″Dolmetscher sind sehr schlechte Spione″ | Europa | DW | 03.01.2019
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Dolmetscher und Politik

"Dolmetscher sind sehr schlechte Spione"

Polens Staatsanwaltschaft will die Ex-Dolmetscherin von EU-Ratspräsident Donald Tusk verhören. Können Übersetzer zum Geheimnisverrat gezwungen werden? Ein Interview mit der Konferenzdolmetscherin Isabella Gusenburger.

Finnland Helsinki - Donald Trump im Gespräch mit Vladimir Putin (picture-alliance/AP Photo/P. M. Monsivais)

Im Juli geriet auch US-Präsident Trumps Dolmetscherin Marina Gross (l.) ins Visier der Politik

Fast neun Jahre ist es her, dass beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine nahe der russischen Stadt Smolensk 96 Menschen starben, darunter der damalige Präsident Lech Kaczynski und ranghohe Militärs. Die polnische PiS-Regierung geht von einem Attentat aus, seit 2017 wird in dem zuvor abgeschlossenen Fall erneut ermittelt.

Im Fokus der Untersuchungen steht auch EU-Ratspräsident Donald Tusk, damals polnischer Premierminister. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Landesverrat vor. Sie möchte wissen, was er nach dem Absturz mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin besprochen hat. Auch die bei den Gesprächen anwesende Dolmetscherin Magdalena Fitas-Dukaczewska soll verhört werden. In einem Beitrag des Deutschlandfunks sagte sie, sie wolle nicht aussagen, selbst wenn die Regierung sie von ihrer Schweigepflicht entbinden würde. Das würde ihre Glaubwürdigkeit und die anderer Dolmetscher erschüttern.

Isabella Gusenburger arbeitet seit 24 Jahren als Konferenzdolmetscherin, unter anderem für die Bundesregierung. Sie hat häufig in Vier-Augen-Gesprächen gedolmetscht.

DW: Frau Gusenburger, hätten Sie an der Stelle Ihrer Kollegin Frau Fitas-Dukaczewska genauso gehandelt?

Isabella Gusenburger: Ich hätte natürlich versucht, mich vorher juristisch abzusichern, aber im Übrigen wäre mein Bestreben gewesen, es genauso zu machen, selbstverständlich. Das gehört zu den Grundprinzipien unseres Berufes, so wie es Frau Fitas-Dukaczewska gesagt hat: dass wir Vertraulichkeit garantieren. Es ist ganz wichtig, dass die Gesprächspartner uns vertrauen können, dass wir nichts nach außen geben.

 Russland - Vladimir Putin und Donald Tusk beim Absturzort der Tu-154 in Smolensk (Getty Images/AFP/A. Nikolsky)

Wladimir Putin (l.) und Donald Tusk bei einer Videokonferenz am Absturzort der polnischen Maschine am 10. April 2010

In dem "Kodex der Berufsethik" des Internationalen Verbands der Konferenzdolmetscher (AIIC), dem Sie angehören, heißt es, Dolmetscher seien bei nicht öffentlichen Veranstaltungen an "strengste Verschwiegenheit gebunden". Gibt es Ausnahmen, etwa bei Gesprächsinhalten, die möglicherweise strafrechtlich relevant sind?

Das ist natürlich der springende Punkt. Es hat einmal eine Diskussion darüber gegeben, ob man Dolmetscher theoretisch von der Verschwiegenheitspflicht entbinden könnte. Ich habe mich nicht spezifisch mit dieser Diskussion befasst, weil ich das nicht musste. Ich hatte nie einen Fall, in dem es kritisch für mich geworden wäre. Ich weiß aber, dass es verschiedene juristische Interpretationen gab, dass es damals durchaus Menschen gab, die gesagt haben, Dolmetscher könne man in solchen Fällen von der Verschwiegenheitspflicht entbinden, sie sei rechtlich nicht so fest verankert wie zum Beispiel bei Ärzten oder Rechtsanwälten.

Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, ob diese Diskussion weiterverfolgt wurde, so weit, dass man zum Beispiel für Deutschland eine klare juristische Antwort gefunden hat. Aber unser Bestreben ist natürlich immer, dass wir von der Verschwiegenheitspflicht nicht entbunden werden können.

Wer nicht verschwiegen ist, muss mit Sanktionen rechnen

Handelt es sich bei diesem Grundsatz um eine freiwillige Selbstverpflichtung oder kann man rechtlich belangt werden, wenn man gegen ihn verstößt?

Inwiefern er sanktionsbewehrt ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Wir müssen allerdings häufig für bestimmte Sitzungen oder grundsätzlich für ein Ministerium oder eine staatliche Stelle Verschwiegenheitserklärungen unterschreiben. Die sind in irgendeiner Form sanktionsbewehrt, in der Wirtschaft oftmals zum Beispiel mit der Erstattung des finanziellen Schadens, der entstehen und der ja enorm hoch sein kann, wenn irgendwo etwas herauskommt. Bei der Bundesregierung oder bei staatlichen Stellen sind es andere Sanktionen.

Welche Regeln müssen Dolmetscher bei vertraulichen Gesprächen noch beachten?

Die Vertraulichkeit ist insbesondere bei brisanten politischen oder wirtschaftlichen Gesprächen oftmals etwas weiter gefasst. Sie bezieht sich nicht ausschließlich auf den Inhalt des Gesagten, sondern auch zum Beispiel auf den Ort, an dem ein Gespräch stattfindet, oder einen Zeitpunkt. Das hängt oft mit der Sicherheit zusammen.

Häufig erfährt der Dolmetscher im Voraus, dass sich irgendjemand mit irgendjemandem irgendwo trifft. Die Öffentlichkeit soll das aber nicht erfahren, weil es zum Beispiel ein Anschlagsrisiko gibt. Um die Sicherheit zu gewährleisten, wird ein solches Treffen erst im Nachhinein bekanntgegeben und auch der Dolmetscher darf nicht vorher hinausposaunen, wohin er fährt und mit wem er sich trifft.

Haben Sie in Ihrer Laufbahn erlebt, dass Dolmetscher unter Druck gesetzt wurden, Informationen preiszugeben? Wenn ja, von wem?

Es gab in meiner beruflichen Laufbahn kleinere Situationen, in denen zum Beispiel Journalisten in die Kabine hereingekommen sind und gesagt haben: "Sie haben den Redetext von Präsident oder Minister So-und-so im Voraus bekommen, können wir den jetzt haben?" Das sind Situationen, in denen man, wenn man als Dolmetscher noch ganz unerfahren ist, in die Versuchung kommen könnte, so einen Text weiterzugeben. Das tun wir aber nicht. Wir verweisen immer auf die jeweiligen Mitarbeiter, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sind.

Isabella Gusenburger - Konferenzdolmetscherin (Lotte Ostermann)

Isabella Gusenburger arbeitet als Konferenzdolmetscherin in den Sprachen Deutsch, Polnisch, Russisch und Spanisch

Magdalena Fitas-Dukaczewska ist nicht die erste Dolmetscherin, die unter Druck gesetzt wird, Inhalte aus vertraulichen Gesprächen zu verraten. In den USA forderten die Demokraten im Juli, dass die Dolmetscherin von Präsident Donald Trump vor dem Kongress zu dessen Vier-Augen-Gespräch mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Helsinki aussagt. Sind derartige Situationen aus Ihrer Sicht Einzelfälle oder handelt es sich um ein verbreitetes Phänomen?

Ich denke, das sind Einzelfälle, jedenfalls in dieser Form, wenn man wirklich nicht weiß, wie man sich verhalten soll, wenn von geschulten Juristen behauptet wird, man müsse aussagen und andere Juristen sagen, man solle ruhig bleiben. So einen Fall habe ich selbst noch nie erlebt. Ich kenne auch keine Kollegen, die das erlebt haben. Das ist nach meinem Dafürhalten schon etwas ganz Seltenes. Es kommt manchmal vor, dass man aus einem Vier-Augen-Gespräch kommt und jemand aus der Delegation fragt, worüber gesprochen wurde. Auch in solchen Fällen sagen wir: "Der persönliche Mitarbeiter des Ministers war dabei, fragen Sie doch den."

"Wir merken uns nicht, was gesagt wurde"

Was uns übrigens in der Praxis enorm hilft, ist, dass wir uns bei diesen Vier-Augen-Gesprächen in der Regel die Dinge, die wir dolmetschen, nicht merken können. Wir können uns eigentlich immer mit Fug und Recht darauf berufen, dass wir uns gar nicht mehr richtig an das erinnern können, was gesagt wurde.

Wie meinen Sie das?

Das Konsekutivdolmetschen ist die am meisten angewendete Dolmetschart bei solchen Gesprächen. Man dolmetscht ohne Technik, nur mit einem Notizblock. Die Dolmetscher-Notizentechnik ist nur zuverlässig innerhalb der nächsten zehn Minuten deutbar, weil sie mit Symbolen arbeitet, die nur Gedächtnisstützen sind, Hinweise auf memorisierte Inhaltsbausteine, die in der Situation ergänzt werden müssen.

Wenn wir Stunden oder gar Monate oder wie im Fall von Frau Fitas-Dukaczewska Jahre später gefragt werden, was gesagt wurde, können wir meistens wahrheitsgemäß sagen: "Das weiß ich nicht mehr." Und unser Gehirn ist so gestaltet, dass man bei dieser Konzentration die vorangehende Information sofort löscht, um die nächste aufnehmen zu können. Das heißt, Dolmetscher sind sehr schlechte Spione.

Sie würden also Ihre eigenen Notizen eine Woche später nicht mehr entziffern können?

Man kann ungefähr sagen, um was es ging, aber den vollständigen Sinn wird man daraus nicht mehr ermitteln können.

Isabella Gusenburger ist Dolmetscherin für Deutsch, Polnisch, Russisch und Spanisch.

Das Gespräch führte Helena Kaschel.

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