Die virtuelle Wasserverschwendung | Wissen & Umwelt | DW | 24.01.2017
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Wissen & Umwelt

Die virtuelle Wasserverschwendung

"Die Landwirtschaft verbraucht zu viel Wasser für die Produktion von Nahrungsmitteln", beklagt Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt. Doch vielen Verbrauchern ist die Verschwendung überhaupt nicht bewusst.

Die Deutschen geben sich alle Mühe, Wasser zu sparen. Sie drehen den Hahn unter der Dusche zu, während sie sich einseifen. Sie sammeln Regenwasser in Tonnen, um den Garten damit zu wässern. Sie drücken nach dem Toilettengang die Spartaste und wählen für die Spülmaschine das Ecoprogramm. Und kommen so auf einen Verbrauch von 120 Litern am Tag.

Aber all diese Maßnahmen nützen nur dem guten Gewissen. Denn die Deutschen zählen trotz ihrer Bemühungen zu den weltgrößten Wasserverschwendern. Nach Angaben der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz braucht jeder hierzulande 5200 Liter - pro Tag. Der Weltdurchschnitt liegt bei 3340 Litern - inklusive Bewässerung von Gartenanlagen und Golfplätzen. Die US-Amerikaner nehmen sogar jeden Tag 6800 Liter in Anspruch.

Was ist virtuelles Wasser?

Es sind nicht Trink- und Brauchwasser - für die WC-Spülung -, sondern das virtuelle Wasser, das den Verbrauch in den Industriestaaten in die Höhe treibt: Jene Menge Wasser, die bei der Produktion von Fleisch, Getreide, Kleidung oder einer Dienstleistung verbraucht wird. 

Mosambik Maputo Wassermangel (DW/R. da Silva)

Warten auf Wasser: Menschen in Maputo, Mosambik

Für eine Tasse Kaffee (125 Milliliter) werden 140 Liter Wasser benötigt, obwohl Kaffeepflanzen in Regionen mit genügend Niederschlägen angebaut werden. Und eine 100-Gramm-Tafel Schokolade wird mit 1700 Litern Wasser zum Luxusgut. 

Aus ökologischer Sicht fragwürdig ist die Produktion von Nahrungsmitteln in trockenen Zonen: Kenia beispielsweise züchtet Rosen für den deutschen Markt. Für eine Rose werden laut der Organisation Water Footprint Network 15 Liter Wasser verbraucht. Und je stärker die Blumenindustrie boomt, desto mehr sinkt der Wasserspiegel. In den vergangenen Jahren sank der Pegel um fünf Meter, so Water Footprint Network. Außerdem gelangen Düngerrückstände und Pestizide ins Grundwasser.

Burkina Faso Baumwoll-Farm (Getty Images/I.Sanogo)

Augen auf beim Pullover-Kauf: Beim Wachsen verschlingt Baumwolle Massen an Wasser

Im trockenen Süden Spaniens braucht es großflächige Bewässerung, um Tomaten und Erdbeeren anzubauen, die nach Deutschland ausgeführt werden. Zum Gemüseanbau wird entsalztes Meerwasser verwendet. Dadurch aber versalzt das Grundwasser.

Teure Baumwolle

Auch Kleidung aus Baumwolle verschlingt Unmengen Wasser, bis sie in der Einkaufstüte landet. Denn Baumwollsträucher brauchen immens viel Wasser zum Gedeihen. Hinzu kommt, dass die Hälfte der weltweit genutzten Baumwollflächen künstlich bewässert werden muss. Für ein Kilo Baumwolle sind zwischen 10.000 und 17.000 Liter Wasser zu veranschlagen.

Der Sudan zählt zu den wichtigsten Baumwoll-Exporteuren. Doch Dürreperioden haben den Verbrauch von Wasser dafür auf bis zu 29.000 Liter pro Kilo ansteigen lassen. "Für die Wasserkrise verantwortlich und zugleich von ihr betroffen sind wichtige deutsche Wirtschaftssektoren, vom Lebensmittelhandel, über die Automobilindustrie bis zur Modebranche", beklagt Philipp Wagnitz, Wasserexperte der Organisation WWF (World Wildlife Fund). 

Es kommt auch darauf an, wo produziert wird. Während für den Reisanbau in Marokko im Schnitt 2.600 Liter Wasser pro Kilogramm verbraucht werden, benötigen thailändische Reisbauern 3.412 Liter. Doch die puren Zahlen trügen, denn im niederschlagsarmen Marokko müssen die Felder gewässert werden, während in Thailand der tropische Monsunregen das Wachstum anregt. 

Aufwendige Futtermittelproduktion im Ausland

Nur auf einheimische Produkte zu setzen, löst das Problem der Wasserverschwendung keineswegs. Am Beispiel Rindfleisch zeigt sich das Dilemma: Früher fraßen Rinder fast ausschließlich Gras oder Heu, das der Mensch nicht selbst als Nahrung beanspruchte. Heutzutage wird das Vieh mit Weizen, Mais und Soja gemästet. Die Getreide werden größtenteils importiert, was die Wasserbilanz stark ansteigen lässt.

Im Fleischatlas veranschaulichen Heinrich-Böll-Stiftung und die Umweltorganisation BUND alljährlich, welche Auswirkungen der Konsum von tierischen Nahrungsmitteln hat: Demnach könnte das ans Vieh verfütterte Getreide und die Hülsenfrüchte drei Milliarden Menschen ernähren. Zudem ist die Rindermast schwierig. Das Tier setzt die aufgenommene Nahrung nicht vollständig in Körpersubstanz um, und allein 40 Prozent des Fleisches sind vermarktbar. 

Deutschland: wichtiger Fleischexporteur

"Wer nur ein einziges Steak im Jahr weniger isst, spart dadurch mehr Wasser als durch Regenwassernutzung im Haushalt", rechnet Rainer Berg vor. Der Biologe ist Sprecher der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft (DWA). Hinter einem Kilogramm Rindfleisch stecken rund 15.000 Liter Wasser - Weizen benötigt mit 1.300 Litern weniger als ein Zehntel davon.

Tatsächlich entscheiden sich immer mehr Verbraucher dafür, fleischlos zu leben. Aber die Produktion sinkt dadurch nicht. Das Statistische Bundesamt hat Rekordwerte für die Fleischherstellung gemeldet: 4,1 Millionen Tonnen produzierten deutsche Betriebe im ersten Halbjahr 2016. Schweinefüße gelten in China als Delikatesse, auch in Länder Osteuropas werden Innereien und Bauchspeck konsumiert - Waren, die deutsche Esser verschmähen. 

Für das Kraftfutter müssen große Mengen Getreide importiert werden. In Brasilien wurden zum Sojaanbau riesige Regenwaldflächen abgeholzt. Verbraucherorganisationen raten zum Kauf von regionalem und saisonalem Obst und Gemüse, von Lebensmitteln mit Bio-Siegel und zu reduziertem Fleischkonsum. 

Zielgerichteter bewässern

Beim G20-Treffen mit seinen Ressort-Kollegen in Berlin forderte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Ressource Wasser. Als Beispiel nannte er Saatgut für Pflanzen, die mit wenig Wasser auskommen. Außerdem verwies er auf neue Systeme, die mit sparsamer Tropfen-Bewässerung arbeiten. 

Bisher übliche sprühende und rotierende Beregnungsanlagen befördern viel Wasser zwischen und neben die Pflanzen. Bei neuen Verfahren tropft kontinuierlich Wasser in geringem Abstand zum Boden auf die Pflanze. Dadurch dringt die Flüssigkeit direkt in den Boden und zum Wurzelwerk, statt an warmer Umgebungsluft zu verdunsten. Tropfen-Bewässerung bringt, so das Bundeslandwirtschaftsministerium, Einsparungen von bis zu 80 Prozent.

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