Die Titelverteidigung ist möglich | FIFA WM 2018 in Russland | DW | 05.06.2018
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Wie 2014 in Brasilien?

Die Titelverteidigung ist möglich

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zählt zum engeren Favoritenkreis bei der WM in Russland. Auch wenn Joachim Löw noch ein paar Probleme beseitigen muss, besticht die DFB-Elf durch eine hohe Qualität. Eine Analyse.

Der WM-Pokal ist bereits in Moskau angekommen. Gemeinsam mit Ex-Nationalspieler Lothar Matthäus, der die Trophäe auf dem Manegeplatz in der russischen Hauptstadt enthüllte, präsentierte der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin das begehrte rund sechs Kilogramm schwere Stück. "Heute wird Moskau zur Fußballhauptstadt der Welt, und wir begrüßen den Pokal wie einen alten Freund", sagte Sobjanin. Alle Städte und alle Stadien seien bereit für die Fußballweltmeisterschaft, ergänzte der Chef des Organisationskomitees Alexej Sorokin.

Bereit für die Titelverteidigung ist die deutsche Nationalmannschaft dagegen noch nicht. Spätestens beim unrühmlichen Testspiel gegen Österreich wurde deutlich, dass die DFB-Elf noch einige Baustellen zu bearbeiten hat. "Wenn wir so spielen, haben wir keine sehr großen Chancen. Es gibt eine ganze Menge aufzuarbeiten", kündigte ein angefressener Bundestrainer nach der 1:2-Niederlage an. "Aber wir lassen uns nicht verrückt machen. Wir hatten auch vor anderen Turniere schon solche Testspiele."

Sane kein echter Verlust

Bis zum ersten Spiel gegen Mexiko haben Löw und sein Trainerteam noch knapp zwei Wochen Zeit, die Nationalmannschaft in den WM-Modus zu bringen. Kein Grund zur Panik also, die aber bei einigen Beobachtern nach der Kadernominierung aufkam. Denn neben Jonathan Tah, Bernd Leno und Nils Petersen strich der Bundestrainer etwas überraschend auch Leroy Sane.

Testspiel: Oesterreich - Deutschland Leroy Sane (picture-alliance/Ulmer/M. Ulmer)

Darf nicht mit nach Russland: Leroy Sane

Damit verzichtet Löw auf spielerische Qualität, auf schnelle Dribblings und auf eine vielleicht spielentscheidende Chance, den Überraschungseffekt. So lautete zumindest die überwiegende Meinung der Journalisten. Für den Bundestrainer spielt aber das Mannschaftsgefüge, also ein auf und neben dem Platz funktionierendes Team, eine wichtigere Rolle als ein hochbegabter Einzelspieler - somit ist die Ausbootung Sanes nachvollziehbar.

Großes Lob für Marco Reus

Qualität, vor allem im Angriffsspiel, hat der Weltmeister nämlich trotzdem mehr als genug. "Rakete" Marco Reus zum Beispiel. Der 29-Jährige, der nach zwei verpassten Turnieren vor seiner ersten WM steht, zählt zu den wichtigsten Bausteinen im System von Joachim Löw. "Ich nehme ihn als Spieler wahr, der wahnsinnig geschickt, intelligent und für den Gegner überraschend spielt. Er hat ein unglaubliches Können in seinen Aktionen, es wirkt so leicht und spielerisch. Sein Timing ist richtig, auch im Passspiel. Er ist raffiniert im Abschluss. Er wirkt auf mich sehr gut", lobte ihn der Bundestrainer unlängst überschwänglich.

Reus, der bei Borussia Dortmund zu den wenigen Lichtblicken der abgelaufenen Saison gehörte, will nun endlich auch im DFB-Dress für Furore sorgen. "Ich will eine wichtige Rolle spielen und bei den wichtigen Spielen dabei sein", kündigte der Offensivspieler an.

Kroos ist Löws Schlüsselspieler

Gemeinsam mit dem Dortmunder werden Sami Khedira, Mesut Özil, Thomas Müller und Toni Kroos im Mittelfeld in erster Linie für Ordnung und Gefahr sorgen. Vor allem Kroos ist Dreh- und Angelpunkt in Löws System. Der aktuelle Champions-League-Sieger von Real Madrid bringt die nötige Ruhe, die Übersicht, aber auch die besonderen Pass-Momente mit, welche Spiele entscheiden können.

Mit einer beeindruckenden Quote von 94 Prozent angekommener Pässe in der vergangenen Spielzeit zählt der 28-Jährige zu den besten seiner Klasse. "Er arbeitet wahnsinnig professionell und ist unheimlich belastbar. Ein absoluter Schlüsselspieler. Egal in welcher Situation, er zeigt nie Nerven", lobte Löw seinen unumstrittenen Star-Dirigenten.

Özil muss noch an sich arbeiten

Im Gegensatz zu Reus und Kroos steht hinter dem Zustand Mesut Özils derzeit noch ein großes Fragezeichen. Der Star von Arsenal London ist nach Rückenproblemen noch nicht ganz fit. Die entsprechende zuletzt wieder aufkommende öffentliche Kritik am Offensivmann, was die Körperhaltung und den Einsatz betrifft, gehören schon fast zum normalen Prozedere, wenn es um die Personalie Özil geht. Aber auch Löw hatte angekündigt, dass der 29 Jahre alte Weltmeister noch die eine oder andere Extra-Einheit vor dem Turnierstart absolvieren müsse.

Werner: "Es zählt, Weltmeister zu werden"

Timo Werner, der sein erstes großes Turnier spielen wird, zählt zu den schnellsten und Akteuren im DFB-Kader. Auf 31 Torbeteiligungen (21 Tore erzielt, 10 vorbereitet) brachte er es in der abgelaufenen Saison für RB Leipzig. Zudem sind seine Unbekümmertheit und die Tatsache, dass er sich unterordnen kann, weitere Eigenschaften, die der DFB-Elf gut tun. "Es zählt das Eine, und das ist Weltmeister werden. Da zählt nicht, ob man Torschützenkönig wird oder eine Minute mehr spielt als der andere", sagte Werner dem SWR.

Trainingslager Nationalmannschaft in Südtirol (Imago/Schüler)

Julian Brandt (r.) bekam den Vorzug vor Leroy Sane (l.) und darf zur WM

Insgesamt besticht die Offensive der Nationalmannschaft durch erfahrene Weltklassespieler und junge, hungrigee Akteure - eine gute Mischung. In der Hinterhand scharren Spieler wie Julian Brandt, Julian Draxler, Sebastian Rudy, Leon Goretzka, aber auch Ilkay Gündogan mit den Hufen. Sie kommen zwar qualitativ (noch) nicht an die zuvor genannten Spieler heran, sind aber gute und sinnvolle Ergänzungen auf den einzelnen Positionen.

Boateng und Hummels unschlagbar

Über die Defensive des Weltmeisters müssen nicht viele Worte verloren werden. Wird Jerome Boateng rechtzeitig fit - wonach es derzeit aussieht - dürfte die DFB-Abwehrformation nur schwer zu knacken sein, auch wenn sie in den bisherigen Testspielen gegen Brasilien und Österreich nicht restlos überzeugte. Boateng und Mats Hummels zählen ohne Frage zur Weltspitze, und auch Niklas Süle ist ein zuverlässiger Backup. "Generell sind es sehr starke Spieler und selbst wenn uns drei ausfallen, haben wir immer noch eine sehr gute Auswahl", analysierte Hummels. Neben Süle stehen noch Matthias Ginter und Antonio Rüdiger, die beide flexibel einsetzbar sind, zur Auswahl. Das gibt dem Bundestrainer den nötigen taktischen Spielraum.

Auf der Außenbahn ist Joshua Kimmich hinten wie vorne gefährlich, und auch Jonas Hector, der die linke Seite beackern wird, steht für solide Abwehrarbeit. Für Löw wird es in den kommenden Tagen aber darauf ankommen, seine Außenverteidiger in die Spur zu bringen. Zu ihrer WM-Form fehlt beiden noch ein Stück.

Für Kimmich, der 47 Saisonspiele mit dem FC Bayern in den Knochen hat, dürften genauso wie für Hector, der den Abstieg mit dem 1. FC Köln zu verarbeiten hatte, die noch verbleibenden Tage bis zum Anpfiff der WM aber ausreichen, um zu alter Stärke zu finden. Die linke Verteidiger-Seite bleibt aber das kleine Problemfeld in Löws WM-Kader. Hector-Ersatz Marvin Plattenhardt fehlt es an internationaler Erfahrung und dürfte nur im Notfall in Russland zum Einsatz kommen.

Neuer - ein starker Rückhalt

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Neuer oder ter Stegen - wer sollte die Nummer 1 sein?

Im Tor nichts Neues - da steht Manuel Neuer, der alle Unkenrufen zum Trotz den Vorzug vor Marc-Andre ter Stegen bekommen hat. Zwar fehlt es dem vierfachen Welttorhüter an Spielpraxis, was sich im Training und auch beim Test gegen Österreich allerdings nicht bemerkbar gemacht hat. Schnelle Reflexe, eine gute Übersicht und starke Paraden - "als wäre er nie weg gewesen", hatte Torwarttrainer Andreas Köpke unlängst zu Protokoll gegeben.

Und auch Angreifer Timo Werner zeigte sich nach dem Testspiel in Klagenfurt beeindruckt. "Ich habe ihn zum ersten Mal live in einem Spiel erlebt", sagte er. "Für mich ist es kein Wunder mehr, dass er Jahr für Jahr Welttorhüter geworden ist." Auch der Bundestrainer lobte seinen Rückkehrer: "Er war präsent und reaktionsschnell. Er hatte auch nach dem Spiel mit seinem Fuß keinerlei Probleme."

Titelverteidigung ist realistisch

Joachim Löw ist bekannt dafür, dass er seine Mannschaften immer auf den Punkt fit bekommt. Auch wenn es an einigen Stellen noch hakt, wird der Weltmeister mit einer starken Auswahl nach Russland reisen. Die Mischung aus etablierten und erfahrenen Spielern sowie hungrigen Akteuren, wie Reus oder Werner, machen aus der DFB-Elf einen heißen Anwärter auf den WM-Titel. .

Eine Titelverteidigung ist seit 52 Jahren zwar keiner Mannschaft mehr gelungen - bisher schafften das nur Italien (1934 und 1938) und Brasilien (1958 und 1962) - das könnte sich am 15. Juli in Moskau aber ändern.

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