Die Vielfalt Deutschlands im DaF-Unterricht | Deutschlehrer-Info | DW | 12.11.2020
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Deutschlehrer-Info

Die Vielfalt Deutschlands im DaF-Unterricht

Von der Gender-Debatte bis zur Black-Lives-Matter-Bewegung – es gibt viele aktuelle Diversity-Themen, die eigentlich auch für den DaF-Unterricht relevant sind. Doch die Realität sieht oft anders aus.

Auf einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor hält eine Frau ein Transparent mit der Aufschrift Vielfalt für Deutschland hoch.

Deutschland ist bunter, als es der Unterricht oft vermittelt

Die Deutschen sind hellhäutig, blond und gesund. Männer in Deutschland lieben Frauen, sind angesehen, arbeiten häufig als Ingenieure oder Ärzte und spielen gerne Computer oder Schach. Frauen in Deutschland lieben Männer, arbeiten zum Beispiel als Krankenschwestern, Verkäuferinnen oder Friseurinnen und verbringen ihre Freizeit mit Spaziergängen, Malen oder Fotografieren. Eine deutsche Familie besteht aus Vater, Mutter und zwei Kindern, wobei die blau gekleideten kurzhaarigen Jungs gerne mit Fahrzeugen und die rosa gekleideten langhaarigen Mädchen gerne mit Puppen spielen ...

Solche Aussagen mögen vielleicht verrückt klingen. Und doch spiegeln sie das Deutschlandbild wider, das viele DaF-Lehrwerke noch bis heute vermitteln. Einen zeitgemäßen und wertschätzenden Umgang mit Vielfalt, wie er beispielsweise in den Gender Studies oder in den Kulturwissenschaften schon seit Jahrzehnten diskutiert wird, findet man hier oft nicht.

Diversität in DaF-Lehrwerken … 

Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls unterschiedliche wissenschaftliche Analysen. Die Standardisierung der Prüfungsformate, die auch im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen steht, erklärt diese vereinfachten Darstellungen nur teilweise. Ein anderer wichtiger Grund liegt in den Entstehungsbedingungen der Lehrwerke. Dr. Simone Heine vom DAAD Informationszentrum Belgrad erklärt: „Die Standardwerke werden in Deutschland erstellt und weltweit vertrieben. Um auch in Regionen verkauft werden zu können, in denen Bilder mit nackten Schultern zum Beispiel tabu sind, sollen sie so wenig Reizstoff wie möglich bieten. Deshalb kommen sie sehr vorsichtig und konservativ daher.“

Eine Ausnahme bilden wenige neuere Bücher wie „Netzwerk neu“, „Mitreden. Diskursive Landeskunde für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ oder „Impuls Deutsch“, das gezielt für den US-amerikanischen Markt entwickelt wurde. Darin zeigt sich, dass Gender und Diversity viel mehr als nur landeskundliche Themen sind. „Natürlich können Lehrkräfte zum Beispiel Fakten zur Gleichstellung von Schwulen, Lesben und LGBTQ-Personen vermitteln. Darüber hinaus gilt es aber, die Lernenden dazu zu bringen, dass sie auf Deutsch über ihre Perspektiven zu dem Thema sprechen und somit an einem gesellschaftlichen Diskurs partizipieren können, der sich nicht auf Deutschland beschränkt“, meint Kristina Peuschel, Professorin für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache und seine Didaktik an der Universität Augsburg.

… und in selbsterstellten Unterrichtsmaterialien

Die Berücksichtigung von Gender und Diversity im DaF-Unterricht muss aber nicht erst auf der Ebene der Diskursfähigkeit beginnen. Das fängt schon damit an, dass etwa Arbeitsanweisungen nicht im generischen Maskulinum formuliert sein müssen, sondern zum Beispiel das Gendersternchen enthalten können.

Ein Tweet mit dem Wort Bürger*innen

Noch nicht überall etabliert: der Genderstern – hier in einem Tweet der baden-württembergischen Landesregierung

Es ist auch durchaus denkbar, die Personalpronomen in der dritten Person in einer anderen Reihenfolge einzuführen als nach dem bekannten Schema „er, sie, es“. Und man kann zum Beispiel schon im Anfängerunterricht auch nicht-binäre Pronomen einführen, damit die Lernenden auf Personen verweisen können, die sich nicht als weiblich oder männlich identifizieren. Prof. Dr. Angineh Djavadghazaryans, die an der Oakland University im US-amerikanischen Rochester DaF unterrichtet, erzählt zum Beispiel, dass ihre Studierenden sie in fast allen Kursen von sich aus danach fragen: „Für unsere Studierenden ist das inzwischen selbstverständlich.“ 

Solche Beispiele sind auch für Lehrkräfte interessant, die ihre eigenen Materialien erstellen, um sich in ihrem DaF-Unterricht mit Gender und Diversity auseinanderzusetzen. Letztlich sollte es immer darum gehen, die Teilnehmer*innen über ihre Selbst- und Fremdbilder reflektieren zu lassen.

Fit für den diversitätsorientierten Unterricht?

Simone Heine empfiehlt Lehrkräften, im Vorfeld eine spezialisierte Fortbildung, beispielsweise in Managing-Diversity-Methoden, zu besuchen. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich anschließend als Expert*innen betrachten sollten: „Es geht nicht darum, den Teilnehmenden die eigene Sichtweise überzustülpen. Stattdessen gilt es auch für die Lehrkräfte, sich immer wieder selbst zu reflektieren.“ Konservative Weltbilder prägen den gesellschaftlichen und politischen Diskurs in vielen Ländern der Welt. DaF-Lehrkräfte können den Lernenden dort lediglich Denkanstöße geben.

Im Unterricht können DaF-Lehrkräfte dafür auf authentische Materialien wie etwa Twitter-Diskurse zu Themen wie Gender, Class oder Enthinderung zurückgreifen und durchaus auch auf die Erfahrungen und Kompetenzen ihrer Lernenden setzen, meint Laura Schmidt vom Team DaZ/DaF-Didaktik der Universität Augsburg: „Gerade für junge Menschen, die sich in sozialen Medien tummeln, sind die Diskussionen, die wir führen, nichts Neues. Sie haben sich häufig schon Gedanken dazu gemacht und Ideen entwickelt, die sie ohne große Schwierigkeiten auf die Fremdsprache Deutsch übertragen können.“ 

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