Direktor des Jüdischen Museums Berlin zurückgetreten | Kultur | DW | 14.06.2019
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Jüdisches Museum Berlin

Direktor des Jüdischen Museums Berlin zurückgetreten

Nach heftiger öffentlicher Kritik gibt der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer, seinen Posten auf. Stein des Anstoßes war ein Tweet des Museums zu einem "taz"-Artikel über die umstrittene BDS-Kampagne.

Peter Schäfer, der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, bot der Vorsitzenden des Stiftungsrats, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, am Freitag offiziell seinen Rücktritt an, "um weiteren Schaden vom Jüdischen Museum abzuwenden", wie es in der Pressemitteilung heißt. Die operative Leitung des Museums wird vorerst der Geschäftsführende Direktor des Stiftungsrats, Martin Michaelis, übernehmen. Grütters ließ mitteilen, sie respektiere Schäfers Entscheidung.

Kritik an Museumsleitung: "Das Maß ist voll"

Der Zentralrat der Juden (ZdJ) in Deutschland hatte den Museumsdirektor in der Vergangenheit mehrfach heftig kritisiert. Jetzt wurde ein Präzedenzfall geschaffen: Der Zentralrat brach den Kontakt zum Jüdischen Museum ab. In einem Tweet hatte ZdJ-Präsident Josef Schuster geschrieben: "Das Maß ist voll. Das jüdische Museum scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein." Das Vertrauen der Jüdischen Gemeinschaft habe die Leitung des Museums "verspielt".

Dem vorausgegangen war ein Tweet des Jüdischen Museums, der mit dem Hashtag #mustread auf einen Artikel in der "taz" verlinkte. Dieser Artikel setzte sich mit der von Kritikern als antisemitisch eingestuften Boykottbewegung gegen Produkte aus Israel, BDS ("Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen für Palästina"),  auseinander. 240 israelische und jüdische Wissenschaftler hatten in einer Stellungnahme an den Bundestag geschrieben: "Wir lehnen die trügerische Behauptung ab, BDS sei als solches antisemitisch, und bekräftigen, dass Boykotte ein legitimes und gewaltfreies Mittel des Widerstands sind."

Ebenfalls auf Twitter kommentierte Zentralratspräsident Josef Schuster, es stehe in Zweifel, ob der Begriff "jüdisch" für das Museum noch angebracht sei.

Nach eigener Darstellung setzt sich BDS dafür ein, Israel international unter Druck zu setzen, um die Besetzung der palästinensischen Gebiete zu beenden. Auch internationale Künstler wie Roger Waters, die Young Fathers und Kate Tempest unterstützen das Bündnis.

Bundestag verurteilt BDS als antisemitisch

Am 17. Mai hatte der Bundestag einen gemeinsamen Antrag der Fraktionen von Union, SPD, FDP und Grünen beschlossen, in dem es heißt, dass Boykottaufrufe an die Methoden der Nazis erinnerten. Die "Argumentationsmuster und Methoden" der BDS-Bewegung seien antisemitisch. Bereits im vergangenen Jahr hatte der nordrhein-westfälische Landtag BDS als antisemitisch verurteilt, vorausgegangen war ein Eklat um die Ruhrtriennale, zu der die israelkritische Band Young Fathers zunächst ein- und schließlich wieder ausgeladen worden war.

Peter Schäfer und Michael Blumenthal (JMB, Foto: Yves Sucksdorff)

2014 löste Peter Schäfer Michael Blumenthal als Direktor des Jüdischen Museums Berlin ab

Museum immer wieder in den Schlagzeilen

Der Streit um den aktuellen Tweet der Pressestelle des Jüdischen Museums hat der Museumsleitung zum wiederholten Male negative Schlagzeilen gebracht. 2014 hatte der renommierte Wissenschaftler und Judaist Peter Schäfer das Haus von Gründungsdirektor Michael Blumenthal übernommen.

Der Unmut einiger jüdischer Institutionen und vor allem des Zentralrats der Juden in Deutschland an der inhaltlichen Ausrichtung des Jüdischen Museums hat sich in diesem Jahr bereits an mehreren Punkten entzündet. Schon im Frühjahr 2019 hatte die Ausstellung "Welcome to Jerusalem", die die Stadt "als Wunsch- und Sehnsuchtsort für Juden, Christen und Muslime" zeigte, politischen Ärger hervorgerufen. Israels Ministerpräsident warf dem Jüdischen Museum vor, es übernehme den muslimisch-palästinensischen Blickwinkel. Er forderte von der deutschen Bundesregierung, die Fördermittel für das Jüdische Museum zu kürzen.

Im März 2019 hatte Schäfer den Kulturrat der Islamischen Republik Iran, Seyed Ali Moujani, durchs Haus geführt. Das Treffen wurde auf der Internetseite der iranischen Botschaft dokumentiert. Wenige Tage später mussten Text und Fotos auf Bitten des Jüdischen Museums entfernt werden. Gegenüber "Spiegel Online" räumte der Direktor später ein: "Da war ich vielleicht ein wenig naiv."

Museum repräsentiert auch Regierungshaltung

Das Jüdische Museum ist eine öffentliche Stiftung und steht unter der Kontrolle des Bundes. Der Direktor ist nicht nur für Ausstellungen und Veranstaltungen im Haus verantwortlich, sondern auch ein offizieller Repräsentant, der die Haltung Deutschlands zum Thema Judentum, Antisemitismus und zum Staat Israel nach außen vertreten muss.

Jüdisches Museum Berlin (picture-alliance/dpa/imageBROKER/T. Robbin)

Früher als erwartet muss ein neuer Leiter für das Jüdische Museum in Berlin gefunden werden

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte - zusammen mit dem Stiftungsrat - bereits in den letzten Wochen entschieden, eine Findungskommission für die Nachfolge Schäfers im nächsten Jahr einzusetzen. Mit der Ruhe der politischen Findungsphase ist es allerdings jetzt vorbei.

Der vorzeitige Rücktritt des Direktors wirft eine Menge kulturpolitischer Fragen auf - auch in Bezug auf den Kurs des Jüdischen Museums in Berlin. Auch die Politik wird dafür Antworten finden müssen. Über das weitere Vorgehen wird der Stiftungsrat des Museums am 20. Juni in einer Sondersitzung beraten.

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