Wird die deutsche Unterhaltungsindustrie diverser? | Kultur | DW | 04.07.2021
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Diversität

Wird die deutsche Unterhaltungsindustrie diverser?

Sie sind LGBTQ, haben eine dunklere Hautfarbe oder wiegen mehr. Die Branche zeigt immer öfter Minderheiten - aber oft werden nur Klischees bedient.

Vier Mädchen unterschiedlicher Herkunft stehen an der Ballettstange

Der Ruf nach mehr Diversität in der Unterhaltungsindustrie wird lauter

"Warum einen Frosch küssen, wenn man auch eine Prinzessin küssen kann", lautet der Slogan von "Princess Charming", der selbsternannten ersten lesbischen Reality-Dating-Show der Welt. Produziert wird sie vom deutschen Streamingdienst TVNOW. Nach dem Vorbild von "The Bachelor" buhlen in der Show mehrere Lesben um die Gunst einer Frau. Auch schwule Männer kommen im Fernsehen in "Take Me Out: Boys, Boys, Boys" zum Zug, um die große Liebe zu finden.

Und dann gibt es auch noch die von Heidi Klum produzierte und moderierte Show "Germany's Next Topmodel 2021". Jahrelang war Diversity hier ein Fremdwort, doch in der letzten Staffel siegte das Transmodel Alex Mariah Peter. 

In "Druck," einer nach norwegischem Vorbild konzipierten YouTube-Serie über Teenager in Berlin, werden verschiedene ethnische Gruppen in der deutschen Hauptstadt repräsentiert. Es scheint fast so, als ob sich das deutsche Fernsehen mehr Pluralismus verschrieben hat.

Auch im Kino haben in den letzten Jahren Filme wie "Türkisch für Anfänger"(2012) - basierend auf der gleichnamigen erfolgreichen Fernsehstaffel, die zwischen 2006 und 2008 in der ARD (Erstes Deutsches Fernsehen) lief - und "Fack ju Göhte" (2013) versucht, die sich verändernden sozialen Strukturen Deutschlands widerzuspiegeln. Die deutsche Kulturlandschaft scheint sich gegenüber LGBTQs und Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund zu öffnen. Aber genügt das?

Bis jetzt haben sich die Sender hauptsächlich an Stereotypen gehalten, wenn es um die Darstellung solcher Minderheiten ging. Und es gibt kaum eine öffentliche Debatte über die verschiedenen Dimensionen von Diversität, die Themen wie Inklusion in der Gesellschaft und - in der Konsequenz - die Darstellung von Minderheiten im Fernsehen und in der Unterhaltung generell mit sich bringen sollten.

Zu türkisch, um deutsch zu sein?

"Homosexuelle, Transsexuelle und andere Gruppen sind durchaus im deutschen Fernsehen vertreten. Deutschland ist da viel liberaler als andere Länder", sagt der Schauspieler Dean Baykan, der als Sohn türkischer Eltern in Deutschland geboren wurde. Im Vergleich zu Deutschland sind andere europäische Länder - wie zum Beispiel Ungarn - sehr rigoros in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Homosexualität. Ein kürzlich eingebrachtes Gesetz verbietet dort die öffentliche Zurschaustellung von Lebensstilen, die nicht mit den sogenannten traditionellen Familienwerten übereinstimmen.

Schauspieler Dean Baykan steht vor einem Brunnen

Dean Baykan glaubt, dass er wegen seiner türkischen Abstammung so manche Rolle nicht bekommt

"Doch während Deutschland sich in vieler Hinsicht offen gibt, ist es mitunter auch konservativ", so Baykan weiter. "Zum Beispiel werden Ausländer oder Menschen mit ausländischen Wurzeln in Spielfilmen oder bei Schauspielprojekten nicht ernst genommen." 

Baykan selbst erzählt, wie er einmal fast eine Hauptrolle in einer beliebten TV-Krimiserie ergattert hätte - aber eben nur fast. "Ich habe es bis in die Endrunde geschafft", erzählt er. Er glaubt, dass sein türkischer Hintergrund der Grund dafür gewesen sein könnte, dass sich die Produzenten letztendlich gegen ihn entschieden haben - obwohl sein Vorname sehr westlich klingt. Ob das stimmt, wird man nie mit Sicherheit wissen. Aber Schauspieler wie Baykan haben das Gefühl, dass sie für bestimmte Rollen nicht in Betracht gezogen werden. Nicht, weil es ihnen vermeintlich an Talent mangelt, sondern weil Regisseure sie lieber für Stereotypen besetzen.

Drogendealer, Kriminelle und Schwächlinge

Der Filmemacher Deiu Hao Do stimmt einer solchen Einschätzung zu. Der Sohn von Einwanderern einer chinesischen Minderheit in Vietnam macht beim Projekt "Vielfalt im Film" mit und vertritt das Berlin Asian Film Network (BAFNET). 

"Da sind Schwarze, die Drogen verkaufen, Muslime, die als Kriminelle dargestellt werden, asiatische Frauen, die schwache Charaktere spielen. Aber diese ethnischen Gruppen sind viel komplexer, und das muss auch dargestellt werden", sagte er gegenüber der DW.

Video ansehen 04:24

Schauspieler im Rollstuhl, Moslem - und schwul (12.03.2021)

In einer kürzlich durchgeführten Umfrage von "Vielfalt im Film" gaben 5500 Teilnehmende an, dass ihrer Ansicht nach solche Klischees von der Unterhaltungsbranche fest zementiert werden. Knapp 88 Prozent finden, dass Araber im deutschen Fernsehen meist stereotyp dargestellt werden - fast gleichauf mit 83 Prozent der Rollen von Muslime im Allgemeinen. Bei der Darstellung von Asiaten sehen das drei Viertel der Befragten so und bei Juden 56 Prozent, da der Antisemitismus in vielen Teilen Europas wieder auf dem Vormarsch sei.

Coming-Out deutscher Filmschaffender

Darüber hinaus gaben 13 Prozent an, dass sie aufgrund ihres Aussehens und ihres Gewichts Vorurteilen ausgesetzt waren, während zehn Prozent der Teilnehmenden sagten, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Identität diskriminiert worden seien. Zudem berichteten homosexuelle Teilnehmer der Studie, sie hätten versucht, ihre sexuelle Orientierung zu verbergen, um ihre Chancen auf einen Job oder eine Rolle zu verbessern.

Anfang 2021 outeten sich 185 Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland in einem Zeitungsartikel: Es sei für sie an der Zeit, sich öffentlich dazu zu bekennen, dass sie schwul, bisexuell, lesbisch, queer, nicht-binär und transsexuell sind. Sie alle forderten mehr Sichtbarkeit in der deutschen Unterhaltungsindustrie, nachdem sie lange dazu gedrängt worden waren, ihre Identitäten zu verstecken, zu ignorieren oder zu beschönigen.

SZ-Magazin Cover vom 05.02.2021 , das viele Filmschaffende zeigt

"Wir sind schon da" - so das Statement dieser Filmschaffenden

Tatsächlich sind die Sender selbst eher zurückhaltend, wenn es darum geht, die sexuelle Identität ihrer Darsteller direkt anzusprechen. Die deutsche Schauspielerin Ulrike Folkerts zum Beispiel ist im wahren Leben lesbisch, spielt aber in der Krimi-Reihe "Tatort" eine heterosexuelle Polizistin.

In einem Interview mit der" Süddeutschen Zeitung" erzählte sie, die Produzenten der Serie hätten sie erst kürzlich gebeten, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu offenbaren. Das lehnte sie mit der Begründung ab, dafür sei es zu spät. 

Komplexe Vielfalt

Die Schauspielerin Sheri Hagen sagt, dass sich das Konzept der Vielfalt nicht nur darauf beschränkt, LGBTQ-Stars und eine Alibi-Person mit nicht-deutschem Hintergrund in einer Show zu haben. Die in Lagos geborene Schauspielerin kam Anfang der 1990er-Jahre nach Deutschland. Sie sieht sich als Deutsche mit nigerianischen Wurzeln.

Hagen hat in Filmen wie dem Oscar-prämierten "Das Leben der Anderen" oder der "Tatort"-Serie mitgespielt und spricht oft über die Bedeutung von mehr Inklusion in der deutschen Unterhaltungsindustrie. 

"Diversität beschränkt sich für mich nicht nur auf Hautfarbe oder Geschlecht, wie es das vorherrschende Denken in der deutschen Filmindustrie sieht", sagt sie. Für sie bedeute Diversität auch "Behinderung, sexuelle Identität, gewichtsbedingte Diskriminierung, Ost-West-Diskriminierung - besonders hier in Deutschland -, klassenbedingte, ethnische und kulturelle Unterschiede".

Filmemacher Deiu Hao Do

Deiu Hao Do setzt sich für mehr Diversität in der Filmbranche ein

Filmemacher Deiu Hao Do stimmt zu: In diesem Zusammenhang gelte es, zu verstehen, wie diese verschiedenen Dimensionen von Vielfalt und die damit verbundenen Aspekte möglicher Diskriminierung miteinander interagieren. Diese Art von Ausgrenzung zu bekämpfen, sei zentral, um die Sache der Vielfalt zu fördern, betont er. 

Eine schmerzliche Perspektivlosigkeit 

Streaming-Plattformen haben alternative Möglichkeiten für Filmemacher aus aller Welt geschaffen, ihre Arbeit zu präsentieren und ein neues Publikum zu erreichen. Während dieses Potential in einigen Teilen der Welt rege genutzt wird, hat man in Deutschland von diesen neuen Verbreitungswegen bislang nur zaghaft Gebrauch gemacht.

Hagen glaubt, dass Deutschland viel von der britischen Filmbranche lernen kann, wo in Serien wie "Bridgerton" und einer neuen Serie über das Leben von Anne Boleyn, der zweiten Frau von König Heinrich VIII., farbenblindes Casting als Mittel zur Förderung von Diversität auch in historischen Dramen eingesetzt werden. 

Die Schauspielerin und Regisseurin Sheri Hagen

Für die nigerianisch-deutsche Schauspielerin Sheri Hagen ist die britische Filmindustrie ein Vorbild in puncto Diversität

Für Hagen geht es bei Diversität in der Tat nicht um den schwarzen Alibi-Darsteller in einer Fernsehserie, sondern eher um einen ganzheitlichen Ansatz. Die kürzlich ausgestrahlte deutsche Fernsehserie "Breaking Even", in der die ugandisch-deutsche Schauspielerin Lorna Ishema die Hauptrolle spielt, sei dafür ein gutes Beispiel. Es gehe aber auch darum, wer das Drehbuch schreibt, wie diese Geschichten kommuniziert werden und wer diese Ideen vor der Kamera umsetzt, so Hagen. 

Darüber hinaus seien die Vorstände der meisten deutschen Medienanstalten bis heute "männlich und weiß", ergänzt sie - und ihre Einschätzung ist de facto nicht falsch. 

Auch Deiu Hao Do wünscht sich mehr Vielfalt in der deutsche Fernseh- und Filmindustrie "Im Moment", so sein Eindruck, "sind wir da noch nicht angekommen."

Adaption aus dem Englischen: Sven Töniges 

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