1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Die Türkei der deutschen Erdogan-Fans

Daniel Heinrich
26. Juni 2018

Viele Türken in Deutschland haben erneut für Erdogan gestimmt. Ein verzerrtes Bild der Lebensumstände in der Türkei war ein Grund dafür. Die türkische Community ist tief gespalten. Daniel Heinrich berichtet aus Köln.

https://p.dw.com/p/30Gzx
Deutschland Erdogan Anhänger in Köln
Bild: picture alliance/dpa/H. Kaiser

Eren Özbek, rote Chucks an den Füßen, großes Tattoo entlang des rechten Unterarms, wirkt eigentlich ziemlich abgeklärt, jemand, der die Dinge gerne im Griff hat. An diesem wolkenverhangenen Nachmittag im Juni ist der 39-Jährige Kölner, der als Onlinemarketing-Experte in einem Möbelhaus für Kult-Möbel arbeitet, allerdings ganz offensichtlich aufgewühlt. Die Wahl in der Türkei, dem Herkunftsland seiner Eltern, treibt ihn um. Knapp die Hälfte aller stimmberechtigten Türken in Deutschland, rund 700.000 Menschen, haben ihre Stimme abgegeben. Özbek beschäftigt vor allem die Reaktion der Erdogan-Unterstützer: "Wenn ich mir deren Autocorsos nach der Wahl in Köln, Hamburg oder Berlin angucke, fällt mir nichts mehr ein. Diese Menschen fahren teure Autos, die sie sich nur leisten können, weil sie in einer prosperierenden deutschen Wirtschaft arbeiten. Diese Menschen leben hier in Freiheit, in einem liberalen Land und verfügen über einen gewissen Luxus. In solchen Verhältnissen zu leben und den Türken in der Türkei einen Käfig zu verordnen und sich darüber auch noch zu freuen, das geht einfach nicht, das ist beschämend."

Starke Hand erwünscht

Knapp 65 Prozent der Türken in Deutschland, die ihre Stimme abgaben, stimmten für den türkischen Präsidenten. Yasar Aydin arbeitet als Migrationsforscher an der Evangelischen Hochschule Hamburg. Gegenüber der DW erklärt er, dass viele Türkeistämmige in Deutschland sehr wohl mitbekommen würden, dass in der Türkei Journalisten und Oppositionelle eingesperrt würden, dass die Situation in den kurdischen Regionen im Osten des Landes Kriegsgebieten ähneln würde: "Sie sind aber der Meinung, dass diese Maßnahmen zu einem notwendigen Übergangsstadium gehören. Viele Leute sagen: Es hat einen Putschversuch gegeben, die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, es gibt den IS, die PKK, es gibt Terroranschläge. Da muss man mit harter Hand durchgreifen." Hinzu kämen Menschen, die Erdogan wählen würden, weil er in den Medien omnipräsent sei oder Menschen, die Erdogan aus einer Art Trotzreaktion wählen würden: "Die Tatsache, dass der Präsident eines NATO-Partners, eines wichtigen Wirtschaftspartners, im Wahlkampf in Deutschland nicht auftreten durfte, hat viele Menschen hier tief empört."

Großes Misstrauen gegenüber deutschen Medien

Wie groß die Empörung, wie groß die Gräben und die Verständnislosigkeit inzwischen sind, zeigt sich auch in Mülheim, einem Stadtviertel in Köln, in dem sehr viele Menschen mit türkischem Hintergrund leben: Reisebüros, Dönerbuden, Gemüseläden, Brautmodengeschäfte, Anwaltskanzleien, Arztpraxen. Die meisten Schilder sind hier auf Türkisch. Die Begeisterung für die Türkei ist groß. Die Begeisterung, mit einem deutschen Reporter über türkische Politik zu sprechen, liegt bei Null. Einblick in den Versuch einer spontanen Straßenumfrage: "Deutsche Presse? Ihr schreibt doch eh wieder gegen Erdogan", höre ich beim Bäcker. "Mit Dir rede ich nicht", stellt ein Gemüsehändler fest. "Kein Kommentar", wirft mir ein junger Mann im Anzug zu, der gerade in sein Auto einsteigt. Eine Frau um die 40 mit Kopftuch lächelt: "Über Politik rede ich nicht mehr in der Öffentlichkeit". 

Deutschland Keupstraße in Köln
Die Keupstraße in Köln Mülheim: Viele türkische Familien wohnen hierBild: DW/M. Hussein

Den Soziologen Yasar Aydin wundert das ablehnende Verhalten überhaupt nicht: "Das Misstrauen gegenüber Journalisten ist einfach zu groß. Viele Türkeistämmige, insbesondere Konservative, sind der Meinung, dass in den Medien in Deutschland ein regelrechtes Türkei-Bashing betrieben wird. Diese Leute vertrauen den deutschen Medien nicht. Sie sagen, die deutschen Medien betrachten die Türkei immer nur aus dem Blickwinkel von Dissidenten, von Menschen, die Probleme mit der Türkei haben." Für viele dieser Menschen, so Aydin, sei beispielsweise der Journalist Can Dündar jemand, der türkische Staatsgeheimnisse preisgegeben habe: "Viele Leute verstehen nicht, warum Dündar in Deutschland nun hofiert wird. Da machen auch eine ganze Menge an Verschwörungstheorien die Runde."

Sprachlosigkeit in der türkischen Community

Türkei Experte Yasar Aydin
Türkei-Experte Yasar AydinBild: D. Heinrich

Das Misstrauen besteht nicht nur gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft, auch innerhalb der Community brodelt es. Eren Özbek kennt das Gefühl der Sprachlosigkeit nur zu gut. Özbek kommt selbst aus Mühlheim, ist in dem Stadtviertel großgeworden. Er wird traurig, wenn er darüber nachdenkt, wie tief die Risse innerhalb der türkischen Community in Deutschland aufgrund der politischen Situation in der Türkei inzwischen sind: "Schon seit den Gezi-Protesten 2013 sind immer wieder Freundschaften zerbrochen. Auch ich würde im Moment den wenigen Erdogan-Anhängern, die in meinem Freundeskreis noch verblieben sind, aus dem Weg gehen. Im Moment bin ich einfach auch zu emotional aufgeladen, um da irgendwas noch dazu zu sagen."

Özbek hat selbst 20 Jahre in der Türkei gelebt hat, ist dort zur Schule und zur Universität gegangen. Für ihn haben viele Erdogan-Unterstützer ein verblendetes Bild von der Heimat ihrer Eltern oder Großeltern: "Ich kann diesen Leuten nur nahelegen: Lebt mal ein Jahr dort, lebt mal ein Jahr in einer Großstadt mit ähnlichen Lebenshaltungskosten wie in Mitteleuropa von einem Mindestlohn von 300 Euro, versucht mal als Frau ohne Kopftuch oder als Mann mit Shorts durch konservative Viertel zu laufen. Da läuft man Gefahr, verprügelt zu werden. Solche Dinge passieren dort. Viele Deutschtürken hier, die Erdogan unterstützen, verschließen vor dieser Situation vollkommen die Augen."

Fantasie vom Traumland Türkei

Dass gerade viele Erdogan Unterstützer in Deutschland ein zu rosiges Bild von der Türkei haben, analysiert auch Yasar Aydin. Gerade vor der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation würden viele derzeit die Augen verschließen: "Viele Deutschtürken malen sich ein Traumbild. Wenn diese Leute in den Urlaub in die Türkei fliegen, nehmen sie vor allem die positiven Veränderungen wahr. Man nimmt dann die neuen, schönen Hochhäuser wahr, die neuen Moscheen."

Deutschland | Eren Özbek
Eren Özbek: "Es ist einfach nicht wahr, dass alle Türken in Deutschland Erdogan unterstützen"Bild: DW/. Heinrich

Negative Veränderungen würden jedoch im Gegenzug nicht in gleichem Maße wahrgenommen: "Die Leute sehen nicht, dass die Wirtschaft nicht rund läuft. Die normalen Leute achten doch nicht auf solche Dinge wie Leistungsbilanzdefizit, das Außenhandelsdefizit oder die Tatsache, dass das Meiste auf Pump finanziert wurde."

Besonders verrückt, so Aydin, sei die Situation im Bezug auf die türkische Lira: "So etwas wie der Kursverfall der Lira führt bei den Deutschtürken, die mit Euro zahlen, dazu, dass sie sich einen Luxusurlaub in der Türkei für noch weniger Geld leisten können."

Das Bild des Landes, das viele sowieso nur aus dem Urlaub kennen, würde sich somit noch weiter zum Positiven verschieben: "Und all das wird dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gutgeschrieben".