Djane Yo-C - ein Leben für Musik | Generation 25 | DW | 20.09.2015
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Generation 25

Djane Yo-C - ein Leben für Musik

Sie rockt die Clubs von Leipzig bis München, von Hamburg bis Berlin. Josephine Müller steht an den Turntables - mit Hip Hop und Vinyl. Ihre DJ-Karriere begann mit einem Nachwuchswettbewerb und einem Plattenspieler.

Das Täubchenthal liegt etwas außerhalb des Leipziger Stadtzentrums. Eine angesagte Konzertlocation zwischen alten Lagerhallen und Fabrikgebäuden. In der Halle wabert Nebel, aus großen Lautsprechern wummern Bässe. Ganz vorne auf der Bühne ein Tisch, darauf jede Menge Technik. Dahinter bewegt sich Josi zum Rhythmus, dreht an Knöpfen und bearbeitet die Plattenteller. Vor ihr tanzen die Leute. Jeder Übergang wird vom Publikum beklatscht, manche laufen zu ihr ans Pult, wünschen sich Songs, zeigen ihr den erhobenen Daumen. Josephine, genannt Josi, alias Djane Yo-C, gehört zu den besten weiblichen Hip Hop-Djs in Deutschland.

Generation 25 - Josephine Müller alias Djane Yo-C

Wenn Djane Yo-C das Haus rockt, kann auch sie nicht still stehen bleiben

Josi ist zierlich, natürlich und offen. Und eigentlich will sie lieber DJ Yo-C sein, nicht Djane. Diesen Begriff, meint sie, haben die It-Girls aus der Schickimicki-Szene verbrannt. Mit "Kolleginnen" wie Paris Hilton oder Ballermann-Micaela möchte Josi nicht verwechselt werden.

Josi arbeitet hart an ihren Sets, bereitet sich stundenlang auf ihre Auftritte vor; wenn etwas schief läuft, bekommen es alle mit, da drückt keiner im Hintergrund mal ein Notknöpfchen. Das Auflegen ist richtiges Handwerk: Kreativität, Musikalität, ein sicheres Rhythmusgefühl und ein großes Repertoire sind nötig, um in diesem Job erfolgreich zu sein.

"Für 'ne Frau ziemlich gut"

Egal ob Mann oder Frau. "Wenn die im Publikum sehen, dass ich nicht nur so ein Mädchen bin, sondern dass ich auch was kann, dann finden die das schon ziemlich gut." Natürlich habe es anfangs Lästereien gegeben, wenn es mal einen unsauberen Übergang gab. Mittlerweise höre sie sowas aber kaum noch. "Nur manchmal gibt’s noch so Sprüche: 'Das ist echt super obwohl du 'ne Frau bist'. Oder 'Für 'ne Frau ziemlich gut'".

Sprüche ertragen, überhören, höflich bleiben und bei besonders dummen Anwürfen einfach Ruhe bewahren, auch das gehört zu den Gaben, die ein guter DJ mitbringen muss. Längst kursieren in DJ-Kreisen aus der ganzen Welt die besten Gästesprüche. Auch Josi hat da ihre Favoriten: "Da hat sich mal einer ein Bier bei mir bestellt, weil er dachte, ich bin die Theke. Das hat mir gut gefallen. Und sonst Sachen wie: 'Spiel mal den und den Track, ich weiß dann ganz genau, dass dann alle tanzen'. Und noch besser: "Spiel mal den und den Track, ich muss nämlich gleich gehen'. Und auch ganz klasse: 'Entschuldigen Sie, kann ich mir bei Ihnen was wünschen?' Und ich so, 'wie sehe ich denn bitte aus, ich bin 26, da kann man mich schon noch duzen'. Aber ehrlich gesagt sieht man da auch, dass die jungen Leute Anstand haben."

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Yo-C zeigt in ihrem Homestudio mal kurz, wie das Mixen funktioniert

"Mein Gehirn funktioniert erst nachmittags"

Josi legt drei bis vier Mal die Woche auf. Oft ist sie erst gegen 8 Uhr morgens zu Hause. "Ich schlafe sehr sehr lange. Jeden Tag. Mein Gehirn und mein Kreislauf funktionieren erst so ab 16 oder 17 Uhr. Dann fange ich an Musik rauszusuchen und zu hören. Dann lege ich ein bisschen auf, bereite mich fürs Wochenende vor, übe neue Mixe und Übergänge und so weiter. Und dann gehe ich auch sehr sehr spät ins Bett."

Manchmal tritt Josi am Wochenende auch mit ihrer Band "Cover, Girl!" auf. "Da singe ich und spiele sehr schlecht Xylophon. Aber es sieht sehr nett aus, wenn ich es mache", grinst sie.

Meistens wird sie als Doppelpack gebucht, erst mit ihrer Band, dann als Djane - auf Geburtstagen oder Hochzeitspartys. "Auf Hochzeiten, da sind ja alle Menschen immer ultraglücklich; unsere Bandauftritte sind meistens tagsüber, ich singe meine vier Lieder und dann, wenn abends die Party ist, hat meine Band Feierabend und ich lege den Rest des Abends auf. Das ist natürlich Kontrastprogramm. Ich alleine, alle Leute gucken mich an, Megaparty, vier Stunden am Stück konzentrieren und Aufmerksamkeit. Das mag ich – und das brauche ich auch. Ohne die Abwechslung wäre es öde."

Trotzdem schafft Josi es nebenbei noch, ihr Medienkunst-Studium zu Ende zu bringen. Sie steckt gerade mitten in ihrer Bachelorarbeit - eine Filmdokumentation über Obdachlose in Leipzig. Sie ist aber froh, wenn sie das hinter sich hat. Dann kann sie sich um ihre eigentliche Berufung kümmern: Sie ist und will Musikerin bleiben. Sie legt nicht nur auf, sondern schreibt auch eigene Sachen und will später auch Musik produzieren. Momentan verdient sie genug, um ein gutes Leben zu führen. Zusammen mit ihrer Katze Uschi, die sie über alles liebt, in ihrer hübschen Altbauwohnung in der Leipziger Südvorstadt, einem Szeneviertel, in dem in unzähligen Bars, Cafés und Clubs das studentische Nachtleben tobt.

"Ich sehe Deutschland als Ganzes"

Josi liebt ihre Heimatstadt. Auch wenn ihr noch gar nicht so lange bewusst ist, dass hier die "Friedliche Revolution" begann, dass die Leipziger Montagsdemonstrationen das Ende der DDR einläuteten. "In Leipzig gibt es erst seit drei, vier Jahren Gedenktafeln, auf denen man lesen kann, was an welchen Orten so passiert ist. Da habe ich mir das erst mal durchgelesen und da fing ich erst an, mich damit zu beschäftigen." Und es macht sie auch ein bisschen stolz auf ihre Stadt.

Dass am 3. Oktober die Deutsche Einheit gefeiert wird, ist für Josi nicht wichtig. Es ist ein ganz normaler Feiertag, der Tag, vor dem sie meistens einen Job hat. Mehr nicht. "Ich sehe dieses Deutschland als Ganzes. Trotzdem begegnen mir manchmal Vorurteile, wenn ich in den Westen komme, nach dem Motto: Oh, du sächselst ja gar nicht."

Im Westen mehr Schickimicki

Manchmal aber sieht sie selbst Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen - äußerliche: "Wenn ich zum Beispiel in Frankfurt mal ins Publikum gucke, sehe ich tatsächlich viele krasse Schickimicki-Mädels, übelst künstlich und so hohe Schuhe, und so knappe Kleider... Das gibt es hier in Leipzig gar nicht. Ich bin ja auch nicht so. Gerade was Markentaschen und so’n Scheiß angeht, da habe ich überhaupt gar keinen Bezug zu. Aber sonst machen sie genau so gut Party und sind superfreundlich – also vom Wesen her ist da kein großer Unterschied."

Bei Rassismus hört der Spaß auf

Wenn Josi über Deutschland nachdenkt, kann sie auch richtig sauer werden. "Rassismus ist ja großes Thema hier im Osten. Und jetzt umso mehr, weil so viele Flüchtlinge herkommen. Hier ist jede Woche irgendwo 'ne Kundgebung. Heidenau ist ja hier um die Ecke und man sieht ja, was da los ist. Man muss sich ja nur anhören was die Leute da quatschen, da wird einem ja schlecht von."

Wenn Josi im Westen auf Tour ist, erlebe sie viel mehr Multikulti als im Osten, erzählt sie. "Hier gibt überhaupt nicht so viele Ausländer – und die Leute haben trotzdem so eine Angst davor. Gerade auf den Dörfern. Es sind ja nur Deutsche dort. Ich weiß nicht, wovor die so 'ne Angst haben. Und wenn man dann in den Westen geht, habe ich das Gefühl, dass das Miteinander viel besser funktioniert."

Gerade hat Josi bei einer Antirassismus-Aktion mitgemacht. Ein befreundeter Fotograf hat Personen aus Leipzig aus den verschiedensten Branchen porträtiert und sie mit entsprechenden Texten dazu ins Netz gestellt. Die Aktion "Zeig dich! Gegen Hetze und Rassismus" hat großen Anklang gefunden - Leute aus ganz Deutschland wollen mitmachen.

Obwohl Josi von sich selbst sagt, sie sei kein politischer Mensch und verfalle bei solchen Themen schnell in die Gossensprache, vertritt sie ihren Standpunkt deutlich: "Als DJ spiele ich Musik in vielen Sprachen, von Künstlern aus aller Welt. Ich liebe es in fremde Länder zu reisen und neue Kulturen keknnenzulernen. Dass ich im eigenen Land mit ansehen muss, wie Menschen ihr rechtes Gedankengut verbreiten und praktizieren, macht mich fassungslos. Doch ich sehe auch den Widerstand und die Hilfsbereitschaft. Das macht mir Hoffnung."

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