Dietrich Bonhoeffer, ein ″evangelischer Heiliger″ | Deutschland | DW | 09.04.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Protestantismus

Dietrich Bonhoeffer, ein "evangelischer Heiliger"

Christ und Prophet, Widerstandskämpfer und Tröster: Vor 75 Jahren ermordeten die Nazis Dietrich Bonhoeffer. Er wurde nur 39 Jahre alt. Bis heute gilt er als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts.

Rückblickend wirken die Worte prophetisch. "Euer Glaube wird geprüft werden durch Leid. Ihr wisst noch nicht viel davon". Diese Sätze stammen aus einer Predigt von Dietrich Bonhoeffer für Konfirmanden auf Gut Kieckow in Pommern. Datum: 9. April 1938.

"Da tritt ein großer Schmerz, ein schwerer Verzicht in unser Leben, ein großer Verlust, Krankheit, Tod. Warum hat Gott das zugelassen? Warum, ja warum? Das ist die große Frage des Unglaubens, die unseren Glauben ersticken will."

Diese Worte Bonhoeffers, mit denen er Konfirmanden die Anfechtungen des Glaubens erklärte, könnten auf jede Krise passen. Auch auf die aktuelle Coronakrise. Der große Theologe bezog sie auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Nach jahrelanger Arbeit für die Bekennende Kirche im Untergrund wurde Bonhoeffer am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Er starb am Galgen – nur einen Monat vor Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dietrich Bonhoeffer Pfarrer Widerstand Nationalsozialismus (picture alliance/Klaus Rose)

Gedenktafel an die im KZ Flössenburg ermordeten Widerstandskämpfer

Als er die Stufen zum Galgen hinaufstieg, wirkte er "gefasst" und "innig mit seinem Herrgott verbunden", wie ein KZ-Arzt notierte. Fakt ist: Der wegen Hochverrats Verurteilte wird eines der letzten Opfer des nationalsozialistischen Terror-Regimes.

Glaube mit allen Konsequenzen

Bonhoeffer hat die christliche Nachkriegstheologie beeinflusst wie kaum ein Zweiter seiner Generation. Bonhoeffer predigte die Gegenwart Christi in der Welt. Er schuf ein anderes, ein überkonfessionelles Kirchenbild, zu dem sich heute konservative wie fortschrittliche Theologen bekennen: Der Glaube als Nachfolge Christi, mit allen Konsequenzen. Das ist das Vermächtnis des am 4. Februar 1906 geborenen Dietrich Bonhoeffer.

Heute spaltet Dietrich Bonhoeffer die evangelischen Kirchen nicht mehr. Aber noch 1953 lehnte der bayerische Landesbischof Hans Meiser ab, als man ihn zu einer Gedenkveranstaltung für Bonhoeffer einlud. Bonhoeffer sei nicht als Märtyrer gestorben, rechtfertigte sich der evangelische Bischof, sondern weil er den Umsturz des Regimes vorbereitet habe.

"Evangelischer Heiliger"

Mittlerweile bewertet die Kirche Bonhoeffers Widerstand völlig anders: So nannte der einstige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, Bonhoeffer einen "evangelischen Heiligen".

Dietrich Bonhoeffer (nbd)

Bonhoeffer verbrachte seine Kindheit in Breslau und Berlin. In der Großstadt fühlte er sich zuhause

Bonhoeffer wuchs als sechstes von acht Kindern in Breslau und Berlin auf. Der Vater, ein renommierter Psychiater, war nicht besonders religiös. Auch Dietrichs Mutter, eine Pastorentochter, hatte wenig Kontakt zur Kirche. So war es eher überraschend, dass sich der 17-Jährige 1923 zum Theologiestudium entschied - aus intellektuellem Interesse.

Bereits mit 21 Jahren promovierte er, mit 25 war er Privatdozent - eine akademische Blitzkarriere. Doch erst als er 1930 an das Theologische Seminar nach New York ging, veränderte sich Bonhoeffers Glaube. Er setzte sich intensiv mit der Bergpredigt auseinander, nicht ohne Folgen.

Er sei "bis zu seiner New Yorker Zeit zwar Theologe, aber noch nicht Christ" gewesen, schrieb Bonhoeffer, später. Der Theoretiker, den so mancher Kommilitone als überheblich erlebte, wurde zum Praktiker, der für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen wollte. Sein Credo lautete: Die Kirche sei allen, auch den nicht-christlichen Opfern jeder Gesellschaftsordnung, verpflichtet. Eine Verstoßung der Juden ziehe die Verstoßung Christi nach sich, denn Jesus Christus war Jude.

Riskantes Doppelleben

Weil er in der an den Nationalsozialismus angepassten Reichskirche nicht Pastor sein wollte, ging Bonhoeffer 1933 als Pfarrer nach London. Zurück in Deutschland, leitete er von 1935 an das Predigerseminar der oppositionellen Bekennenden Kirche im pommerschen Finkenwalde, bis es 1937 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) geschlossen wurde.

Gemarker Kirche Wuppertal und Barmer Theologische Erklärung (Gemarker Kirche)

In der Gemarker Kirche in Wuppertal wurde am 31. Mai 1934 die "Barmer Theologische Erklärung" unterzeichnet. Sie gilt als wichtiges Dokument der Bekennenden Kirche, für die auch Bonhoeffer im Untergrund arbeitete

Bonhoeffer bekam Lehrverbot, 1940 Redeverbot. Im gleichen Jahr schloss er sich der Widerstandsgruppe um Generalmajor Hans Oster und seinen Schwager Hans von Dohnanyi an. Er lässt sich auf ein riskantes Doppelleben ein: Offiziell ist er Reiseagent der "Abwehr", tatsächlich aber weiht er im Ausland Kirchenmänner in die Putschpläne gegen Hitler ein.

"Zersetzung der Wehrkraft"

Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer wegen "Zersetzung der Wehrkraft" verhaftet. Im Zuchthaus Berlin-Tegel hat er Zeit, Bücher zu lesen, Briefe und Gedichte zu schreiben und wissenschaftlich zu arbeiten. Als das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 fehlschlägt, findet die Gestapo Dokumente, die auch Dietrich Bonhoeffer belasten.

Ein halbes Jahr später wird er in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt. Die Hinrichtung geschieht dann im KZ Flossenbürg. Von einem Mitgefangenen soll Bonhoeffer sich mit den Worten verabschiedet haben: "Das ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens. Seine Leiche wurde verbrannt, ein Grab dieses "evangelischen Heiligen" gibt es nicht.

Die Redaktion empfiehlt