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Grausame Euthanasie

Mark von Lüpke14. Januar 2014

Hunderttausende Menschen wurden im Nationalsozialismus als "lebensunwertes" Leben denunziert und ermordet. In der Sterbehilfe-Debatte spielt dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte eine wichtige Rolle.

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Euthanasie in Bayern zur NS-Zeit
Bild: picture-alliance/dpa

Joseph Goebbels war ein konsequenter Tagebuchschreiber. "40.000 sind weg, 60.000 müssen noch weg", notierte der Reichspropagandaminister im Januar 1941. Was Goebbels so lapidar verzeichnete, war in Wirklichkeit ein Massenmord. Seit Beginn des Jahres 1940 ermordeten deutsche Ärzte mit der Hilfe von Pflegerinnen und Pflegern systematisch psychisch Erkrankte und Menschen mit Behinderung. Die Hilflosen wurden vergast, mit Medikamenten getötet, oder man ließ sie einfach verhungern. Seit dem 1. September 1939 befand sich Deutschland im Krieg, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen galten als "Ballastexistenzen" und sollten "verschwinden".

"Der gute Tod"

"De facto sind in der Zeit des Nationalsozialismus im deutschen Herrschaftsbereich ab 1939 etwa 300.000 Menschen unter dem Deckmantel der Euthanasie ermordet worden", erläutert der Medizinhistoriker Gerrit Hohendorf, der am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München lehrt und gerade das Buch "Der Tod als Erlösung vom Leiden. Geschichte und Ethik der Sterbehilfe seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland" veröffentlicht hat. Euthanasie bedeutet im Deutschen der "gute" oder der "schöne" Tod – der Begriff ist auch eine Umschreibung für die Sterbehilfe, die immer wieder in Deutschland diskutiert wird.

Gerrit Hohendorf
Gerrit HohendorfBild: Privat

Die nationalsozialistischen Euthanasiemorde, unter denen die sogenannte "Aktion T4" traurige Berühmtheit erlangte, waren eine Form der Euthanasie – mitleidlos und gnadenlos. Betroffen waren diejenigen Bevölkerungsgruppen, die von Nationalsozialisten als "nutzlos" angesehen wurden oder denen Mediziner mit dem Stempel der "Aussichtlosigkeit" das Todesurteil verhießen. "Das waren psychisch kranke Menschen, das waren Menschen mit geistigen Behinderungen, das waren zunehmend aber auch Fürsorgezöglinge, Menschen mit sozialen Auffälligkeiten und, denke ich, in den letzten Kriegsjahren auch viele körperlich kranke Menschen, auch Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die nicht mehr als arbeitsfähig galten", erklärt Gerrit Hohendorf die verheerende Dynamik der Mordaktionen.

BdT Deutschland Berlin Denkmal der grauen Busse
Das mobile Denkmal der grauen Busse erinnert an jene Fahrzeuge, die die Behinderten abtransportiertenBild: AP
Gedenkstätte Grafeneck Flash-Galerie
Keine Idylle - In der Tötungsanstalt Grafeneck bei Gomadingen wurden 1940 fast 11.000 Behinderte vergastBild: picture alliance/dpa

"Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens"

Ideologisch vorbereitet hatte den nationalsozialistischen Massenmord das 1920 in Deutschland erschienene Buch "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" des Psychiaters Alfred Hoche und des Juristen Karl Binding. "Binding entwickelte die Idee der 'straflosen Mitleidstat'. Er hat sich dann gefragt, für welche Gruppen denn diese 'straflose Mitleidstat' zutreffen würde, und hat als erste Gruppe diejenigen genannt, die wegen einer schweren Erkrankung um ihre Tötung bei vollem Bewusstsein bitten würden", erläutert Michael Wunder, der als Psychologe und Psychotherapeut bei der Evangelischen Stiftung Alsterdorf arbeitet und Mitglied des Deutschen Ethikrates ist.

Binding und Hoch formulierten zudem aber eine zweite Gruppe von Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit ihren Willen, auch zum Tod, nicht äußern können. "Gibt es Menschenleben, die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben, dass ihre Fortdauer für die Lebensträger wie für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?", fragte Binding in seinem Buch und bejahte diese Frage: Auch aus "Mitleid" müssten diese "lebensunwerten" Individuen getötet werden. Für die Frage der Sterbehilfe definierten Hoche und Bindung also diejenigen Menschen, die aus freiem Willen den Suizid wählen können und Menschen, die ihren Willen eben nicht äußern können. "Damit ist die Janusköpfigkeit der Euthanasiedebatte von Anfang an eigentlich klar formuliert", meint Michael Wunder. Und ferner "Man kann sagen, wenn man von bestimmten Sprachgestalten absieht, ist es eine hochmoderne Auseinandersetzung, eine hochmoderne Schrift, die ihre Brisanz bis heute nicht verloren hat", so Michael Wunder über das Buch. Die Frage ist: Wer will entscheiden, ob ein Leben lebenswert oder nicht lebenswert ist? Im Nationalsozialismus haben sich Ärzte hundertausendfach dieses Recht genommen – mit grausamen Folgen.

Psychologe und Psychiater Michael Wunder
Michael WunderBild: Axel Nordmeier

Die historische Verantwortung

"Der Punkt ist ja letztlich, dass eine schiefe Ebene eröffnet wird, in dem Moment, wo man diese Grenze zur aktiven Beendigung des Lebens überschreitet und Ärzten oder Ärztinnen die Verantwortung oder Möglichkeit zuerkennt, über Wert oder Unwert des menschlichen Lebens zu entscheiden" mahnt Gerrit Hohendorf zu Vorsicht und Verantwortung. "Denn das tut man natürlich dann, wenn man einen Menschen tötet oder Beihilfe zum Suizid leistet. Dann ist es der Wunsch oder die Intention, dass dieses Leben nicht mehr sein soll". Hunderttausende im Nationalsozialismus unter dem Deckmantel der Euthanasie Ermordete mahnen auch heute zu einem besonders sensiblen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema Sterbehilfe.

Sterbehilfe Belgien Euthanasie
Belgisches Euthanasie-KitBild: picture-alliance/dpa