Die Wut der Flüchtlinge von Kapstadt | Afrika | DW | 02.11.2019
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Südafrika

Die Wut der Flüchtlinge von Kapstadt

Flüchtlinge demonstrieren in Kapstadt gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Doch die Demonstration wird gewaltsam aufgelöst, und die Migranten suchen in einer überfüllten Kirche Schutz. Aus Kapstadt Adrian Kriesch.

Die Methodisten-Kirche im Zentrum von Kapstadt ist völlig überfüllt. Überall stapeln sich Gepäckstücke, Menschen liegen in den Gängen und sitzen auf den Bänken. Die Luft ist stickig, die Stimmung angespannt. Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten. Die meisten hier haben seit mehr als drei Wochen nicht mehr richtig geschlafen.

So auch Sylvie Nahimana, die erschöpft auf der Erde sitzt. Sie kommt aus Burundi, lebt seit 21 Jahren in Südafrika. Seitdem nehme die Fremdenfeindlichkeit jedes Jahr zu. "Ich bin einfach nur wütend", sagt sie. "Ich will weg, an irgendeinen Ort, an dem wir sicher sind - und wie Menschen behandelt werden. Nicht wie Kakerlaken."

Südafrika l Greenmarket Square in Kapstadt - Flüchtling Sylvie Nahimana (DW/A. Kriesch)

Sylvie Nahimana im Gespräch mit DW-Korrespondent Adrian Kriesch

Schlagstöcke, Tränengas, Wasserwerfer

Drei Wochen hatte sie gemeinsam mit Dutzenden weiterer Migranten vor dem Büro des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen in Kapstadt campiert. Sie sagen: In Südafrika sind sie nach einer Welle fremdenfeindlicher Gewalt im September nicht mehr sicher. Und sie wollen in ein anderes Land gebracht werden. Doch statt einer Lösung kam am Mittwoch die Polizei. Sie setzten einen Gerichtsbeschluss durch, der den Migranten das Campieren vor dem Gebäude untersagt. Mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern.

Sylvie Nahimana wurde dabei am Arm verletzt. 100 Migranten wurden kurzzeitig verhaftet - weil sie sich weigerten, den Platz zu räumen. "Wenn ein Polizist einer Mutter ihr Kind entreißt, dann haben meine Kinder in diesem Land keine Zukunft mehr", sagt Nahimana. Ihre drei Kinder sind in Südafrika geboren. Doch bis heute hätten sie keine Geburtsurkunden bekommen. Das System sei langsam und diskriminierend. Jetzt sucht die Familie mit 300 weiteren Migranten Zuflucht in der Kirche im Zentrum, die sie nach dem Polizeieinsatz spontan aufnahm.

Südafrika l Greenmarket Square in Kapstadt - Methodisten-Kirche (DW/A. Kriesch)

Migranten in einer Kirche am Greenmarket Square in Kapstadt

Südafrikaner spenden Lebensmittel

Einige Südafrikaner sind gekommen, um zu helfen. Sie bringen Essen, Wasser, Windeln. Er sei angewidert vom Polizeieinsatz und der Fremdenfeindlichkeit, sagt ein älterer Herr. Daneben lädt Ali Sablay von der Hilfsorganisation "Give of the Givers" Lebensmittel aus einem LKW - und erinnert an die Apartheit-Zeiten, in denen Südafrikaner Zuflucht in anderen afrikanischen Ländern gefunden haben. "Wir sind doch alle Afrikaner. Wir müssen uns gegenseitig respektieren. Xenophobie hat hier nichts zu suchen. Wir sollten uns helfen, statt uns zu bekämpfen."

Südafrika l Greenmarket Square in Kapstadt - Ali Sablay von der Hilfsorganisation “Give of the Givers” (DW/A. Kriesch)

Ali Sablay fordert ein Ende der Xenophobie in Südafrika

Südafrika ist eines der wirtschaftsstärksten Länder des Kontinents - und Ziel von Migranten aus ganz Afrika. Sie fliehen vor Kriegen, Wirtschaftskrisen, Perspektivlosigkeit und Hunger in ihren Heimatländern hierher. 270.000 Flüchtlinge leben offiziell im Land. Die Anzahl undokumentierter Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung dürfte wesentlich höher sein. Es gibt keine genauen Zahlen, die Schätzungen schwanken zwischen 500.000 und fünf Millionen. Doch die Wirtschaft steckt in einer Krise: knapp 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, explodierende Staatsverschuldung, massive Ungleichheit. 25 Jahre nach dem Ende der Apartheit lebt die Mehrheit der Bevölkerung noch immer in Armut - und die Wut richtet sich zunehmend gegen Migranten.

Wunschziel: Dubai, Europa oder Kanada

Doch der Fall der protestierenden Migranten-Gruppe in Kapstadt ist ein besonderer. Sie kommen aus zehn verschiedenen Ländern, unter anderem dem Kongo, Äthiopien, Nigeria und Bangladesch. Und die meisten von ihnen wollen nicht zurück in ihre Heimat. Auch dort, sagen sie, sei es nicht sicher. Dubai, Europa oder Kanada - das wäre für viele die ideale Lösung.

Südafrika l Greenmarket Square in Kapstadt - JP Balous (DW/A. Kriesch)

Flüchtlingssprecher JP Balous weigert sich, die Kirche am Greenmarket Square wieder zu verlassen

Darum sehen auch einige Kritiker der fremdenfeindlichen Gewalt die Migranten in der Kirche eher als Glücksritter denn als Opfer. "Sie wollen eine kostenlose Reise nach Kanada, dafür verbringen sie Tage und Nächte mit Kleinkindern auf der Straße unter freiem Himmel", kommentiert ein Südafrikaner auf der DW Africa-Facebook-Seite. "Das ist Erpressung! Sie haben ihre Kinder als Schutzschilder gegen die Räumung genutzt." Eine andere Südafrikanerin schreibt: "Ich lebe in Kapstadt - und hier gab es überhaupt keine xenophobe Gewalt."

Keine Lösung in Sicht

In der Tat fanden die jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen nicht in Kapstadt, sondern in anderen Städten Südafrikas statt. Direkt neben der Methodisten-Kirche am Greenmarket Square in Kapstadt ist ein großer Markt für afrikanische Kunst. Viele Händler hier kommen aus dem Ausland - und fühlen sich wohl. "Die stören uns hier einfach", sagt ein Händler aus Malawi und deutet auf die Protestierenden vor der Kirche. Er verkauft Masken an Touristen - die seit den Ausschreitungen wegbleiben. "Seit dem Morgen habe ich nichts mehr verkauft. Schon gestern habe ich keinen Cent verdient - und heute das gleiche."

Südafrika l Greenmarket Square in Kapstadt - ausländische Händler (DW/A. Kriesch)

Einige Händler am Greenmarket Square kritisieren auch die Flüchtlinge

Wie es für die Migranten weitergeht, ist völlig unklar. Das UN-Flüchtlingswerk hat sie aufgefordert, an ihre Wohnorte in Kapstadt zurückzukehren. "Wir bleiben hier. Und wenn die Kirche uns nicht mehr haben will, gehen wir zurück auf die Straße und schlafen dort", sagt JP Balous, ein Sprecher der Migranten-Gruppe aus der Demokratischen Republik Kongo. Auch Sylvie Nahimana nickt entschlossen. Neben ihr steht ihr gesamtes Hab und Gut in ein paar Reisetaschen. "Wenn es Frieden in meiner Heimat geben würde, würde ich zurückgehen", sagt die Frau aus Burundi. "Aber es gibt keinen Frieden - also sollen sie mich irgendwo hinbringen, wo ich sicher bin."

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