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Die Welt in der Hosentasche - Die Taschenbücher von rororo

16. Juni 2010

Deutschland, Land der Dichter und Denker. Lesen als Luxus, Bücher als Kostbarkeit. Genau das möchte der Rowohlt Verlag ändern. 1950 erscheint das erste rororo Taschenbuch - eine Revolution auf dem deutschen Buchmarkt.

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Verleger Ernst Rowohlt liest in einem Rotationsroman.
Der stolze Vater des Rotationsromans: Verleger Ernst RowohltBild: Rowohlt

17. Juni 1950: Der in Hamburg ansässige Rowohlt Verlag liefert Bücher aus, wie sie es in Deutschland noch nicht gegeben hat: Taschenbücher. Seit Wochen schon laufen die Rotationsmaschinen auf Hochtouren. Die ersten Titel starten mit einer spektakulären Erstauflage von je 50.000 Exemplaren. 1 Mark 50 kostet jeder Band, auf dem das Kürzel "rororo" steht. Rowohlts Rotations-Romane sind Bücher im kleinen Format für die Hosentasche, unaufwändig hergestellt und spektakulär preiswert.

Rowolt mit rororo auf der Buchmesse Frankfurt: Stand des Rowohlt Taschenbuchverlag 1960, Leute sitzen und lesen.
Neue Bücher braucht das Land: Das Taschenbuch revolutioniert den deutschen BuchmarktBild: ullstein - Spahn(L)

Die Idee, anspruchsvolle Literatur günstig anzubieten, ohne auf ästhetischen Anspruch zu verzichten, stammt von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. "Wir müssen dem deutschen Leser wieder etwas Buchähnliches in die Hand geben", so der Sohn des legendären Verlagsgründers Ernst Rowohlt. Mitgebracht hat er das Konzept aus den Vereinigten Staaten, wo Ledig-Rowohlt nach Kriegsende die US-amerikanischen Taschenbuchhersteller kennengelernt hatte. Dort heißen die kleinen Dinger pocket books.

Poppig bunte Schmuddelkinder

Bücher sind in der Nachkriegszeit Mangelware. Was man nicht selbst zum Heizen verbrannt hat, ist oft dem Krieg zum Opfer gefallen. Die rororos machen aus der Not eine Tugend. Bis 1951 werden eine Million Taschenbücher verkauft. Unter den ersten Titeln sind Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?", Graham Greens "Am Abgrund des Lebens", Rudyard Kiplings "Das Dschungelbuch" und Kurt Tucholskys "Schloss Gripsholm". Die Umschläge sind knallig bunt, der Buchrücken mit einem Leinenstreifen beklebt.

Stolz präsentiert Josef Spiegel von Stiftung Künstlerdorf Schöppingen im Hamburger Museum der Arbeit einige der Bücher, die er für die Ausstellung anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Rowohlt Taschenbuch-Verlages zusammengetragen hat.
Bunt, bunter, rororo: erste Taschenbuchausgaben aus den 50er JahrenBild: picture-alliance/ dpa

Dass der Siegeszug der Taschenbücher glücken wird, ist keinesfalls ausgemacht. Anders als in den USA gilt das Buch in Deutschland als Kostbarkeit, nicht als Wegwerfware. Gemessen an den edlen Ausgaben mit Goldrand und Lederprägung kommen die Taschenbücher als Schmuddelkinder daher. Das hat mit dem Vorurteil zu tun, "Massenware, Schund und das Triviale" kämen aus den Vereinigten Staaten, resümiert Peter Wilfert, ehemaliger Leiter des Rowohlt Taschenbuchverlags. Trotzdem ist der Erfolg nicht aufzuhalten, zumal Rowohlt Taschenbücher besser hergestellt werden als ihre US-amerikanischen Vorbilder. Pocket books made in Germany werden durch einen Patentklebstoff zusammengehalten (Lumbeck-Verfahren). "Die Seiten meiner Bücher sitzen fest wie Schrauben im Holz", behauptet Ernst Rowohlt.

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Der Rowohlt Verlag erweist sich als Trendsetter, andere Verlage wie Fischer, List und Goldmann ziehen nach. Denn Taschenbücher waren und sind die ideale Form der Zweitverwertung. Zuerst wird ein Buch mit festem Einband als Hardcover gedruckt, nach einiger Zeit folgt eine Ausgabe als Taschenbuch. Die Verlage erreichen damit andere Käuferschichten. Und was am Preis fehlt, wird durch die Auflagenhöhe wettgemacht, so Ernst Rowohlt 1952: "Wenn ein neuer Leser durch ein billiges Buch gewonnen wird, geht er langsam, aber sicher dazu über, Bücher von nicht billigen Ausgaben zu kaufen."

In die Kalkulation gehört auch, dass Rowohlt Anzeigen mit in die Bücher nimmt. 1950 ist das noch eine Neuheit auf dem deutschen Buchmarkt und löst eine Lawine von Schmähbriefen aus. Heute sind Anzeigen eine Selbstverständlichkeit und Taschenbücher zur Massenware geworden. Lesen kann sich jeder leisten. Die Voraussetzung dafür hat der Rowohlt Verlag geschaffen. Seit 1950 sind rund 16.000 rororo Bände in einer Gesamtauflage von nahezu 600 Millionen Exemplaren erschienen. Für den deutschen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann war dies die "Demokratisierung der Literatur".

Autor: Michael Marek

Redaktion: Ramon Garcia-Ziemsen