterhäuser viel zu kosten- und zeitintensiv saniert wurden. "Meist wird dann noch von der Politik eine Zahl vorgegeben, was so ein Bauvorhaben kosten darf und dann wird irgendwie versucht, dieses Soll zu erfüllen."

Kein Wunder, dass es bei so einem Zahlenspiel zu Kostenexplosionen kommt. Beispiel Elbphilharmonie: Kurz vor Vertragsunterzeichnung reichten der Hamburger Senat und die Bürgerschaft umfassende Änderungswünsche ein. Ein vergrößerter Kassenbereich, ein weiterer Konzertsaal und eine Cafeteria - die Extrawünsche kamen zu diesem Zeitpunkt viel zu spät und mussten während des Baus umgesetzt werden.

Stadtansicht Hamburg vom Wasser aus mit Elbphilharmonie und Schiffen (Foto: picture alliance/ImageBROKER/S. Kuttig).

Die "Elphi" in Hamburg schaffte es unter die internationalen Top Ten der Preisexplosionen bei Großprojekten

Das kostenintensive Ergebnis ist bereits Legende und schaffte es in die internationalen Top Ten der Preisexplosionen bei Großprojekten. Darunter finden sich außerdem das Schottische Parlamentsgebäude, die Oper in Sydney und das Olympiastadion in Montreal. Angesetzt mit 77 Millionen Euro beliefen sich die Kosten der Elphi, wie die Hamburger ihre Elbphilharmonie nennen, am Ende auf mehr als 850 Millionen Euro. Das ist mehr als das elffache der ursprünglichen Summe.

Auch der Bund der Steuerzahler spricht sich für mehr Denkleistung im Vorfeld aus. "Gründliche Wirtschaftlichkeitsuntersuchung"  fordert der Verein und bemängelt: "Oft gibt es bereits eine politisch favorisierte Lösung - beispielsweise ist ein teurer Neubau geplant, obwohl eine Sanierung oder eine Anmietung existierender Gebäude wirtschaftlicher wäre." Doch diese Alternativen würden nicht geprüft oder bewusst schlecht gerechnet werden, "sodass am Ende das politisch gewünschte Ergebnis herauskommt."

Zwangsläufig drängt sich hier die Kontroverse um die "Kulturscheune" in Berlin auf. Die Neubaukosten des künftigen Museums der Moderne verdoppelten sich noch vor dem ersten Spatenstich auf 450 Millionen Euro. Für eine realistische Planung bedürfe es keiner neuen Arbeitsanweisungen oder Leitfäden - davon gebe es genug. Sie werden von den Bauverantwortlichen schlichtweg ignoriert, so der BdSt.

Kostenehrlichkeit zahlt sich aus

Frankfurt am Main geht da als gutes Beispiel voran: Bei der anstehenden Neuplanung der Städtischen Bühnen wurde mit einer Machbarkeitsstudie geprüft, was eine Sanierung, eine Teilsanierung oder ein Neubau kosten würde - und lag bei jeder Lösung bei mehr als 800 Millionen Euro. "Da kam es natürlich zu einem großen Aufschrei. Dabei darf man nicht vergessen: Es geht hier um ein riesengroßes Haus mit 1200 Mitarbeitern", sagt Rohde von der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft.

Was ihn bei der Diskussion um explodierende Baukosten nervt, ist die ständige Reduktion auf Zahlen. Als Berater für Sanierungsvorhaben im Theaterbereich ist er überzeugt: Im ersten Schritt sind sie überflüssig. Wichtig seien Fragen nach dem Ort, den Menschen, die dort arbeiten und den Menschen, die ihn nutzen. Welche Anforderungen brauchen sie? Wie soll dieser Ort in 30 Jahren aussehen, welche Rolle soll er dann spielen? Antworten auf diese Fragen, so ist sich Rohde sicher, würden Kosten sparen. Um hier die dringend nötigen Standards zu etablieren, veröffentlichte der Fachverband Deutsche Theatertechnische Gesellschaft einen Sanierungsleitfaden für Theaterbauten.

Außenansicht der Städtischen Bühnen von Schauspiel Frankfurt und Oper am Willy-Brand-Platz (Foto: Imago Images/brennweiteffm)

Sanieren, Teilsanieren, Neubauen? Die Entscheidung über die Zukunft der Frankfurter Bühnen steht noch aus - die Kosten sind allerdings schon ehrlich beziffert

Anschließend folgt die weitere Planung. Bei Rohde ist sie digital: Mit dem sogenannten Building Information Modeling (BIM) lassen sich Bauvorhaben sehr genau visualisieren, prüfen und - erneut - Kosten einsparen. Laut Bund der Steuerzahler sollte die Planungsmethode BIM längst Standard sein, stattdessen steckt sie "in den Kinderschuhen". Andere Länder sind da weiter: In Großbritannien beispielsweise müssen seit 2016 alle nationalen Bauvorhaben mit BIM geplant werden - damit verspricht man sich Kosteneinsparungen von 20 Prozent. 

Kein falscher Geiz

Ein weiteres Problem beim öffentlichen Bauen in Deutschland: das Vergabeverfahren. Bauherren sind angehalten, demjenigen Anbieter den Zuschlag zu erteilen, der das günstigste Angebot macht. Dabei braucht es keinen hohen Sachverstand, um zu wissen, dass billig in vielen Fällen eben nicht gut ist - und im schlimmsten Fall sogar zusätzliche Kosten verursacht. Hinzu kommt: Ist eine Baustelle im Verzug, können bereits beauftragte Firmen abspringen. Eine erneute Ausschreibung wird fällig.

Außenansicht mit Bauzaun der Oper Köln (Foto: picture alliance/dpa/H. Galuschka).

Ein Trauerspiel: Fehlerhafte Sanierung von Oper und Schauspiel in Köln

Ein derartiges Durcheinander durchlebten die Oper und das Schauspielhaus in Köln. Saniert wird hier bereits seit acht Jahren, auch hier verdoppelten sich die Sanierungskosten auf mittlerweile 554 Millionen Euro. Beschäftigt hatte man 2012 kein Generalunternehmen, sondern 63 einzelne Firmen und Gewerke. Doch dann wurde das Verlegen moderner Haustechnik in das denkmalgeschützte Gebäude komplexer als gedacht. Getoppt mit fehlerhaften Ausführungen war das Baustellenchaos perfekt. Als die geplante Neueröffnung 2015 in weite Ferne rückte, setzte ein Dominoeffekt ein: Mit neuem Zeitplan mussten auch neue Verträge mit den Firmen abgeschlossen oder gänzlich neu beauftragt werden - die Preise waren in der Zwischenzeit natürlich gestiegen.

Damit unerwartete Überraschungen künftig nicht mehr die komplette Sanierung lahmlegen, entschied man sich für einen Neuanfang. Auf der Kölner Opernbaustelle heißt es jetzt: Erst gründlich planen, dann bauen. Die Neueröffnung ist nun für 2023 anvisiert.

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