Dirk Nowitzki: Das Ende einer Legende | Sport | DW | 12.04.2019
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Reportage

Dirk Nowitzki: Das Ende einer Legende

Die Qualen sind endgültig vorbei, die Zeit der Schmerzen ist es ebenso. Dirk Nowitzki hat sich mit einer starken Leistung aus der NBA verabschiedet. Nach mehr als 20 Jahren geht er unter stehen Ovationen und mit Tränen.

Chen Ying ringt um Aufmerksamkeit. Die Chinesin steht mit ihrem Freund, Xu Wei, in der zweiten Reihe des AT&T Center in San Antonio. Direkt hinter dem Korb, auf den Dirk Nowitzki beim Warmmachen wirft. Ying schreit jedoch nicht, nein, dafür ist sie viel zu höflich. Sie hält ein Plakat mit beiden Händen über ihrem Kopf. Darauf steht in deutscher Sprache: "Lieber Dirk: vielen Dank, dass Sie von 13 bis 30 Jahre bei mir geblieben sind. Liebe aus China." Und ganz unten ist noch die Bitte zu lesen, die Nowitzki ihr und allen anderen Fans jedoch nicht mehr erfüllen wird: "One more year."

Am Abend zuvor hatte er im Rahmen einer emotionalen Feier in der heimischen Halle bekanntgegeben, seine Karriere zu beenden. Ying und Wei waren auch in der Arena von Dallas mit dabei. Sie sind für Nowitzkis letzte NBA-Schritte extra aus ihrer Heimat nach Texas geflogen. "Ich habe den ganzen Abend geweint", sagt Ying. Seit 17 Jahren ist sie Nowitzki-Fan. Auch bei ihrem Idol liefen am Vorabend einige Tränen.

Dirk Nowitzki lässt sich von seinen Fans feiern (Foto: picture-alliance/dpa/P. Hülsmann)

Am Ziel: Die Botschaft der chinesischen Fans Chen Ying und Xu Wei kommt bei Dirk Nowitzki an

Doch jetzt, rund 20 Stunden später, ist er wieder der konzentrierte Vollblutprofi. Knapp 90 Minuten vor Spielbeginn kommt er in die Halle, läuft sich warm und beginnt mit dem Dehnen. Für ihn Routine - seit mehr als 20 Jahren. Und dennoch sind diese Abläufe an diesem 10. April 2019 hier in San Antonio etwas Besonderes. Dirk Werner Nowitzki bereitet sich zum letzten Mal auf ein NBA-Spiel vor. Es sind nur noch wenige Stunden bis zu seiner Basketball-Rente.

Rhythmisch und rund

Als er sich einwirft, stehen viele Fans an der Seitenlinie, schauen genau zu, filmen, knipsen Fotos. Nowitzki wirkt nicht wie jemand, der die beste Basketball-Liga der Welt bald nur noch als Zuschauer verfolgen wird. Seine Wurfbewegungen wirken rhythmisch und rund. Er trifft vier Würfe nacheinander - von links außen, dann etwas weiter in der Mitte, zentral und von rechts. Es sieht so leicht aus, wie er die orangenen Bälle durch das weiße Netz wirft.

Bei der Vorstellung der Mavericks Starting Five kurz vor Spielbeginn ist es bei den ersten vier Namen ziemlich ruhig in der Halle. Doch dann wird es laut - euphorisch und emotional. Auf dem Videowürfel läuft ein Clip mit den Highlights von Nowitzkis Karriere. Von den Schlachten, die er sich mit den Spurs-Größen Tim Duncan, Manu Ginobili und Tony Parker geliefert hat. Einige gingen als "Texas-Thriller" in die NBA-Geschichte ein. Kein Maverick hatte San Antonio seit der Jahrtausendwende so sehr geärgert, dem Klub so viele Kopfschmerzen bereitet, wie Dallas’ Deutscher mit der Rückennummer 41. Doch der kann gar nicht zum Videowürfel hochschauen, so sehr kämpft er mit den Tränen. Dann holt er einmal tief Luft und winkt dankend ins Publikum. Er bekommt stehende Ovationen - wie schon in so vielen anderen Hallen in dieser Saison.

Dirk Nowitzki (r.) beim Wurf gegen Rudy Gay (Foto: Reuters/USA TODAY Sports)

Profi bis zum Schluss: Noch einmal gibt Dirk Nowitzki alles - hier gegen Rudy Gay von den San Antonio Spurs

"Heimspiel" in San Antonio

Das Spiel beginnt. Bei jedem seiner Würfe ist ein Raunen im Publikum hörbar. Und es wird sofort lauter. Das liegt auch an den vielen Mavericks-Fans, die selbstverständlich die rund 450 Kilometer auf dem Highway 35 von Dallas gen Süden gefahren sind. "Es hatte sich fast angehört, wie ein Heimspiel", sagt Nowitzki anschließend. Als er seine ersten Punkte erzielt, ist der Jubel in der Arena fast genauso groß wie bei einem Treffer der Gastgeber. Dabei geht es für die Gastgeber noch um etwas. Mit einem Sieg würden sie in der Tabelle der Western Conference Siebter bleiben, somit Meister Golden State Warriors in der ersten Playoff-Runde aus dem Weg gehen.

Und dementsprechend engagiert treten die Spurs-Profis auf. Sie verteidigen Nowitzki eng, geben ihm keinen Raum. Er muss sich jeden Wurf und jeden Punkt hart erarbeiten. Aber er wollte in seiner Karriere ohnehin nie etwas geschenkt bekommen. Mitunter stehen sogar zwei Spurs-Verteidiger bei ihm, sobald er den Ball bekommt. Mavericks-Besitzer Mark Cuban bezeichnet diese Doppel-Deckung als "großes Kompliment" für Nowitzki.

Letzter Wurf der Karriere passt

San Antonio Spurs - Dallas Mavericks - Dirk Nowitzkis letztes Spiel (picture-alliance/AP Photo/D. Abate)

Spurs-Coach Gregg Popovich (l.) und Dirk Nowitzki

Der trifft 49 Sekunden vor Spielende mit einem Sprungwurf zum 92:105. Es sind die Punkte Nummer 31.559 und 31.560 seiner langen Laufbahn - und es ist zugleich die letzte Aktion in der Karriere des Dirk Werner Nowitzki, der sich mit einem beachtlichen Double Double verabschiedet. Neben seinen 20 Zählern gelangen ihm auch noch zehn Rebounds. Dallas verliert schließlich mit 94:105, doch den Mavericks-Fans ist das in diesen Momenten herzlich egal.

Es folgen Umarmungen und Emotionen. Spurs-Trainer Gregg Popovich, der Nowitzki ebenso schätzt, wie der Deutsche ihn, lässt den scheidenden Allstar wissen, dass er immer für ihn da und telefonisch erreichbar sein werde. Von den Rängen hallt es "MVP". Diese drei Buchstaben stehen für "wertvollsten Spieler". Nowitzki gehörte das Gros seiner 21 NBA-Spielzeiten zum Besten, was die Liga zu bieten hatte. Doch die insgesamt 1667 Pflichtspiele seit dem 5. Februar 1999 haben seinen Körper verschlissen. Sein vor einem Jahr operierter linker Knöchel plagt ihn immer noch. Wenn Nowitzki läuft, sieht es unrund, ja fast schmerzhaft aus.

Doch er wird nun genug Zeit haben, um alles auszukurieren. Um 21:19 Uhr Ortszeit klatscht Nowitzki mit den Fans ab und verlässt unter tosendem Applaus die Halle. In der Kabine greift er sich umgehend ein Bier, streift das durchgeschwitzte, blaue Trikot ein letztes Mal von seinem Körper. Andere Athleten heben das Outfit ihres finalen Karriere-Auftritts auf, rahmen es sich ein, hängen es daheim an die Wand. Nowitzki wirft alles einfach weg. Seine NBA-Karriere ist endgültig vorbei. Ein Ausnahmespieler geht, zahlreiche unvergessliche Erinnerungen bleiben.

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